David Muntaner / A. Rossignol / I. Ugarte - 20/02/06
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Wahlen in Chile
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Die Kinder sind herausgeputzt, alles ist bereit, um den Geburtstag des Städtchens gebührend zu feiern.
San Pedro de Atacama mit seinen 5000 Einwohnern liegt 2000 Kilometer nördlich von Santiago: eine Oase inmitten der trockensten Wüste der Welt.
Im Lauf der Jahrhunderte ist der Glaube der indianischen Ureinwohner mit dem Katholizismus verschmolzen. Für die Bauern ist das Wort des Pfarrers das Wort Gottes.
In der Sonntagsmesse eine Woche vor den Wahlen kann sich Pfarrer Sotelo in seiner Predigt eine Spitze an die Präsidentschaftskandidaten nicht verkneifen:
“Im Augenblick reden alle von den Armen, aber keiner tut wirklich etwas für sie. Im Wahlkampf reden alle von den Besitzlosen. Jeder behauptet: "Ich bin der Freund der Armen". Und sobald die Wahlen vorbei sind, sind die Armen wieder vergessen.“
Die zweite zentrale Persönlichkeit des Dorfes tritt als erste aus der Kirche. Politisch ist San Pedro ein untypischer Ort: Seit fünf Jahren regiert hier eine Bürgermeisterin: Sandra Berna Martinez. Frauen sind in der chilenischen Politik extrem selten, und ganz besonders in so entlegenen Gegenden wie hier:
„Ich glaube, dass es eine Frau in der Politik sehr viel schwerer hat. Das ist zumindest meine persönliche Erfahrung. Als Frau wird man von allen Seiten beargwöhnt und ganz besonders natürlich von den Männern. Sie lauern auf den Tag, an dem wir ein Versprechen nicht einlösen. Als Frau muss man also in der Politik weniger reden und mehr arbeiten. Und genau das tun wir. Chile braucht eine Frau an der Spitze des Landes, aber diese Frau braucht umgekehrt die Mitarbeit aller Chileninnen und Chilenen.“
Und das ist sie, die Frau, vor der die Machos in der Hauptstadt Santiago zittern: Michelle Bachelet, die Kandidatin der Verständigung und der regierenden Linken. Ricardo Lagos zieht sich nach fünf Jahren als Präsident zurück. Er hat Michelle Bachelet persönlich als Nachfolgerin auserkoren.
Seit Beginn ihrer Wahlkampagne liegt sie in den Umfragen vorne. Eine Frau auf dem Präsidentensessel, das wäre eine regelrechte Revolution für Chile - und für ganz Lateinamerika.
Das ist zweifelsohne eine gewaltiger Schritt nach vorne. Sie bestätigt die generelle Veränderung in Chile. Die Frauen erobern sich eine tragende Rolle in der Gesellschaft. Sie sind auf lokaler Ebene in Bürgerbewegungen und Vereinen vertreten, und auch im Parlament. Aber dass eine Frau Präsidentin werden könnte, war vor einigen Jahren sicher noch völlig undenkbar.
Aber ich glaube, es entspricht dem Wunsch der Chilenen. Sie wollen, dass wir unsere Wirtschaftspolitik weiterführen und weiter an einer Gesellschaft arbeiten, die nicht nur fortschrittlich ist, sondern auch freundlicher, offener und gerechter. Und genau das steht in meinem Programm als Präsidentschaftskandidatin.
Ihre Vision der Gesellschaft ist genau das Gegenteil dessen, was sie in ihrer Jugend erfahren hat. Ihr Vater war General und gegen den Militärputsch. Er wurde von den Schergen Pinochets ermordet. Später wurde sie selbst zusammen mit ihrer Mutter verhaftet, gefoltert und ins Exil gezwungen.
Die Opfer der Militärdiktatur stehen geschlossen hinter ihr. Ihr Hauptquartier, eine Werkstatt, teilt sie mit einem anderen Wahlkämpfer: Jorge Insunza, letzter Nachkomme einer großen Politikerfamilie des Landes. Sein Vater, ein kommunistischer Abgeordneter, war ein enger Vertrauter des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Jorge kandidiert zum ersten Mal, bei den Parlamentswahlen.
