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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Willem Breuker Kollektief: The European Scene

MPS LP 15487 (1975)


MIT DEN TRÄNEN DER CLOWNS: Das „Willem Breuker Kollektief“ auf „The European Scene“
von Reinhard Kager

Die Auswahl im Überblick

In den Niederlanden sind etliche Vorreiter der frei improvisierten Musik beheimatet. Bereits 1966 hatte dort der Pianist Misha Mengelberg das wegbereitende ICP Orchestra gegründet, dem anfänglich auch Willem Breuker angehörte. Acht Jahre später, 1974, sollte der niederländische Klarinettist mit der Gründung seines „Willem Breuker Kollektiefs“ einen weiteren Akzent in der Entwicklung des europäischen Jazz setzen, der sich um diese Zeit allmählich vom übermächtigen amerikanischen Vorbild zu lösen begann, um ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Breukers „Kollektief“ entdeckte vor allem zwei Komponenten für sich: einen subversiven Humor, der im zweiten, explizit politischen Bestandteil seiner Musik die Wurzeln besitzt: in einer durchaus ernsthaften Kritik an der Gesellschaft. Darin knüpfen Breuker und sein Ensemble an die volkstümlich scheinenden, bei genauem Zuhören aber durchaus komplexen Kompositionen von Hanns Eisler an; ebenso wie an Erik Saties "Parade", deren multistilistische Anlage wohl Pate stand bei Breukers musikalischem Konzept. Aber auch Varieté- und Zirkusmusiken bilden evidente Bezugspunkte, wenngleich diese unter dem respektlosen Zugriff des ursprünglich elfköpfigen „Kollektiefs“ geradezu anarchische Züge gewinnen.

Die immense Theatralik, welche die oft auch szenisch arrangierten Auftritte des „Kollektiefs“ in den siebziger Jahren besaßen, rührt sicher vom politischen Straßentheater dieser Zeit her und von den Erfahrungen, die Breuker als Komponist von zahlreichen Theater- und Filmmusiken sammelte. Doch tönt hinter den schrägen Arrangements der wild wechselnden Stile, hinter den oft sarkastischen musikalischen Satiren stets bitterer Ernst hindurch, mit dem das „Kollektief“ die sozialen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft kritisch anvisiert. Die jüngst entstandene Trilogie mit „Hunger“, „Thirst“ und „Misery“ ist ein beredtes Beispiel dafür. Darin treffen sich Breuker und seine Musiker mit den Weißclowns des Zirkus', denen bekanntlich auch nie die Träne auf der Maske fehlen darf.

Dieses ernste Spiel mit den vielfältigen Maskierungen des hintergründigen Humors trieb das „Willem Breuker Kollektief“ auch bei seinem Auftritt bei den Donaueschinger Musik-tagen 1975, der wenig später unter dem selbstbewussten Titel „The European Scene“ veröffentlicht wurde. Gespielt von Musikern, die Breuker über Jahrzehnte die Treue hielten, wie etwa dem Saxophonisten Maarten van Norden, dem Trompeter Boy Raaymakers, dem Posaunis-ten Willem van Maanen, dem Pianisten Leo Cuypers, dem Kontrabassisten Arjen Gorter, und dem Drummer Rob Verdurmen. Im Sinne des intendierten Ineinander von satirischem Spaß und traurigem Ernst ließ Breuker bei diesem viel bejubelten Donaueschinger Konzert auf einen „PLO-Marsch"“, als Reflex auf den bereits damals aufflammenden Bürgerkrieg im Libanon, prompt eine bewegende Trauermusik folgen. Verwoben wurden solche Kontraste mit Ausschnitten aus der burlesken Musik zu dem Theater „La Plagiata“, die auch bei einem weiteren, legendären Auftritt des „Kollektiefs“ beim „Total Music Meeting“ in Berlin 1975 eine wichtige Rolle spielen sollte. Und so tönt, ähnlich wie bei Prokofjew und Schostakowitsch in der Klassik, aus Willem Breukers Stücken ein grimmiges Lachen über das trostlose Scheitern der Aufklärung.
Text: Reinhard Kager


Willem Breuker Kollektief: „The European Scene“
Live-Mitschnitt von den Donaueschinger Musiktagen 1975
MPS LP 15487
(Wiederveröffentlicht auf CD bei MPS unter dem Titel: „Live at the Donaueschingen Music Festival 1975“)

Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 28-11-08


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