Jáchym Topol - 26/05/07
Zirkuszone
Eine Rezension von Ariane Thomalla
Auch im neuen Roman von Jáchym Topol, dessen erste Hälfte so fesselt, dass man kaum davon loskommen kann, gibt es wieder wie schon in seinen früheren Romanen die Konstellation zweier eng aneinander hängender Brüder. Das hat mit dem wirklichen Leben zu tun. Jáchym Topol ist der ältere Bruder von zweien. Ihr Vater ist der Dramatiker Josef Topol, einer der Erstunterzeichner der Charta 77, was in der Tschechoslowakei so etwas wie ein Adelsprädikat war, aber nicht ohne Folgen für das Schicksal der Kinder blieb.
Als Dissidentenkind durfte Topol nicht studieren. Er verweigerte den Wehrdienst, woraufhin das Regime, einer der schlimmsten im kommunistischen Ostblock, ihn ins Irrenhaus steckte. Frühe Erfahrungen von Macht und Gewalt, die ihren Niederschlag in den Büchern finden. Bereits als Sechsjähriger erlebte er, den kleinen Bruder an der Hand und von den Eltern allein in einem Dorf zurückgelassen, wie die russischen Panzer einmarschierten und den Prager Frühling niederwalzten. Traumatisch war wohl auch, daß sich die Dorfbewohner gegenüber dem aus der Stadt kommenden Brüderpaar keineswegs nur freundlich zeigten.
Der Tod des Bruders in der Waschtrommel
In „Zirkuszone“ heißt der zwölfjährige Icherzähler Ilja. Er ist ein „Russenkind“ und dennoch offensichtlich Erbe des Gutshauses von Sirem, das nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs zum Waisenhaus geworden ist. Ilja lebt zusammen mit dem Bruder unter dem harten Regime katholischer Nonnen, die streunende Kinder in ihre christliche Obhut genommen haben. Iljas kleiner Bruder ist geistig behindert und dadurch ständig in Gefahr. Deshalb verbleibt der zärtliche große Bruder, um ihn nicht den anderen Kindern und ihren Aggressionen auszuliefern, im Schlafsaal der Kleinen, der „Nachthemden“, wie die Knirpse heißen, anstatt zu den Großen, den „Turnhosen“ nach oben zu ziehen. Später, als im „Heimdaheim“ der „Umbruch“ stattfindet, die Schwestern von tschechischen Kommunisten verschleppt werden und Ilja mit der Umorientierung beschäftigt ist, passiert das Unglück. Die „Nachthemden“ bringen Bobo um. Sie stecken ihn in eine große Waschtrommel und lassen ihn zu Tode rotieren. Ein schicksalhaftes, fast mythisches Ereignis.
Militärischer Drill der Kinder
Die Kommunisten machen ihrerseits aus Sirem ein militärisches Trainigslager. Die Kinder werden zu Saboteuren gedrillt. Danach beginnt die Simpliziade. Ilja stolpert wie sein Vorgänger im Dreißigjährigen Krieg, Simplicius Simplicissimus, nicht ohne Tumbheit und trotzdem schlau von einem Kriegsschauplatz zum anderen, alle merkwürdigerweise im Umkreis von Sirem. Kämpfe über Kämpfe, aus denen er oft als einziger heil davonkommt. Immer wieder schließt er sich irgendwelchen Einheiten an. „Wer das Pack war, das uns hier abschlachten kam, das erfuhr ich erst später, an dem Morgen war keine Zeit, das festzustellen, ich hatte genug damit zu tun, zu überleben.“ Dabei bleibt er immerzu 12 Jahre alt. Sein Stoßgebet: „Ich dachte darüber nach, wann endlich meine beschissene Kindheit zu Ende sein würde“, erfüllt sich nicht. Seine Freunde träumen davon, zur „fremden Legion“ zu kommen. Ein trauriges Kriegskinderland.
Das Vermischen der Zeiten und Systeme
Jáchym Topol ist ein Meister im Vermischen der Zeiten, der Systeme und der Geschichten in seinen Büchern. Ist Ilja nun der Sohn des russischen Hauptmanns Jegorow, der in einem Panzertrupp vorfährt und ihn auflädt? Und hat er noch einen merkwürdigen, ihm selbst völlig ähnlichen Zwillingsbruder? Oder leidet er an Schizophrenie? Auf jeden Fall erlebt er das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Machtergreifung der tschechischen Kommunisten, den Einmarsch 68 der Sowjetarmee und der Bruderheere. Danach soll plötzlich die Landschaft um Sirem unter Wasser gesetzt werden, die Idee vom böhmischen Meer als einem Geschenk des sowjetischen Volkes an das tschechische Brudervolk. Zuletzt droht so etwas wie ein Dritter Weltkrieg mit atomaren Waffen. Die Auslöschung aller, auch der merkwürdigen „Zirkuszone“, der Bären, Giraffen, Wölfe.
Der bekannteste tschechische Autor seiner Generation
So verwirrend die Story, Topol erzählt sie verrückt gut. Selten hat einer die komplizierte Befindlichkeit von Heimkindern, ihre schwankende Solidarität und denn doch bei aller Aggression das Zueinanderhalten, ihre Sprache so genial erfaßt. Am Ende heißt es von Ilja: „Der da schrieb, das war ich und auch wieder nicht ich – und es ist alles wahr.“ Und irgendwo bleibt ein unerklärlicher Rest. Jáchym Topol, der lange eine literarischer und musikalischer Rockstar in Tschechien war und vor 1989 das verbotene Underground-Magazin „Revolver-Revue“ mitredigierte, ist der bekannteste tschechische Autor seiner Generation. Er ist inzwischen 45 Jahre alt.
Rezension von Ariane Thomalla
Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-05-07