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Artur Becker - 14/10/05

Wolken: Chimären, Götter und Schmuggler aus Ermland

Sie kennen Bartoszyce nicht? Das ist ein Ort im polnischen Ermland/Warmia, Ostpreußen, dicht an der Grenze zu Russland. Dort ist Artur Becker, Prosaist und Lyriker polnischer Muttersprache und deutscher Literatursprache, 1968 geboren und dorthin hat ihn auch seine jüngste Recherchereise für seine neuen Bücher »Die Zeit der Stinte« und »Das Herz von Chopin« geführt.

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Chmury – so heißen Wolken im Polnischen.  Wolken, die sich langsam über der Dadajinsel, Schritt für Schritt, den Himmel ertasten. Chimären. Götter. Und Schmuggler. Köpfe von Engeln und fantastischen Tierwesen. Schwerfällig, satt und so gigantisch wie Zeppeline. Fast jeden Morgen wurde ich von eben diesen unglaublichen Wolken, die es von solcher märchenhaften Gestalt woanders nicht mehr gibt, begrüßt.

Ich bin in die Natur zurückgekommen, in der ich doch einen großen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Das kleine Ermland (Warmia) ist immer ein katholisches Land gewesen, auch, als sich die Ermländer Bischöfe mit den Ostpreußen die Macht teilen mussten. Kopernikus arbeitete im Schloss von Olsztyn, der Hauptstadt vom Ermland, an seinem heliozentrischen System. Bis heute kann man  dort an einer Wand eine Zeichnung von ihm bewundern. Sie ist kein Kunstwerk, obwohl sie den Anschein erweckt. Zahlen und Striche – auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine Sonnenuhr.

Napoleon ist mit seiner noch siegreichen Armee durchs Ermland gezogen – etwa siebzehn Kilometer von meiner Geburtsstadt Bartoszyce, bei Bagrationowsk  (Preußisch-Eylau) gewann er eine Schlacht. Dabei hatten sich die Russen nur zurückgezogen und lockten ihn später in eine Falle. Irgendwo auf den Feldern um Bartoszyce ist auch der Bruder meiner Großmutter von einem Wehrmachtsoffizier erschossen worden, weil er desertieren wollte. Die Sowjets hatten schon halb Ostpreußen erobert. Und hier, in meinem Warmia, bin ich zur Schule gegangen. Wie ein Wolkenfänger. Ein junger Kämpfer, der den kommunistischen Chimären, wie fast jeder Pole, nicht über den Weg traute. Überall blickten aus den Fenstern der Gebäude Götter, und in einem, dem mit der roten Fahne auf dem Dach, wohnte Lenin zusammen mit seinen beiden treuen Dienern Marx und Engels. In den Fenstern der alten Frauen und Männer weinte die Heilige Maria. Unantastbar, unschuldig, immer traurig, zu Depressionen neigend und still.


Auf dem Platz der Kommunisten (Plac XXX-lecia) wurden von Parteifunktionären demagogische Reden gehalten. Arbeiter, Schüler und Lehrer standen auf diesem Festplatz zu Hunderten stundenlang und mussten ihnen, den betrunkenen Demagogen, zuhören.

1989 wurde der Platz der Kommunisten endlich erobert: Solidarność feierte ihren Sieg. Zu der Zeit war ich schon seit vier Jahren in der BRD. Aber ich habe die Panzer, die in der Nacht des 13. Dezembers 1981 über die Straßen von Bartoszyce rollten, nicht vergessen.

Wir hatten noch andere Götter: Bartek und Gustabalde, das Liebespaar, die Bartki, in Stein gemeißelt von den ermländischen Indianern, dem baltischen Stamm der Barten.

 

Mein Quartier habe ich auf der Dadajinsel gefunden. Der Moränensee, elf Kilometer lang, an einer Stelle fast vierzig Meter tief, heißt ebenfalls Dadaj. Nach einer Legende soll der junge Krystek sein geliebtes Mädchen Dadaj vernachlässigt und ein Gott es in einen See verwandelt haben – um Krystek zu bestrafen.
Die Frauen in Polen seien Heldinnen des Alltags – behaupteten schlaue Köpfe der kommunistischen Propaganda. Ich grinse und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass in dieser Behauptung ein Körnchen Wahrheit steckt. War nicht auch Dadaj, die Geliebte Krysteks, eine solche Heldin? Die polnischen Frauen müssen ihre Männer erziehen; ihre Männer sind Aufständische, schon immer solche gewesen, und jetzt, im ärmsten Teil Polens, müssen sie gegen die Markwirtschaft kämpfen. Viele Männer, ob jung oder alt, arbeiten in England, Norwegen und Deutschland. Viele fahren über die Grenze in Bezledy in das nicht weit entfernte Kaliningrad, Königsberg. Reiche Russen stellen gerne polnische Handwerker ein.

Einmal gehe ich über den Marktplatz von Bartoszyce und will mir eine Flasche Jelzin und eine Stange Zigaretten kaufen, von einem Schmuggler, der jeden Tag zwischen Kalinigrad und Bartoszyce pendelt. Der Mann mittleren Alters sagt, er müsse den Jelzin aus dem Auto holen und lässt mich mit zwei Tüten voller Zigaretten ohne staatliche Banderole stehen. Ich weiß nicht, wie teuer seine Ware ist, was ich seinen Kunden sagen soll. Und jederzeit können uniformierte Zollfahnder über die Schwarzhändler und ihre voll gestopften Tüten herfallen, um sie wieder einmal festzunehmen. Ich würde dann im Gefängnis landen und müsste eine Strafe zahlen. Sie würden nicht begreifen, warum ich einen deutschen Pass besitze und perfekt Polnisch spreche: »Was machen Sie hier eigentlich?«


Würde ich schmuggeln wollen, müsste ich mir ein Klebeband besorgen, um die Ware an meinem Körper zu befestigen, und einen Jogginganzug.  Ich würde wie ein Michelinmännchen aussehen. Wie eine der Wolken, die über der Dadajinsel schweben.

Oktober ’05


  • Mehr zu Artur Becker unter: www.arturbecker.de

  • Artur Beckers Reise wurde von der Robert Bosch Stiftung im Rahmen ihres "Grenzgänger-Programms" finanziert. Die Bewerbungstermine für die Teilnahme an diesem Programm sind jährlich am 10. März und 10. September. Interessierte Autoren finden mehr Informationen hier: Robert Bosch Stiftung

Erstellt: 14-10-05
Letzte Änderung: 14-10-05