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Im Gespräch mit... - 18/03/05

Wotan Wilke Möhring

Wotan Wilke Möhring , Schauspieler in Eierdiebe, Freitag, 18. März 2005, um 20.45 Uhr

Thomas Neuhauser (T.N.): Herr Möhring, der Film Eierdiebe verpackt das für jeden Mann doch stark angstbesetzte Thema Hodenkrebs in einen ziemlich lockeren Ton. Ging das für Sie von Anfang an gleich gut zusammen bei dieser Rolle: schwarzer Humor und eine tödliche Krebserkrankung?
 
img_petit_moehring_02.jpg.imageDataWotan Wilke Möhring (W.W.M.): Das Krebs immer was Trauriges hat, das ist ja allen bekannt. Fast jeder hat ja jemanden in der Familie, der Krebs hat oder daran gestorben ist. Deshalb fällt einem das Traurige und Tragische natürlich als erstes ein. Trotzdem hat mich, gerade weil eben der Regisseur sich auch mit dieser Krankheit beschäftigen musste und die Krankheit selbst hatte, der andere Zugang noch mehr gereizt: „Wie kriegt man so etwas hin“, - genauso wie vielleicht Roberto Benigni in „Das Leben ist schön“, vielleicht einer der besten Filme über das KZ. Denn es ist vielleicht der andere Zugang, der andere Blickwinkel, der die Geschichte interessanter macht, oder auch das zu spielen. Deswegen war es durchaus keine Diskrepanz. Was bleibt dem armen Kerl anderes übrig, wenn er in jungen Jahren eine solche Krankheit hat. Das Leben geht weiter und es gibt in dem Film den Satz, den er selbst sagt: „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Das ist auch so ein bisschen die Message: Was will man machen, außer sich seiner Krankheit stellen. Und das geht am besten mit einer gesunden Portion Humor.
 
T.N.: Wie ist es denn, wenn man in dieser komischen Tonlage einen Krebskranken spielt? Verliert man da den ernsten Hintergrund manchmal aus den Augen oder setzt man sich selbst trotzdem mit dem Sterben intensiver auseinander?
 
img_petit_moehring_03.jpg.imageDataW.W.M.: Natürlich setzt man sich damit extrem intensiv auseinander. Wir haben ja nun auch in Krankenhäusern gedreht. Eine Szene z. B. auch in der Pathologie, das waren ja keine aufgebauten pathologischen Institute sondern das war durchaus so, dass man dort auch keinen Bissen vom Catering runtergebracht hat. Das ist natürlich auch eine Sache der Ehrfurcht und der Sensibilität. Und man ist da in den normalen Krankenhausalltag eingebunden. Oder wenn man zu Hause in der Wanne sitzt und sich zum ersten Mal in seinem Leben den ganzen Körper rasiert, sich jeden Tag den Schädel rasiert und bleich geschminkt ist. Dazu kommt dann noch, dass mein Vater in dieser Zeit auch eine Krebserkrankung hatte. Da denkt man dann sehr viel über Vergänglichkeit und die Krankheit als solche nach. Eben über den gesamten Krankheitsverlauf, den mir der Regisseur Robert Schwentke sehr gut auf Grund seiner eigenen Erfahrung erzählen konnte. Wie das ist mit der ersten Chemo. Warum die Chemo zwar im Körper nichts verätzt, aber trotzdem nicht auf die Haut darf. Was das alles bedeutet. Warum man sich bei der Chemo als erster anstellt, damit man möglichst schnell schläft, weil man später dann acht Stunden lang kotzt. Und so weiter. Dieser ganzen Fragen und Gedanken sind ja alle da. Dieser ernste Teil ist mit Sicherheit die ganze Zeit präsent, allein dadurch, dass da alle wie Halbtote rumlaufen.
 
T.N.: Also da kommt man schon in Grenzbereiche hinein?
 
W.W.M.: Absolut. Vor allem wenn man dann auch Szenen sieht, wo man Abschied voneinander nimmt. Das ist die ganze Zeit sehr präsent gewesen. Deswegen ist es fast schon tröstlich gewesen, da mit einer Art Humor gegen anzusteuern. Sonst ist es, sogar nur als Darsteller, die ganze Zeit doch fast unerträglich geworden bei dem geballten Leid, das da ständig rumläuft. Dadurch war das so dann doch ein wenig ausbalanciert.
 
