Zum Wonne- und Sonnenmonat Mai ist
Breslau das düstere Gegenprogramm…jedenfalls in den Romanen des polnischen Altphilologen und Kriminalschriftstellers
Marek Krajewski. Jetzt liegt mit „
Festung Breslau“ (original 2007 als „Festung Breslau“)
(Platz 7) der vierte Roman um den deutschen Kriminalisten Eberhard Mock vor. Ursprünglich sollte dieser der letzte Band einer Tetralogie sein, inzwischen hat Krajewski, vom Erfolg und den Wünschen seiner Leser befeuert, einen fünften Roman abgeschlossen.
In „Festung Breslau“ gibt es zwei Zeitangaben: Bis zum 8. April 1945 heißt die von der deutschen Armee mit brutaler Zerstörung in eine Festung umgewandelte Stadt „Breslau“. Und im Jahre 1950 ermittelt ein polnischer Hauptmann Baniak in „Wrocław“ die Umstände des Todes einer Gräfin von Mogmitz, deren Leiche in einem Mini-U-Boot in der Oder gefunden wurde. Bei ihr fand man einen Zettel, den der herbeizitierte Altphilologe als lateinische Version der Bergpredigt identifiziert…
Krajewski entstammt selbst einer aus Lwów nach Wrocław zwangsumgesiedelten Familie und forscht in Gestalt des von Dämonen besessenen Kriminalisten Eberhard Mock den deutschen Spuren seiner Heimatstadt nach. „Festung Breslau“ ist, vermutlich, weil ursprünglich als krönender Abschluss der Tetralogie vorgesehen, der wildeste, dämonischste, besessendste Roman bisher: Im Wahngebilde „Festung Breslau“ verfällt Mock völlig seinem persönlichen Wahn: einer alttestamentarische Suche nach Gerechtigkeit, Vollstreckung inbegriffen.
Der reale Wahnsinn…des palästinensisch-israelischen Konflikts regiert die subtile Dramaturgie von Aktion und Dialog in Robert Littells „
Die Söhne Abrahams“ (
weiter auf Platz 1).
Jetzt hat sich
Matt Beynon Rees, britischer Journalist in Jerusalem mit „
Der Verräter von Bethlehem“ (original: „The Collaborator of Bethlehem“ 2006) als Krimiautor auf „Cain's Field“ gewagt. So charakterisierte er im Titel eines politischen Sachbuchs von 2004 die Lage im Nahen Osten. Die Roman-Lage in Bethlehem ist klar Schwarz-Weiß konturiert: Hier der alte Lehrer Omar Jussuf , die Stimme der Vernunft, etwas wacklig auf den von Alkoholmissbrauch geschwächten Beinen, dort die Gangsterbande der Märtyrerbrigaden, die den Befreiungskampf gegen Israel zur eigenen Bereicherung nutzt. Mittendrin ein Christ, Jussufs ehemaliger Schüler, angeklagt der Kollaboration mit dem Feind. Jussuf ermittelt, schwankend zwischen Raketeneinschlägen, Verzweiflung und Misstrauen. (
Platz 8)
Wahnsinnig, komisch, aber auch sehr real…sind die Verbrechen in Aberdeen. In seinem dritten Roman mit dem abgefahrendsten Polizistentrio seit langem zeigt sich
Stuart MacBride in Höchstform. In „
Der erste Tropfen Blut“ hat MacBride Logan „Lazarus“ McRae, den ewigen Sergeant, Laufburschen und Denkhund der Kriminalabteilung, in ein perfektes, das heißt optimal intrigantes Dreieck mit seinen beiden sich befeindenden Vorgesetzten DI Insch (ein fettes, ununterbrochen Süßigkeiten schmatzendes, kauendes, sabberndes Weib von Mann) und DI Steel (ein ausgemergelter, röchelnder, qualmender, fluchender Kerl von Weib, die alle Seeleute Aberdeens und die gesamte schottische Polizei mit ihren Sprüchen schlägt, das faulste Stück Lesbe, das je einen Sergeant quälte) manövriert.
Diese drei haben es mit schier unlösbaren Verbrechen zu tun. Der lokale Fußballstar ist aus ihrer Sicht ein notorischer Vergewaltiger, doch überführen können sie den Liebling Grampians nicht. Verborgen im undurchsichtigen Milieu der Bondage- und SM-Szene versteckt sich der oder die, die einen Pornodarsteller zu Tode sodomisierte. Selbst ein achtjähriges Bürschchen von seltener Brutalität, das einen Opa erschlagen hat, wird und wird nicht gefasst.
MacBride ist ein Könner. Ihm gelingt es, das Verstörende des Verbrechens in eine urkomische Erzählung zu transponieren, genannt Kriminalroman. Aus Schottland kommt ein herrlich böses Gelächter herüber: Die Welt ist grotesker, als Du Dir gedacht hast. (
Platz 10 )