Seine Wahlhelfer sind überzeugt: Die Linke wird diese Wahlen gewinnen.
„Ich habe schon bei zwei Bürgermeister-Wahlkämpfen mitgemacht. Wir haben beide Male gewonnen. Ich bin eine Kämpfernatur. Und ich sage euch: Jorge wird auch gewinnen.“
Dafür setzen sie sich auch ein. Mindestens 1000 Plakate müssen bis zum Abend fertig sein. Im Radio läuft die letzte Ansprache von Salvador Allende, die vom 11. September 1973.Der Militärputsch von Pinochet hat begonnen. Wenige Stunden später wird Allende Selbstmord begehen.
Jorge Insunza ist Kandidat bei den Parlamentswahlen:
„Diese Ansprache ist sehr wichtig, weil sie uns unserer Geschichte nahe bringt. Wir sind hier in einer Hochburg des Volkswiderstands. Die Bewohner von "La Victoria" haben immer gekämpft.“
La Victoria, eine Vorstadt von Santiago, ist das Viertel der Unbeugsamen, der Rebellen. Die traditionelle Hochburg der Linken hatte ganz besonders unter der Diktatur zu leiden. Verhaftungen, Folter, Hinrichtungen: Die Porträts der Märtyrer zieren bis heute die schmutzigen Mauern. Die Erinnerung an den Widerstand ist der ganze Stolz der Menschen hier. Denn ansonsten versinkt das Viertel in Arbeitslosigkeit, Armut, Drogen und Gewalt. Landesweit liegt die Arbeitslosenrate nur bei acht Prozent. Aber die Unterschiede zwischen Reich und Arm sind gewaltig.
Erica ist in La Victoria aufgewachsen. Sie hat immer links gewählt und wird es auch diesmal tun. Sie hat Besuch: Freunde sind vorbei gekommen.
Erica lebt hier mit ihrem Freund, ihren beiden Kindern und ihrer Schwiegermutter. Sie hat weder Krankenversicherung, noch Familienbeihilfe, noch Altersversorgung. Von Michelle Bachelet erwartet sie viel.
„-Der Wahlkampf von Michelle läuft super !“
„-Klar, Michelle ist die reine Frauenpower. Mit ihr zeigen wir den Männern, was wir können.
Ich verdiene um die 150 Euro im Monat. Davon werden 15 für die Steuern abgezogen. Mit dem Rest kommt man nicht über die Runden, weder hier in Chile noch anderswo.
Ich kämpfe für Michelle, weil sie die einzige ist, die durchsetzen könnte, was die Linke bis jetzt nicht geschafft hat. Warum ich nicht an eine rechte Regierung glaube? Weil ich genau weiß, dass sie nie etwas für uns Armen tun werden.“
Sebastian Pinera ist ein Sunnyboy. Der erfolgsverwöhnte Unternehmer hat es zum Milliardär gebracht. Er besitzt Fluggesellschaften und Fernsehsender. Spät ist er in den Wahlkampf eingestiegen, schließt jedoch stetig zu Michelle Bachelet auf. Sebastian Pinera ist der Newcomer in diesem Wahlkampf, die Medien verfolgen jeden seiner Auftritte. Weniger als drei Monate hat er sich gegeben, um die Chilenen zu überzeugen:
„Ich will etwas voranbringen, alle Chilenen ansprechen und alle Probleme anpacken, die ihnen zu schaffen machen. Ich will den Chilenen eine Zukunftsvision anbieten, die ihnen Mut gibt, gemeinsam an dem großen Ziel zu arbeiten, das ich gesetzt habe: eine Million Arbeitsplätze zu schaffen, davon 100 000 in den ersten drei Monaten meiner neuen Regierung.“
Sein Programm, das den Unternehmern auf den Leib geschneidert ist, überzeugt alle, die hier arbeiten: Die Bürohochhäuser von "El Bosque", dem Business-Zentrum von Santiago, sind das Symbol einer florierenden chilenischen Wirtschaft.
