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21/03/05

Das Radio in der Kiste

von Andrzej Bodek


Zwei jüdische Fotografen, Mendel Grosman und Henryk Ross, die im Ghetto Lodz im Auftrag der statistischen Abteilung des Judenältesten für Ausweise und statistische Zwecke fotografierten, machten heimlich viele tausende Fotos von der Verladung in die Deportationszüge und auch von der sogenannten „Radiohörergruppe“ im Ghetto. Schon im Herbst 1939 waren alle Radios im Besitz der jüdischen Bevölkerung von Lodz beschlagnahmt worden, für Radiohören galt die Todesstrafe. Andrzej Bodek analysiert ein Foto, auf dem ein konspiratives Radio im Ghetto abgebildet ist: Ausgehend von diesem Alltagsgegenstand schildert er die Entstehungsbedingungen des Fotos und beschreibt die Aktivitäten der Radiohörergruppe um die Brüder Weksler.


Die Abbildung zeigt einen von Wiktor Rundbaken für die Zwecke des konspirativen Abhörens von Radionachrichten zusammengebauten Rundfunkempfänger.
Dadurch konnten die Ghettobewohner, die hermetisch von der Außenwelt seit 1. Mai 1940 abgeriegelt waren, von wichtigen Ereignissen Kenntnis nehmen, wie etwa der Alliiertenlandung in der Normandie oder dem Attentat auf Hitler. Ferner waren Meldungen deutscher Sender und Berichte der Antinaziallianz über die Entwicklung der Kriegslage und die Situation an den jeweiligen Frontabschnitten von großer Wichtigkeit für den Lebensmut und die Überlebenskraft der Eingeschlossenen.

Schon wenige Wochen nach dem Einmarsch deutscher Truppen musste die jüdische Bevölkerung in Lodz alle Rundfunkgeräte abliefern. Seit dieser Zeit wurde das Radiohören mit Todesstrafe belegt. Doch gelang es einige Radiogeräte zw. Bauteile zur Herstellung von Rundfunkgeräten ins Ghetto einzuschleusen. Bereits 1941 wurde eine Untergrund-Radiogruppe durch die Gestapo verhaftet und außerhalb des Ghettos hingerichtet.

Das Radiohören war in den Händen von Untergrundaktivisten um Icchak Lubinski. In seiner Wohnung trafen sich Henoch Weksler mit seinen Söhnen Szaja, Josef und Ber (Dov), Chaim Widawski, Mosze Tafel, Szloma Redlich, Vater und Sohn Altszyler u. a. Sie bildeten drei Radiogruppen, wie sich der heute im israelischen Rishon LeZion lebende Adam Wexler (geb. 1930), der jüngste der Weksler-Brüder erinnert. Wegen seines jugendlichen Alters durfte er noch nicht an den konspirativen Aktivitäten seiner Brüder und des Vaters teilnehmen. Die Radiogruppen arbeiteten unter ständiger Drohung der Deutschen, im Falle ihrer Entdeckung getötet zu werden. Ihre Hauptinformationsquellen waren: die BBC, das polnischsprachige Radio London sowie der polnische Untergrundsender „Świt“ (Morgengrauen). Bis zum 6. Juni 1944 waren sie unermüdlich mit der Verbreitung von Nachrichten unter den Ghettobewohnern beschäftigt. In den kurzen Freudentaumel über die Alliiertenlandung in der Normandie mischte sich noch am Abend des D-Days die Nachricht von der Verhaftung zahlreicher Mitglieder der Radiogruppen. Einer ihrer Anführer, Chaim Widawski, war zunächst flüchtig. Als die Deutschen mit Vergeltungsmaßnahmen gegen die Ghettobewohner drohten, nahm er sich das Leben.

Die ghettooffizielle Chronik des Judenältesten berichtet am 7. Juni 1944 von Verhaftungen der konspirativen Radiogruppe: „Wie im Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass eine Anzahl von Personen verhaftet wurden, die Radioapparate besaßen bzw. Rundfunknachrichten im Ghetto kolportiert haben.“ Der abgebildete Rundfunkempfänger wurde nach der Befreiung Lodzs von Ghettoüberlebenden im ehemaligen Ghettogebiet aufgefunden und später in ein Kibbutz nach Israel gebracht, wo auch dieses Foto entstand. Seit den 1950er Jahren ist das "Radio in der Kiste" Exponat in der Dauerausstellung des Holocaustmuseums im Kibbutz der Ghettokämpfer, Beith Lochamei HaGetaot zu besichtigen.

Bild: Ghetto Fighters' House, Israel

Erstellt: 25-02-05
Letzte Änderung: 21-03-05