« […] Europa wird keine Großmacht im Sinne eines politisch-militärischen Gebildes sein, das mit den Vereinigten Staaten oder mit China gleichziehen kann. Diese Möglichkeit lehnen die Europäer strikt ab. Wollten sie dies tatsächlich, stellte sich die Frage, ob sie dann auf europäischer Ebene nicht genau das wieder einführen, was sie im Verhältnis untereinander so heftig bekämpft haben – den Gedanken der Macht mit all seinen Attributen von Stärke und Überlegenheit.
Wie äußert sich aber die Macht Europas, wenn es nie zu einer Großmacht wird? Wohl dadurch, dass sich Europa auf das konzentriert, was seine wichtigste politische Ressource geblieben ist: seine Fähigkeit, auf der ganzen Welt ein möglichst umfassendes System von Normen zu schaffen und einzuführen: Normen, um die Welt zu regeln, das Spiel ihrer Akteure zu disziplinieren, deren Verhalten vorhersehbarer zu machen, bei ihnen den Sinn für kollektive Verantwortung zu entwickeln, und denjenigen, die sich auf diesen Weg einlassen, insbesondere die Schwachen, mindestens teilweise die Möglichkeit zu bieten, diese Normen für alle verbindlich zu machen – auch gegenüber den Mächtigen dieser Welt.
Dieses Vorhaben mag riesig, sogar maßlos erscheinen. Das ist es wahrscheinlich auch. Doch hat Europa eine andere Möglichkeit, als die, sich als normative Kraft einzubringen? Wahrscheinlich nicht.“
Zaki Laidi
La norme sans la force
L’énigme de la puissance européenne
Presses de Sciences Po, collection Nouveaux Débats, 2005, Paris
(In Deutschland noch nicht erschienen.)






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Zaki Laidi ist Politologe am „Centre d’études et de recherches internationales de Science Po“ (CERI). Er ist Professor am Pariser „Institut d’études politiques“ (IEP) und am Europa-Kollegium in Brügge (Belgien). Im Dezember 2005 gründete er „
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