Der Geschäftsanwalt Gustavo Cuevas hat gut lächeln. Er vertritt hier die Interessen großer französischer Investoren, insbesondere der Banken. Auf der Liste der Länder, die am meisten ausländisches Kapital anziehen, steht Chile weltweit an fünfter Stelle. Das Wirtschaftswachstum liegt bei sechs Prozent, die Inflation ist unter Kontrolle. Chile hat sich zum südamerikanischen Musterschüler des Kapitalismus gemausert. Gustavo Cuevas erklärt das damit, dass Pinochet das Land früh auf ultraliberalen Kurs gebracht hat:
„Ich glaube, Pinochet war als Kapitalist nicht sehr begabt. Aber er hatte das Gespür, an die Zukunft des Liberalismus zu glauben. Chile war eines der ersten Entwicklungsländer, die mit dem Sozialismus und dem Kommunismus unter Allende gebrochen und den Liberalismus eingeführt haben. Und das war 1973 nicht die herrschende Mode. Heute regiert der Liberalismus überall, damals stand Chile damit allein da. Angesichts des Wirtschaftswachstums und der sozialen und kulturellen Entwicklung seither muss man sagen: Pinochet hatte eine echte Zukunftsvision.“
Pedro Matta sieht die Ära Pinochet da ganz anders. Er hat die Diktatur am eigenen Leib erfahren. Hier, in der Villa Grimaldi, einer Haftanstalt der chilenischen Armee, wurde er dreizehn Monate lang geprügelt und gefoltert. Das war 1975, er war damals Student und zu seinem Unglück Mitglied der Sozialistischen Partei:
„Viele meiner Freunde sind hier gestorben. Andere sind verschwunden. Ich komme hierher, um ihnen meine Wertschätzung, meine Achtung und meine Liebe zu bezeugen.“
Mehr als 130 000 Menschen wurden zwischen 1973 und 1990 aus politischen Gründen verhaftet, rund 2 300 ermordet. Augusto Pinochet hat seinem Land tiefe Wunden geschlagen. Und sein Einfluss ist bis heute gegenwärtig.
„Pinochets Einfluss ist erstens in der Armee spürbar, vor allem in einer Gruppe, die man hier die "Offiziersfamilie" nennt. Sie besteht aus Militärs in Rente, die Pinochet noch immer sehr nahe stehen. Sie unterstützen ihre Kameraden, die wegen Verletzung der Menschenrechte verurteilt und eingesperrt wurden. Sie fordern von den Kandidaten, mit einem Amnestiegesetz einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und ihnen Straffreiheit zu garantieren. Und zweitens gibt es da einige Großunternehmer und Medien-Zare, die sich immer noch zu Pinochet bekennen. Sie sind nur eine Handvoll, aber sehr mächtig. Ohne ihre Zustimmung geschieht in Chile nichts.“
Uns hat die Armee freundlich empfangen. Oberstleutnant Ramirez spielt den Touristenführer:
„Das hier ist die Ehrenhalle der Militärakademie. Diese wurde vom Befreier unseres Landes, Bernardo O'Higgins, 1817 gegründet.“
Seit zwei Jahrhunderten werden hier alle Offiziere der chilenischen Bodenstreitkräfte ausgebildet.
