Das Märchen vom Haas …
und dem Haasen geht weiter: Der Brenner und der liebe Gott ruhen sich auf Platz 1 geradezu aus. Pfüati!
Die Quantenphysik…
hat es dem Ex-Kommissar Hannes Jensen nun mal angetan, auch wenn er von der Mathematik nichts versteht, die dem Ganzen zugrunde liegt. Damit eröffnet sich für den Dilettanten, der die volkstümlichen Darstellungen Heisenbergs gelesen hat, ein weites Feld. Das Dubiose daran sind natürlich die Elemente, die es mit dem Krimi verwandt scheinen lassen: die Unsichtbarkeit zum Beispiel. Weil wir die elementaren Teilchen nicht sehen könne, reizen sie zur Spekulation, und uns zu der Annahme, unsere Spekulation verleite sie zu verändertem Verhalten.
Da das Verhalten der unsichtbaren Teilchen eine Frage der Spekulation oder ihrer mathematischen Variante, der Wahrscheinlichkeitsrechnung, ist, kann genauso gut ein bepisster Holzklotz aus Afrika voller Hühnerfedern etwas über die Zukunft wissen. Bis Ex-Komm Jensen beweist, dass er das nicht kann. Trotzdem wird die Prophezeiung Realität, die der Interpret des bepissten Holzklotzes Jensen an einem kalten Wintertag buchstäblich nachträgt.
Das Hübsche an Linus Reichlins Philophysik II Der Assistent der Sterne ist natürlich, dass dies nur eine Lesart ist. Eine andere erzählt von Mord, Erpressung, Entführung und dem Meer sowie von Schwarzen und Weißen im belgischen Winter mit einem Ausflug nach Surinam. (Platz 4) Ich gestehe, dass mir Linus II schon nicht mehr ganz so originell schien wie Linus I, aber bekanntlich ist quantenphysikalisch wie literaturtheoretisch und statisch eine verbindliche Aussage erst nach Linus III möglich. Dann dürfte Jensen Vater geworden sein.
Vaterschaft…
ist eher mittelbar das erschütternd behandelte Thema in Malla Nunns erstem Thriller Ein schöner Ort zum Sterben (original 2009: A Beautiful Place to Die) (Platz 7). Captain Pretorius ist Vater im übelsten patriarchalen Sinn. Unumschränkt herrscht der Bure über das Kaff Jacob’s Rest an der Grenze Südafrikas zu Mosambik. Malla Nunn, die selbst vermutlich Anfang der 60er Jahre (genauere Angaben sind damenhaft verschwiegen) in Swaziland geboren wurde, ist bisher in drei Dokumentarfilmen ihrer eigenen Familien- und Verwandtengeschichte in der Hochzeit des Apartheid-Wahns nachgegangen.
Ihr Debüt-Krimi besticht durch psychologisch glaubwürdige und dadurch erst wirklich dämonisch wirkende Figurencharakteristik und kenntnisreichen Einblick in den rassistischen Alltag jener noch gar nicht lange zurückliegenden finsteren Ära.
Die Geschichte, die sie erzählt, kann nur böse enden, und das macht sie erst recht gut.
Weil ich mehr wissen wollte, habe ich recherchiert: Es gibt auf dem Markt nicht eine einzige anständige Darstellung der südafrikanischen Geschichte, nur Einzelfallstudien und Touristentinnef. Soviel zur intellektuellen Vorbereitung des Lands der Dichter und Denker und auf die Fußballweltmeisterschaft. Also: lesen wir die Krimis aus Südafrika!
Die Zukunft…
zu gestalten, das kann ganz schön Angst machen. Aber auch Vergnügen. Das Vergnügen, einen alten, beinahe schon verknöcherten Menschen und einen jungen bei der tastenden Erforschung ihrer plötzlich ganz neu und frisch und offen vor ihnen liegenden Zukunft zu beobachten, macht den enormen Reiz der ersten 250 Seiten von Håkan Nessers drittem Barbarotti-Roman aus. Das zweite Leben des Herrn Roos (original 2008: Berättelse om herr Roos ) (Platz 8) gewinnt seine tiefe Spannung aus der nicht nur krimi-affinen Frage „Werden sie es schaffen?“ Es ist beinahe schade, dass das Experiment des Herrn Roos und der 19-jährigen polnischen Immigrantin Anna Gambowska, einen neuen Weg in die Zukunft zu finden, durch einen Krimi-Zufall beendet wird. Aber keine Bange: Kommissar Barbarotti ist durch ein Gipsbein gehandikapt (leider deutet Nesser die Handikaps für die Liebe nur an) und seine schlaue Kollegin durch den Trennungsprozess von ihrem sportbesessenen Ehemann. Deshalb brauchen sie eine Weile, um zu verstehen, was los ist – und wir verfolgen aus ihrer dummen Polizistenperspektive weiter die spannende Frage: Werden sie es schaffen?
Ich wünsche gute Lektüre!
Herzlich
Ihr Tobias Gohlis
Hamburg, den 27.10.2009







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