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Wim Wenders: zum 60. Geburtstag - 26/08/05

Zur Aktualität Wim Wenders'

  • Wim Wenders: Der produktive elder statesman des deutschen Films

2005 scheint ein gutes Jahr für Wim Wenders zu werden, und das ist alles andere als selbstverständlich. Mit seinen letzten beiden Filmen Land of Plenty und Don't come knocking hat der Regisseur wieder vor allem internationale Beachtung gefunden, war auf den Festivals in Venedig und Cannes im Wettbewerb vertreten. Das Filmfestival in Locarno hat ihm im Juli den Ehrenleopard für sein Lebenswerk verliehen. Dieses Comeback – nicht das erste in seiner Karriere - verdankt er auch seinem erweitertem Themenkreis. In Land of Plenty (2004) setzt er sich mit der Verelendung und der Xenophobie in den USA auseinander, dem Land, das ein Fixpunkt seiner filmischen Sozialisation war, und deren Regisseure wie John Ford und Nicholas Ray (neben Michelangelo Antonioni und Yasujiro Ozu) erklärtermaßen zu seinen Vorbildern zählen. In Don't come knocking (2005) nimmt er zusammen mit seinem Drehbuchautor und Hauptdarsteller Sam Shepard den Western auf die Schippe. In dieser Farce zeigt der Regisseur einen für seine Verhältnisse selten skurrilen Humor und mit Jessica Lange, Eva Marie Saint, Sarah Polley und Fairuza Balk ungewöhnlich starke Frauencharaktere.

Es hat ganz den Anschein, dass Wenders, der im August 60 Jahre alt wird, noch immer Lust hat, Neuland zu entdecken. Damit ist er, abgesehen von seinem Kollegen Volker Schlöndorff, der aktivste der deutschen Regisseure, die in den 70-er Jahren aufbrachen, um den Film ihrer Heimat vom miefigen und provinziellen Image des Nachkriegsfilms zu befreien. Zusammen mit Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog und Alexander Kluge bildeten sie die Speerspitze des Neuen Deutschen Films, einer Gruppe hoch motivierter, aber unterschiedlichen ästhetischen und inhaltlichen Ansätzen folgender Autorenfilmer, denen es gelang, für ihre Filme auch internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung zu finden. Wenders gelang das zunächst in Deutschland mit Filmen wie Alice in den Städten (1974) oder Der amerikanische Freund (1977). Der internationale Erfolg kam mit PARIS, TEXAS, der 1984 in Cannes die Goldene Palme gewann, und mit Der Himmel über Berlin (1987) hinzu. So sehr solche Anerkennung dem deutschen Kino zugute kam, blieb Wenders doch in seinem Heimatland immer auch ein umstrittener Regisseur. In seiner Frühzeit wurde er in einer Mischung aus Anerkennung und Spott das Label „Sensibilist“ angehängt. Er gewann zwar viele Preise, aber es gab Kritiker, die mochten seine poetisch-melancholische Weltsicht nicht. Sie mokierten sich über seine Larmoyanz und über Schwächen in der Gestaltung seiner Geschichten. Dem Regisseur waren Momente der Wahrheit in seinen frühen Filmen wichtiger als der Handlungsverlauf insgesamt.

Diese Kritik scheint Spuren hinterlassen zu haben. „In Deutschland kräht kein Hahn nach mir“, klagte er im Februar 2005 bei einer ihm gewidmeten Podiumsdiskussion im Hamburger KulturKlub. Das klang zwar mokant, aber ein wenig schimmerte dabei auch die verletzte Künstlerseele durch. Erstaunlicherweise genießen Wenders und seine Filme – oft sind es Road Movies, in denen Männer unerfüllten Sehnsüchten nachjagen - in Ländern wie Frankreich, Italien und auch Großbritannien größere Anerkennung als in Deutschland. Michel Ciment, langjähriger Herausgeber der Filmzeitschrift Positif, der Wenders‘ Karriere seit den 70-er Jahren verfolgt, erklärt das so: „In Frankreich betrachtet man Filme weder als reine Unterhaltung noch als sozialpolitisches Statement. Man sieht sie eher als Kunstform an und in der hat Wim Wenders eine sehr persönliche Ausdrucksform gefunden. Es spielt wohl auch eine Rolle, dass er mit seinen Vorlieben - seinem ausgeprägten theoretischen Interesse am Medium Film, seiner Nähe zur Kritik, seiner Liebe zum amerikanischen Kino und zur Musik - nahe bei den Vorlieben der Regisseure der Nouvelle vague liegt.

Tatsächlich zeigt sich Wenders sich im Umgang mit dem Medium zunehmend vielseitig. Er hat zahlreiche Schriften zur Wirkung und Wahrnehmung filmischer Bilder geschrieben. Seine Photographien sind auf zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt worden. Der Arztsohn, der ursprünglich Maler werden wollte, zeigt in fast jedem Film ausgesucht schöne Bilder, die oft angelehnt an Werke des US-Malers Edward Hopper sind. Der Regisseur selbst hat mittlerweile Probleme mit dem Ausdruck „schöne Bilder“, weil er seiner Meinung nach auf andere Schwächen in seinen Werken hinweist.

