05/11/08
Hannah Arendt (Deutschland)
eine Deutsche „von Goethes Gnaden“
Hannah Arendt, 1906 in Hannover geboren, begegnet Martin Heidegger 1924 an der Marburger Universität, wo sie sich für das Philosophiestudium eingeschrieben hat. Sehr schnell ist sie von ihrem neuen Lehrer fasziniert. Er fühlt sich ebenfalls zu seiner ungewöhnlichen Studentin hingezogen. Ab 1925 entwickelt sich eine Liebesbeziehung, den damaligen Konventionen zum Trotz, denn Heidegger ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und hat eine bedeutende Stelle an der Universität inne. Zudem legt er damals letzte Hand an sein Hauptwerk "Sein und Zeit". 1926 zieht Hannah nach Heidelberg, um bei Karl Jaspers über Augustinus zu promovieren. Heidegger hatte seinem Freund Jaspers die Schülerin empfohlen.
Trotz der räumlichen Entfernung setzen die beiden ihre Beziehung bis 1928 fort, wobei die Kontakte allmählich sporadischer werden. 1929 heiratet Hannah Arendt Günther Stern, einen früheren Studenten Heideggers, der wie sie selbst einer jüdisch-assimilierten Familie entstammte. Hannah beginnt zu dieser Zeit mit ihren Recherchen für ihr erstes Buch "Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik".
1933 entzieht sie sich den Nachstellungen der Nationalsozialisten durch die Flucht. Heidegger hat einige Monate zuvor das Rektorat der Universität Freiburg übernommen, eine Inaugurationsrede gehalten, in der er offen seine Sympathien für Hitler bekundet, und ist der NSDAP beigetreten. Jüngere Studien wie die der Amerikanerin Elzbieta Ettinger oder der Französin Martine Leibovici zeigen, dass die Erlebnisse dieser frühen Jahre, geprägt durch den alles überschattenden Nationalsozialismus, der Hannah Arendt aus ihrem gewohnten Umfeld vertreibt, viel zum Verständnis ihres Werkes beitragen, auch wenn die Autorin sich in erster Linie der "philosophischen Tradition Deutschlands" verschrieben hatte.
Von 1933 bis 1950 wird das Band zwischen ihr und Heidegger durch die Ereignisse im Dritten Reich, den Zweiten Weltkrieg und die Shoah zerrissen, aber als Hannah Arendt 1950 nach Deutschland reist, ergreift sie die Initiative, um ihn wiederzusehen. 1951 verleiht man ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im Jahre 1975 besucht sie den "Fuchs", wie sie ihren alten Lehrer eher liebevoll-ironisch als bissig bezeichnet, zum letzten Mal; wenige Monate später stirbt sie in New York.
Die Autoren
- Arendt, Hannah (Deutschland)
- Fleischer, Alain (Frankreich)
- Gorbatschow, Michail (Russland)
- Havel, Vaclav (Tschechische Republik)
- Kohl, Helmut (Deutschland)
- Levi, Primo (Italien)
- Mitterrand, François (Frankreich)
- Olivi, Bino (Italien)
- Rupnik, Jacques (Tschechische Republik / Frankreich)
- Sombart, Nicolaus (Deutschland)
- Tanović, Danis (Frankreich)
- Thatcher, Margaret (Vereinigtes Königreich)
- Trichet, Jean-Claude (Frankreich)
- Veil, Simone (Frankreich)
- Wajda, Andrzej(Polen)
- Weiss, Louise (Frankreich)
„Ich kann versprechen, dass ich in Ihrem Sinne nicht aufhören werde, eine Deutsche zu sein; das heißt, dass ich nichts verleugnen werde, nicht Ihr Deutschland und Heinrichs, nicht die Tradition, in der ich groß wurde, und die Sprache, in der ich denke und in der die mir liebsten Gedichte geschrieben wurden. Ich werde mir nichts anschwindeln, weder eine jüdische noch eine amerikanische Vergangenheit."
In einem früheren Brief an Karl Jaspers vom 1. Januar 1933 hatte Hannah Arendt genau formuliert, was Deutschland für sie beinhaltete: die Muttersprache, die Philosophie und die Dichtkunst. Im oben zitierten Brief vom 19. Februar 1953 bezieht Hannah Arendt sich mit dem hier genannten Vornamen auf Heinrich Heine (1797 in Düsseldorf geboren, gestorben 1856 in Paris), den deutschen Dichter jüdischer Abstammung, der 1825 zum Protestantismus übergetreten war.
Zu einem späteren Zeitpunkt kommt sie in Vies politiques, unter Bezug auf Walter Benjamin, erneut auf die Bedeutung der Sprache zurück. Das veranlasst Martine Leibovici zu dem Kommentar: „Arendt hat die deutsche Sprache regelrecht in ihrem Gepäck mitgenommen; man kann nur den Schluss ziehen, dass es das Exil selbst war, welches sie zu dieser 'Rettungsaktion' getrieben hat."
Hannah Arendt – Karl Jaspers: Briefwechsel
Brief Nr. 140 vom 19. Februar 1953; S.243
Verlag Serie Piper, 1985, München
Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08