T.N.: Herr Möhring, Sie sind in den letzten Jahren, etwa seit „Lammbock“ (2000) zu einem der gefragtesten Darsteller im deutschen Film geworden. Hat Sie der Erfolg selbst überrascht oder kam er gerade zu rechten Zeit?
 
W.W.M.: Erfolg ist ja immer so eine Zufallskonstellation aus Dingen, die man selber als Wert empfindet und aus Dingen, die in der Öffentlichkeit oder in Medien als Wert empfunden werden. Wenn das gleichzeitig passiert, dann ist man sozusagen erfolgreich.
Was heißt schon: „Kam gerade recht“? Ich habe ja doch relativ spät angefangen, bin aber froh, dass die Art und Weise, Dinge so zu spielen, wie ich sie für richtig halte, sich durchgesetzt hat. Wenn ich also dazu beitragen kann, dass das akzeptiert oder verstanden wird, und im besten Fall auch beim Publikum gut ankommt oder verstanden wird als das, was es sein soll, das ist natürlich sehr schön. Ob es zeitlich jetzt im richtigen Moment kam, oder nicht, das kann ich schwer beurteilen. Aber ich bin im Moment sehr glücklich damit.
 
T.N.: Wie geht es weiter, arbeiten Sie gerade an einem bestimmten Projekt?
 
img_petit_moehring_04.jpg.imageDataW.W.M.: Ja, ich habe jetzt gerade die Premiere von einem Film gehabt, der mir im letzten Jahr sehr, sehr viel bedeutet hat. Und zwar heißt der Film „Antikörper“. Der kommt im Juli in die deutschen Kinos. Er ist jetzt in den USA auf Festivals eingeladen. Da geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse, die sich in einer einzelne Person treffen. Der ist hochgradig besetzt mit dem André Hennicke, Heinz Hoenig, Nina Proll, etc. Dann gibt es auch noch „Almost Heaven“ mit der Heike Makatsch, den hab ich auf Jamaika gedreht. Dann gibt es noch einen anderen Film mit Fabian Busch, der dieses Jahr ins Kino kommt. Jetzt lese ich gerade Drehbücher für den Sommer, unter anderem ein Projekt mit Til Schweiger. Jetzt mache ich auch mein erstes Hörspiel in Frankfurt in den nächsten Tagen. Dann drehe ich einen ZDF-Film in Frankfurt usw. Also es ist viel zu tun. Nur es ist immer schwierig, wenn man ein bestimmtes Level auch halten will. Das sag ich auch immer allen anderen Darstellern, dass wir als Filmschaffende verantwortlich für das Niveau sind und keiner sonst. Und wenn man sagt, man kriegt nur schlechte Bücher angeboten, dann muss man eben keins davon machen, dann muss man eben ein halbes Jahr als Gärtner arbeiten. Wir strukturieren den Markt eben auch durch unsere Absagen. Deswegen muss es unbedingt einen Filmpreis für die beste Absage des Jahres geben. Das müsste der am besten dotierte Preis sein, denn Absagen sind mindestens genauso wichtig wie Zusagen.
 
T.N.: Gute Idee! Wie wählen Sie denn aus, wenn Sie zusagen: mehr mit dem Bauch oder mehr mit dem Kopf?
 
img_petit_moehring_01.jpg.imageDataW.W.M.: Eine gute Mischung. Wenn es fürs Kino ist, überlege ich viel mit dem Kopf: Reicht dieser Stoff, um ihn vom Fernsehen zu trennen? Hat er das, was „bigger is than life“? Gehört er ins Kino? Es gibt ja durchaus Kinofilme, die hervorragend als Fernsehfilme gelaufen wären aber aus irgendeinem Grund unbedingt ins Kino wollten. Da ist dann natürlich der Kopf auch dabei. Bei einer Hauptrollenauswahl muss man sich natürlich auch schon überlegen: „Würde ich jetzt da rein gehen?“ Aber ansonsten geht die Auswahl komplett auch immer über den Bauch. Also: „Hab ich das schon gespielt? Trage ich was dazu bei? Berührt mich das beim Lesen? Fällt mir was dazu ein? Hab ich da Lust drauf? Ist das was Neues? Ist das spannend?“ Das sind die ganzen Dinge, die bei der Entscheidung mitspielen. Und deswegen landet man in Deutschland auch meistens bei Low- oder No-Budget Produktionen. Aber man macht es ja nicht nur wegen des Geldes.
 
Das Interview führte Thomas Neuhauser, ARTE Deutschland, März 2005

Erstellt: 15-03-05
Letzte Änderung: 18-03-05