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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

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05/11/08

Zaki Laidi (Frankreich)

Zaki Laidi: Die Macht der Normen


Zaki Laidi ist Politologe am „Centre d’études et de recherches internationales de Science Po“ (CERI). Er ist Professor am Pariser „Institut d’études politiques“ (IEP) und am Europa-Kollegium in Brügge (Belgien). Im Dezember 2005 gründete er „Telos-eu“, eine Agentur, die das Ziel verfolgt, in Frankreich wichtige Themen der Welt aufzugreifen und zu vertiefen. Zu den Förderern der Initiative gehört Pascal Lamy, der ehemalige EU- Handelskommissar (2000 - 2004), für den Zaki Laidi als Berater tätig war. Zaki Laidi schreibt regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften (Libération und Le Monde; Esprit und Le Débat; ausgewählte Artikel stehen unter http://www.laidi.com/publica.htm zur Verfügung). Zaki Laidi ist auch Verfasser mehrerer Werke; auf Deutsch liegt vor: Eine Welt ohne Sinn (1997). In Frankreich ist vor kurzem sein letztes Buch erschienen La Norme sans la force – L’énigme de la puissance européenne, in dem er aufzeigt, dass Europa „wenig Chancen hat, eine Großmacht zu werden […], weil die Europäer im Grunde nicht so leben und fühlen als seien sie in letzter Instanz für ihre Sicherheit verantwortlich“. Das hat strukturelle („Europa ist kein Staat“) und geschichtliche Gründe („Die Schaffung Europas gründet auf der Ablehnung von Krieg und Gewalt“). Diese Zurückhaltung hinsichtlich der Anwendung von Gewalt ist die Besonderheit Europas, das seine Macht auf andere Art ausübt: durch „den Vorrang von Normen, (der es Europa) ermöglicht, die Souveränität seiner Staaten zu überwinden, ohne dabei diese Souveränität abzuschaffen.

« […] Europa wird keine Großmacht im Sinne eines politisch-militärischen Gebildes sein, das mit den Vereinigten Staaten oder mit China gleichziehen kann. Diese Möglichkeit lehnen die Europäer strikt ab. Wollten sie dies tatsächlich, stellte sich die Frage, ob sie dann auf europäischer Ebene nicht genau das wieder einführen, was sie im Verhältnis untereinander so heftig bekämpft haben – den Gedanken der Macht mit all seinen Attributen von Stärke und Überlegenheit.
Wie äußert sich aber die Macht Europas, wenn es nie zu einer Großmacht wird?  Wohl dadurch, dass sich Europa auf das konzentriert, was seine wichtigste politische Ressource geblieben ist: seine Fähigkeit, auf der ganzen Welt ein möglichst umfassendes System von Normen zu schaffen und einzuführen: Normen, um die Welt zu regeln, das Spiel ihrer Akteure zu disziplinieren, deren Verhalten vorhersehbarer zu machen, bei ihnen den Sinn für kollektive Verantwortung zu entwickeln, und denjenigen, die sich auf diesen Weg einlassen, insbesondere die Schwachen, mindestens teilweise die Möglichkeit zu bieten, diese Normen für alle verbindlich zu machen – auch gegenüber den Mächtigen dieser Welt.
Dieses Vorhaben mag riesig, sogar maßlos erscheinen. Das ist es wahrscheinlich auch. Doch hat Europa eine andere Möglichkeit, als die, sich als normative Kraft einzubringen? Wahrscheinlich nicht.“


Zaki Laidi
La norme sans la force
L’énigme de la puissance européenne
Presses de Sciences Po, collection Nouveaux Débats, 2005, Paris
(In Deutschland noch nicht erschienen.)

Erstellt: 19-06-06
Letzte Änderung: 05-11-08