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1929

Filmemacher William Karel untersucht die Mechanismen der Krise von 1929.

1929

21/09/11

William Karel im Gespräch

Interview mit dem Dokumentarfilmer William Karel („Wer regiert im Weißen Haus?“; „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“, Adolf-Grimme-Preis 2003; „Geschichte der CIA“). In seiner Dokumentation „1929“ analysiert er die historische Weltwirtschaftskrise, deren erschreckende Parallelen zur heutigen Krise sich aufdrängen. Nebenbei zerstört er einige Mythen wie die über Roosevelt oder den Gründer des Kennedy-Clans.

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Was haben Sie entdeckt, als Sie den Film vorbereiteten?

William Karel: Alles, oder fast alles. So lernte ich, dass Roosevelts New Deal ein reiner Mythos ist, der verhindern sollte, dass die Revolte zur Revolution wird: In Wirklichkeit haben die USA die Krise einzig und allein durch die Kriegsanstrengungen und die Ankurbelung der Militärindustrie überwinden können. Ich entdeckte auch, dass die Wurzeln des Zweiten Weltkriegs auch im damaligen Börsenkrach liegen, denn Hitler kam durch die Repatriierung des in Deutschland platzierten amerikanischen Kapitals an die Macht. Und ich erfuhr, dass plötzlich auch in den USA Antisemitismus und Rassismus aufflammten wie nie zuvor. Einer der Verantwortlichen des Börsenkrachs an der Wall Street war übrigens ein scharfer Antisemit (und Alkoholdealer): Joseph Patrick Kennedy, der Vater des zukünftigen Präsidenten JFK. Da er den Wahlkampf der Demokraten finanziert hatte, wurde er zum Börsenkontrolleur und dann zum Botschafter ernannt … Es ist kein Wirtschaftsfilm, sondern ein „Geschichten“-Film, vor allem dank Howard Zinn, dem Verfasser von „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“, der auch unmittelbarer Zeitzeuge ist. Als Zehnjähriger musste er mit ansehen, wie seine Mutter bettelte, um ihn zu ernähren. Er ist der größte Roosevelt-Kritiker.


Woher stammen die sehr markanten Bilder, Filme und Fotos?

Von den spezialisierten Agenturen (British Pathé, Gaumont, Getty Images, Nationalarchiv der Vereinigten Staaten NARA [National Archives and Records Administration]), die mir irrtümlicherweise für einen anderen Film* mehrstündige, durchweg wunderbare und oft unveröffentlichte Filmdokumente über die Weltwirtschaftskrise geschickt hatten, darunter die ersten Tonfilmwochenschauen, denn im Oktober 1929 war gerade der Tonfilm aufgekommen. Das bildete das Ausgangsmaterial für mein Projekt. Dann hatten wir Zugang zu den hervorragenden Fotografien von Dorothea Lange und Walker Evans, die das Elend dieser Zeit eindrucksvoll vor Augen führten und stark zu einer breiten Akzeptanz des New Deal beitrugen. Leider ist das Elend immer fotogen. Für Fotografie, Wochenschauen, Film und Literatur war es eine unerhört fruchtbare Zeit.


Kann man 2009 im Spiegel von 1929 sehen?

Jedes Wort des Films erinnert uns an heute. Das System, das vor 80 Jahren zum Börsenkrach und zur Großen Depression führte, besteht immer noch. Dennoch sind die beiden Ereignisse nicht deckungsgleich, sie unterscheiden sich allein schon vom Umfang her: 1929 hatten nach dem Börsenkrach innerhalb von drei Tagen über 5000 Banken geschlossen, die Industrieproduktion ging um 50 % zurück, und die Arbeitslosigkeit schnellte auf 25 % hoch. Ein anderer grundlegender Unterschied: Damals verstanden die Politiker nichts von Wirtschaft und wussten überhaupt nicht, welche Maßnahmen sie ergreifen sollten.


ARTE Magazine Nr. 44 – Woche vom 24. bis 30. Oktober 2009
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* „Mord im Empire State Building“ wurde am 24. Dezember 2009 auf ARTE ausgestrahlt.

Erstellt: 14-10-09
Letzte Änderung: 21-09-11