(2007, France, 1h30)
Synopsis: In den letzten zehn Jahren hat die Jugendgewalt in Japan dramatisch zugenommen. Naoki ist 20 Jahre alt und ebenfalls in den Sog dieser Bewegung geraten. In allen Bereichen hat er Niederlagen hinnehmen müssen, im Schulischen, Beruflichen und Privaten. Erst vor kurzem ist Naoki der Versuchung erlegen, die Kriminalität zu seiner Lebensgrundlage zu machen, was seine Mutter zur Verzweiflung bringt. Auf Rat eines Freundes beschließt sie jedoch, ihren eigenen Sohn für ein Jahr der japanischen Mafia anzuvertrauen. Danach ist es an Naoki, sich zwischen Licht und Schatten zu entscheiden…Kritik: Als Autor eines Dokumentarfilms, der Takeshi Kitano gewidmet ist, einem Filmemacher, dem - mehr oder weniger erfolgreich - nichts weniger als die Erneuerung des Yakuza-Filmgenres zu Beginn der 90iger Jahre gelungen ist, widmet sich Jean-Pierre Limosin seinerseits einem atypischen Portrait des japanischen Gangstertums. Der Regisseur beruft sich auf seinen Anfängerstatus, um sein Schritttempo dem des jungen Naoki anzupassen und gemeinsam mit ihm die Verbrecherwelt zu entdecken. „Ich filme nicht die illegale Seite ihrer Aktivität, sondern ich kontrolliere die Bilder, die zudem auch noch auf Filmmaterial aufgenommen werden, denn mir liegt viel an diesem feierlichen und altmodischen Ritual, das ihnen eigen ist“, sagt er. Er traut sich also an das Genre der Doku-Fiktion heran und zögert dabei nicht, seinen Ansatz sozusagen zur Grundlage eines Drehbuchs zu machen, Naoki spielen zu lassen und hinzuzufügen: „Eigentlich müsste es selbstverständlich sein, dass ein Yakuza-Chef, der Fingerabschneiden befiehlt, auch das Schneiden von Bildern befehlen kann. Aber dem ist nicht so.“
Seine Regieführung gibt ihm Recht, denn sie lässt mit hoher Intensität die Realität eines Japans erkennen, wo der Generationskonflikt unter den Kriminellen die Dimensionen der San Andreas-Verwerfung angenommen hat. Es sind nur noch die Gesetze der Yakuza-Kultur und deren Einhaltung, die sie miteinander verbinden. „Ich verstehe nichts von dieser Hip-Hop-Musik“, gibt ein alter Gangster zu, während Limosin seine Nachforschungen vom einen Flow dreier junger Rapper unterstreichen lässt, die auf Japanisch einen Trinkspruch ausbringen, und über die Gewalt in den Städten und die Marginalisierung ihrer Generation diskutieren, kurz nach der durch die Medien bekannt gewordenen Ermordung des Bürgermeisters von Nagasaki durch einen jungen Mann, der einem der wichtigsten Clans des Archipels angehört.
Im Laufe des Films findet der Rap zum seinem Status der Straßenmusik zurück, der Musik der Jugendlichen, auf die die Selbstgefälligkeit der Gangster große anziehende Wirkung hat. Der Glitzer der Rapstars spiegelt einmal mehr den auffälligen und vulgären Kleidungsstil der üblichen Figuren des Gangstertums wider. Da Limosin sich dazu verpflichtet, nur die nicht sträfliche Seite ihrer Tätigkeiten zu filmen, überrascht er einige böse Jungs… im Büro, wo sie sich an die Arbeitszeiten halten, ihrem Chef Tee servieren und sich vor die Bildschirme der Überwachungskameras ihrer Wohnanlage fallen lassen, wie ganz normale Wachmänner eines Supermarkts. „In den alten Mafiafilmen hat es nie Büroszenen gegeben! “, stellt ein Nachwuchskünstler fest. Der verkümmerte Mythos wird durch eine Scheinnostalgie am Leben gehalten, die ein Boss in den Vierzigern gezielt vermittelt und sich zunutze macht. Er hat wahrscheinlich selber nie die guten alten Zeiten erlebt, auf die er sich beruft, vermag aber die Notwendigkeit zu beurteilen, den Neulingen Sand in die Augen zu streuen, die genau wie die vom Leben gebeutelten Jungs in „Kids Return“ von Takeshi Kitano (1997) seine Leibgarde bilden. Letzten Endes verleihen die Zwänge des Films ihm seine Fremdartigkeit und behindern keineswegs die dokumentarische Vorgehensweise. Das Porträt funktioniert mit all seinen Lücken und Auslassungen und profitiert dabei von der filmstarhaften Großtuerei der Hauptdarsteller, von ihrer Gestik und ihren Handlungen. Genauso bleibt Limosin seiner Faszination für Japan verfallen, spürbar in mehreren Schwenks über die Stadt, die seinen Film eröffnen und beschließen.
Julien Welter






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Die Zwänge dieses in der japanischen „Unterwelt“ situierten Dokumentarfilms mindern nicht etwa die ihm eigene Fremdartigkeit, sondern verleihen sie ihm erst.
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