
Karambolage: Sondersendung zum Valentinstag
SA • 13.2. • 00.20
Philosophie – Erotik
SA • 13.2. • 00.35

Sehr deutsch
Nach zehn Jahren leben und lieben in Paris nun ein Wochenende in Berlin. Zusammen mit meinem neuen französischen Freund. Es ist grau, nasskalt und romantisch anders als in Paris. Wir sitzen in einem kleinen Café in einer Ecke am Fenster und küssen uns eine Ewigkeit. Nach ein paar Stunden bitten wir – noch immer eng umschlungen – um die Rechnung. Der Kellner kommt, schaut und fragt trocken: „Geht das zusammen oder getrennt?“ Wie soll man das einem Franzosen erklären? Berliner Schnauze, Ausläufer des Feminismus, eiskalter Pragmatismus? Was immer es ist, es ist auf jeden Fall deutsch.
Charmeure gibt es nicht überall
Nach meinem Abitur in Frankfurt ging ich als Au-Pair-Mädchen nach Marseille. Ich war jung, blond, die Männer pfiffen mir hinterher und warfen mir verliebte Blicke zu.
Anfangs etwas erstaunt über meinen Erfolg, fand ich diese Tatsache zunehmend angenehm, besonders für mein Ego. Nach einem Jahr kehrte ich nach Frankfurt zurück, und dort: nichts! Kein schmachtender Blick, keine charmanten Floskeln, niemand hielt mir die Tür auf. Zuerst dachte ich, mein Sex-Appeal sei über Nacht verschwunden, aber sehr bald sah ich ein, dass die Deutschen einfach keine Charmeure sind. Man kann sich denken, wohin ich nach meinem Studium ging: zurück nach Frankreich.
Intimer Wortschatz
Natürlich ist es nur ein Wort, aber mich als Französin, die gerade die deutsche Sprache entdeckte, hat es ganz schön verblüfft: Brustwarze. Die Warze der Brust: So also benennt die deutsche Sprache ein Körperteil, das die Franzosen hübsch als „téton“ – abgeleitet vom Verb „téter“: saugen – bezeichnen. Ich fand, dass die Deutschen in Bezug auf ihren Körper wirklich nicht sehr poetisch sind. Dann erklärte mir ein Arzt, dass die Plazenta im deutschen auch Mutterkuchen geannt wird. Oder, wie ich hörte, meine Nachbarn auf der anderen Rheinseite zu einer Angina (französisch = angine) gerne Mandelentzündung sagen. Ich begriff, dass dies mit einer sehr pragmatischen Sichtweise der Dinge zu tun hatte. Die Deutschen beschreiben die Dinge eben wie sie sind.
Zärtlich mit dem Vorschlaghammer
Wir deutschen Frauen sind für unsere Tugenden bekannt: ernsthaft, gewissenhaft, emanzipiert, selbstbewusst. Ja, wir nehmen die Bohrmaschine auch gern selbst in die Hand. Seit ich in Frankreich lebe, komme ich jedoch ernsthaft ins Zweifeln. Denn nirgendwo sonst wurde mir so deutlich klar gemacht, dass man(n) sich andere Dinge von einer Frau wünscht: Anschmiegsamkeit, Weiblichkeit, viel „douceur“. Sind französische Männer tatsächlich mehr dem Machotum verhaftet oder die französischen Frauen weniger emanzipiert?