Musik spielt bei Wenders stets eine große Rolle. Schon sein Abschlussfilm an der Filmhochschule Summer in the city (1971) trug den Untertitel Dedicated to The Kinks. Später hat er in die Soundtracks seiner Musiker wie Ry Cooder, Madredeus, BAP, Nick Cave oder T-Bone Burnett eingebunden. Wenders hat Dokumentarfilme über Musikthemen gedreht wie Buena Vista Social Club (1999), der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte, oder den Blues-Film The Soul Of A Man (2003). Er drehte Musikvideos für U2 und Willie Nelson sowie Werbefilme für Audi und die Deutsche Krebsvorsorge. Daneben hat er auch immer wieder als Schauspieler und Produzent gearbeitet sowie Filmstudierende in Hamburg und München ausgebildet. Er ist Präsident der Europäischen Filmakademie und zeigt fast 40 Jahre nachdem er die ersten Schritte im Filmgeschäft unternommen hat, auch als elder statesman des deutschen Kinos eine erfreuliche Produktivität. Wenders lebt in den USA und in Deutschland. Heimat, hat er erklärt, sei für ihn die deutsche Sprache. Als er 1976 zum ersten Mal mit seinem Film Im Lauf der Zeit in Cannes teilnahm und einen Preis gewann, war auf der Urkunde sein Name falsch geschrieben. Das dürfte ihm heute bei keinem Filmfestival der Welt mehr passieren.

Volker Behrens


  • Die nächste Regie-Generation über Wim Wenders

Dani Levy: Wenn ich an Wim Wenders denke, …
denke ich an den Boardwalk in Coney Island, wo Amerika beginnt und Amerika endet. Denke ich an Harry Dean Stanton, der durch die texanische Wüste irrt, voller Herzschmerz wegen Nastassja Kinski. Denke ich an sein Flugmeilenkonto und die Unmöglichkeit, die Meilen abzufliegen. Denke ich lachend zurück, wie er in meinem Film Ohne mich Godards legendären Satz sagt: „Im Kino schlafen heißt dem Film vertrauen“. Denke ich an seinen ruhigen Anruf eine halbe Stunde vor der Bundesfilmpreisverleihung, ob ich für ihn gegebenenfalls den Regiepreis entgegen nehmen könnte – ich musste es. Denke ich an jemanden, der die Technik liebt, und zwar so lange, bis sie ihn zurückliebt. Denke ich an den nüchternsten Träumer, den deutschesten Spinner diesseits von Hollywood. Denke ich darüber nach, ob dieser Mensch wirklich 60 Jahre alt oder nicht doch ein Junge geblieben ist.

Romuald Karmakar: 1987 wurde Wenders von der Redaktion der „Cahiers du Cinéma“ eingeladen, das 400. Heft zu gestalten. Daraufhin hat er befreundete oder von ihm verehrte Regisseure gebeten, von ihren Projekten zu schreiben, die noch nicht realisiert worden waren oder nicht realisiert werden konnten. Ich war damals 22, saß meinen Militärdienst in einer französischen Kaserne ab, träumte von meinem ersten Spielfilm und war schwer beeindruckt von der Ehre, die ihm nach Cocteau (Heft 100), Langlois (200) und Godard (300) zuteil wurde, und davon, welches filmische Universum der damals 42-Jährige in diesem Heft versammelte. Wenn man sieht, was er seitdem alles gemacht hat, muss es heute noch viel mehr 22-Jährige geben, die von ihrem ersten Spielfilm träumen.


Christian Petzold: Als Kind saß ich im Eiscafé Taormina in Wuppertal-Vohwinkel. Später bekam ich das Album „Tago Mago“ von Can geschenkt und auf dem Schulhof half Can gegen Yes und Emerson, Lake & Palmer. Dann lief 1975 Alice in den Städten nachmittags in der ARD, und ich schaute mir den Film an, weil die Filmmusik von Can war und die Eltern spazieren waren und das Reihenhaus ganz ruhig und friedlich, und da sah ich das Eiscafé und den Jungen mit der Eiswaffel neben der Musikbox mit Canned Heat, der einfach nur hörte und bei sich und außer sich war – und das war die erste lange Einstellung in meinem Leben. Ich sah Wuppertal und einen Jungen in einer Arbeitersiedlung, der hinter der Kamera von Robby Müller herlief, wie wir hinter dem orangefarbenen Wahlkampfkäfer von der SPD. Ich sah zum ersten Mal ein Bild von den Orten, an denen ich und die anderen lebten.


  • Sommer-Berlinale 2005

Vom 9.-14. August im Berliner Freiluftkino Friedrichshain, mit Filmen der Berlinale 2005. Am 14. August: „Der Himmel über Berlin“, im Anschluss ein Gespräch mit Wegbegleitern von Wenders über seine Filme.
Infos unter: Freiluftkino-Friedrichshain.de


  • Links

Wim-Wenders.com
Don't come knocking
Freiluftkino-Friedrichshain.de


  • Buchtipp

Volker Behrens (Hrsg.)
Man of plenty – Wim Wenders
ARTE EDITION / Schüren Verlag 2005
160 Seiten
ISBN 3-89472-407-2
16,90 €

Wim Wenders ist seit fast 40 Jahren im Filmgeschäft. Er feierte Erfolge als Regisseur von Dokumentarfilmen wie Buena Vista Social Club oder Soul of a Man und erschuf Filmklassiker wie Der Himmel über Berlin oder Paris, Texas.
Zum 60. Geburtstag im August 2005 beleuchten Weggefährten seine vielen Facetten: Wim Wenders als Fotograf, Autorenfilmer, Dokumentarist, Musikexperte und als Freund. Zu Wort kommen dabei Wolfgang Niedecken, Hubertus von Amelunxen, Hark Bohm, Petra Grimm, Michael Ranze, Guntram Vogt, Volker Behrens und Michael Töteberg. Ein Exklusiv-Interview, im dem Wenders Einblicke in seine ganz persönliche Arbeits- und Denkweise gewährt, rundet das Buch ab.

Wim Wenders“ ist im Rahmen der ARTE EDITION erschienen.
Bestell-Hotline: 089/85850101.

Erstellt: 09-08-05
Letzte Änderung: 26-08-05