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Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Im Wettbewerb - 21/08/08

Die drei Affen (Üç Maymun)

Ein Film von Nuri Bilge Ceylan


Getreu der Fabel von den drei Affen verhalten sich die Mitglieder einer türkischen Kleinfamilie in Nuri Bilge Ceylans gleichnamigem Film : nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen.

Synopsis: Als der Chauffeur eines Lokalpolitikers von seinem Arbeitgeber das zweifelhafte Angebot erhält, gegen eine größere Summe Geldes für eine von ihm begangene Straftat ins Gefängnis zu gehen, droht seine fragile Familie auseinander zu brechen.

Im Gespräch mit dem Regisseur Nuri Bilge Ceylan
Der Trailer zum Film
(Windows Media Video)


Kritik: Um es gleich vorneweg zu sagen: Nuri Bilge Ceylans vierter Spielfilm ist zugleich sein bisher sperrigster und unzugänglichster geworden. Fasziniert von den zeitgleich koexistierenden, ebenso widersprüchlichen wie unerklärlichen Antriebskräften der menschlichen Seele beginnt Ceylan sein Familiendrama ganz untypisch und denkbar knapp mit dem Entwurf einer dramatischen Versuchsanordnung, die eine weitaus größere dramatische Sprengkraft in sich trägt, als jeder seiner bisherigen Filme: Ein Lokalpolitiker begeht einen folgenschweren Unfall und bittet seinen Chauffeur, für die Tat seinen Kopf hinzuhalten, um den drohenden Karriereknick zu vermeiden. Weil das Geld lockt und damit die Universitätskarriere des antriebsschwachen Sohnes scheinbar abgesichert werden kann, geht der verheiratete Familienvater auf den Pakt ein und löst damit eine folgenschwere innerfamiliäre Kettenreaktion aus.

Was Ceylan dabei präzise beobachtet, sind die ins Unendliche gedehnten Momente, in denen zunächst der Vater, dann die Mutter, dann der Sohn und wieder der Vater die Gelegenheit verstreichen lassen, sich zu erklären oder mit einer Reaktion den unheilvollen Gang der Ereignisse aufzuhalten. Dies unterlassen sie getreu dem Motto in der Fabel von den Drei Affen, die nichts sehen, hören und auch nichts sprechen wollen. Diese im fernen Asien ursprünglich einmal positiv besetze, weil Harmonie stiftende menschliche Eigenschaft verkehrt sich am Bosporus - der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident – ins Negative: lässt sich die bröselnde Familienidylle und die darin vorhergesehenen Rollenspiele doch mit diesen Mitteln nur kurzzeitig stabilisieren.

Auch wenn Ceylan betont, dass seine wieder einmal unglückselig aneinander vorbei lebenden Protagonisten nur stellvertretend für die ‚condition humaine’ stünden, so ist sein Film aus europäischer Sicht auch als recht schwermütige Kritik an den türkischen Verhältnissen zu deuten. Ob Allmachtsfantasien der politischen Klasse oder die Ausübung ehelicher Gewalt des türkischen Mannes über die noch lange nicht gleichberechtigte Ehefrau, all das zeugt von einem leisen melancholischen Bedauern über die Zerrissenheit der modernen Türkei zwischen Tradition und Moderne, die ihre Bewohner nicht bei sich selbst ankommen lässt.

Am eindringlichsten wird der Film in dem Augenblick, als der Ursprung der familiären Misere in den Vordergrund rückt. Ein toter, vermutlich ertrunkener Sohn beginnt durch die Erinnerung der Familienmitglieder zu geistern. Wie ein trauriger Wassermann tapst er pitschnass durch den Film oder legt seinem Vater den schlaffen Arm um den Hals und lässt ahnen, wo das eigentliche Schmerzzentrum in dieser Familie liegt.

Obwohl Ceylan die Gefühlslage seiner Akteure erneut mit beeindruckenden Stillleben und Panoramen eines Wolken verhangenen Bosporus bebildert und seine langen, statischen Bilder mit flirrenden Toncollagen unterlegt, fehlt der Handlung seines Dramas die letzte Kohärenz und Überzeugungskraft. Vielleicht auch deshalb, weil der Anspruch, unerklärliche menschliche Widersprüche anhand einer Fabel zu veranschaulichen, etwas zu statisch und schulmeisterlich ausgefallen ist.

Martin Rosefeldt
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Üç Maymun (Die drei Affen)
Ein Film von Nuri Bilge Ceylan
(Türkei/Frankreich/Italien, 2008, 109’)
mit : Ahmet Rifat Sungar, Hatice Aslan, Yavuz Bingöl, Ercan Kesal
Offizieller Wettbewerb

Erstellt: 16-05-08
Letzte Änderung: 21-08-08