Sprachliche Faux-Pas
Mein Erasmusjahr in Frankreich verbrachte ich ganz dem Klischee entsprechend umgeben von hübschen Französinnen. An eine verlor ich bald mein Herz und fragte sie nach erfolgreichem Flirt, ob ich sie küssen dürfe: „Je peux te baiser?“. Das Entsetzen in ihren Augen ließ mich zweifeln – waren die Französinnen derart prüde? Glücklicherweise klärte sie die Sache umgehend auf: Im französischen gibt man einen Kuss, „on donne un baiser“. Das Verb „baiser“, dass ich so naiv abgeleitet hatte, bedeutete hingegen etwas ganz anderes: Ich hatte meine Liebste auf ganz ordinäre Weise gefragt, ob ich mit ihr schlafen dürfe! Natürlich blieb es nicht bei diesem einen Faux-Pas: Als ich mit einer französischen Professorin in ihrem „chambre“ eine Besprechung abhalten wollte, erntete ich einen entsetzten Blick, ganz ähnlich dem meiner französischen Freundin. Während der Deutsche die Vokabel „chambre“ mit Raum übersetzt und an den Arbeitsplatz denkt, befindet sich die Französin gedanklich schon im Schlafzimmer, ihrem „chambre“ eben.
FKK – Französische Keuschheitskörper
Es war ein Juni-Wochenende in Berlin und wir hatten ein deutsch-französisches Picknick am Wannsee geplant. Die Franzosen brachten Baguette mit, Würstchen und Käse; die Deutschen Schwarzbrot, Gewürzgurken und Bier. Bis dahin lief alles bestens. Doch dann: Fassungslosigkeit auf der französischen Seite. Als die Zeit zum Baden gekommen war, zogen sich alle Deutschen aus und sprangen ins Wasser … und zwar nackt, splitterfasernackt. Undenkbar für uns arme prüde Franzosen, die nicht mit der Freikörperkultur aufgewachsen sind, die berühmte FKK – in Frankreich völlig unbekannt. Seitdem sind über zehn Jahre vergangen, ich bin nach Frankreich zurückgekehrt und fahre regelmäßig nach Deutschland, wo ich in die Sauna gehe. Sogar in die Gemischte! Meine französischen Freunde wundern sich bis heute über mich. Für sie bin ich mit meinen Saunagängen zu einer echten Deutschen geworden.
Böse Französinnen
Nach einigen Jahren der Abwesenheit endlich wieder Frankreich – guter Wein, tolles Essen und wundervolle Frauen. Denkste! Als Deutscher muss man sich so einiges von der französischen Damenwelt anhören: man könne nicht flirten, sei nicht in der Lage auf Sie zuzugehen und ähnele generell eher einem Eisklotz als einem fühlenden Wesen. Aber gehe ich abends aus – der schmachtende Blick, das kleine Lächeln, wo sind sie? Dass man als Mann angesprochen wird, ist sogar völlig undenkbar. Die Französin „Aurélie“ in Deutschland, von der deutschen Pop-Band „Wir sind Helden“ als Opfer deutscher Flirtmuffel besungen, hat auch ein Gegenstück. Den deutschen „Franz“ in Frankreich, leider nicht besungen, nicht in der Lage, seine Gefühle und Wünsche jemandem zu vermitteln. So bleiben die Clubs, Cafés und Straßen Frankreichs gepflastert mit den fallen gelassenen Hoffnungen deutscher Männer.
UNTER MITARBEIT VON HENNING GIENGER, NIKOLA OBERMANN, STEPHANIE GAGEL, MARYSABELLE COTE, JANA BUCHHOLZ, JOHANNES SCHWERDTFEGER, CLAIRE ISAMBERT, STEPHANIE HESSE
ARTE PLUS
BUCHTIPPS:
„Wo die Liebe hinfällt – Geschichten von Paaren aus zwei Kulturen“, Petra Sparrer, Gatzanis 2001;
„Überleben unter Franzosen: Ein Schnellkurs in zehn Lektionen“, Stephen Clarke, Piper 2009;
„Gebrauchsanweisung für Frankreich“, Johannes Willms, Piper 2009; „Karambolage“, ARTE Edition 2007
DVD:
„Karambolage 1-5“, ARTE Edition, 2004/2008
„Heute sprenge ich mich in die Luft – Suizidanschläge im israelisch-palästinensischen Konflikt: Ein wissenschaftlicher Beitrag zur Frage des Warum“, Thorsten Gerald Schneiders (1996)







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