600 Offiziersanwärter, zurück vom Manövereinsatz. Aus ihren Rängen ging auch Augusto Pinochet hervor und auch die Offiziere, die den Putsch von 1973 organisierten und sich anschließend 17 Jahre lang bedingungslos in den Dienst der Diktatur stellten: eine wenig glorreiche Vergangenheit. Kein Wunder also, dass man hier versucht, die Geschichte ein wenig umzuschreiben:
„Die Armee als Institution hat stets Distanz zur Regierung gehalten. Natürlich waren Armeeangehörige am Regime beteiligt, und zwar der Präsident und die Mitglieder der Militärjunta. Aber der Großteil des Staatsapparates und die meisten Minister waren Zivilisten. Da waren nur ganz wenige Armeeangehörige dabei. Die Armee hat während dieser ganzen Periode ihre übliche Rolle wahrgenommen.“
Mit solchen Reden wird das Image der Armee kaum aufzupolieren sein. Nicht einmal die Gedenktafel wurde entfernt, die der frühere Diktator zu Ehren der beim Putsch gefallenen Soldaten angebracht hatte. Der Einfluss von Pinochet ist in Chile bis heute gegenwärtig, auch in der Politik.
Die unverbesserlichen Getreuen Pinochets sähen gerne einen der Ihren als Präsidenten. Sie haben die Mittel, sich Gehilfen zu kaufen, die für fünfzehn Euro am Tag sämtliche Boulevards von Santiago mit den Plakaten des Pinochet-treuen Kandidaten zukleben. Joaquin Lavin, der Sohn des frühren Anwalts von Pinochet, bereits bei den letzten Präsidentenwahlen geschlagen, ist der Kandidat der ultrakonservativen Rechten - sicher nicht der der kleinen Leute wie sogar die Plakatkleber:
„Ich wähle nicht, ich bin nicht eingetragen. Ich tue das hier für Geld. Er zahlt am besten.“
„Ich klebe Plakate, weil ich meine beiden Kinder ernähren muss. Politik interessiert mich nicht.“
Offiziell interessiert sich auch die chilenische Kirche nicht für Politik. Hier, in der Sankt-Helena-Kirche, wohnte Augusto Pinochet jahrelang der Messe bei. Pfarrer Silva wacht über die Schäfchen dieser sehr großbürgerlichen Pfarrei in Santiago:
„Das ist eine sehr traditionsbewusste Gemeinde. Den Leuten hier würde es missfallen, wenn der Pfarrer es wagen würde, über die Wahlen zu reden.“
Doch in diesem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung sich zum Katholizismus bekennt, wird das Verhältnis der Kandidaten zur Kirche sehr genau beobachtet. Erst vor einem Jahr wurde die Scheidung legalisiert, Abtreibung und Homosexualität bleiben Tabuthemen. Pfarrer Silva bezieht - für einen offiziell unpolitischen Mann - erstaunlich klar Stellung:
„Die Katholiken sollten den Kandidaten unterstützen, dessen politisches Programm am klarsten christlich geprägt ist. Es gibt nur zwei, die wirklich Christen sind. Die Kandidatin der Linken ist wohl Christin, sie ist wohl getauft, aber ihre Ideen entfernen sich sehr von den katholischen Vorstellungen. Die beiden anderen sind unbestreitbar praktizierende Katholiken. Wir haben also im Endeffekt die Wahl zwischen Lavin und Pinera.“
Gemeinde-Mitglieder:
„Wir haben uns gefragt, welcher Kandidat uns am besten vertritt. Das ist Lavin, er ist ein echter Katholik. Wir sind konservativ, also gegen Scheidung und Abtreibung. Wir wählen Lavin.“
„Wir sind für Lavin. Er verteidigt die Einheit der Kirche, die Familie, er hat Brüder im Kirchendienst, sein Vater war ein Jahr auf dem Priesterseminar.“
Trotzdem wird Joaquin Lavin wohl kaum Präsident. Die Mehrheit der Chilenen träumt von einem freien Leben. Die Entscheidung fällt wohl erst im zweiten Wahlgang, der voraussichtlich zum klassischen Rechts-Links-Duell wird. 15 Jahre hat Chile gebraucht, um die Angst vor Pinochet loszuwerden. Und vielleicht wird es ja doch eine Frau sein, die das Land endgültig in die demokratische Normalität führt.
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ARTE Reportage
Das internationale Nachrichtenmagazin
mittwochs gegen 21.45 Uhr
Erstellt: 08-12-05
Letzte Änderung: 20-02-06