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Hannah Arendt - 10/10/06

Zur Aktualität

Themenabend: Hannah Arendt – „Ich will verstehen“


Am 14. Oktober wäre die Philosophin und politische Theoretikerin Hannah Arendt, die heute uneingeschränkt zu den bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, hundert Jahre alt geworden. ARTE und der Bayrische Rundfunk widmen ihr aus diesem Anlass einen Themenabend, der am 13. Oktober 2006 um 22.25 Uhr auf ARTE ausgestrahlt wird. Aus diesem ARTE-Themenabend wurde am 12. September im Rahmen einer öffentlichen Pressevorstellung im traditionsreichen Münchener ARRI-Kino, die neue Dokumentation von Jochen Kölsch: „Denken und Leidenschaft – Hannah Arendt“ gezeigt.

Wie aktuell und virulent das Denken von Hannah Arendt heute ist, zeigte die erstaunliche Resonanz bei Publikum und Presse - zur Filmvorführung waren die etwa 350 Kinoplätze fast alle besetzt, und im Anschluss ergaben sich lebendige Diskussionen und Gespräche mit den anwesenden Filmemachern und Arendt-Forschern. Tatsächlich hat das Fernsehen erst in jüngster Zeit begonnen, sich mit der dramatischen Lebensgeschichte und dem scharfsichtigen, philosophischen Werk dieser Jüdin aus Deutschland zu beschäftigen, die häufig nur mit ihrem allerdings sehr wichtigen Prozessbericht „Eichmann in Jerusalem“ (1963) und der zur Redewendung verkommenen „Banalität des Bösen“ in Verbindung gebracht wird.
Dabei – und das zeigt der ganze Themenabend – war sie vor allem an den Menschen und der Menschlichkeit interessiert, besonders da, wo sie sich auch noch in finstersten Zeiten zeigt. Die Humanität wieder zu finden, auch angesichts eines Jahrtausendverbrechens das „nicht hätte geschehen dürfen“, war ihr immer wichtig, danach hat sie selbst auch gelebt. So ergibt sich eine seltene und überzeugende Einheit von Leben, Denken und Werk, wie die Arendt-Forscherin Ursula Ludz im ARTE-Interview betont.

Der Filmabend in München gab einen Vorgeschmack davon, wie unvollständig das bisherige Hannah Arendt-Bild in der Öffentlichkeit ist, und dass die intensive Auseinandersetzung mit ihrem Denken in Deutschland und Frankreich noch längst nicht als abgeschlossen gelten kann. In Zeiten erstarkender fundamentalistischer Strömungen in verschiedenen politischen und religiösen Lagern ist gerade ihre Totalitarismus-Kritik wieder eine besonders wertvolle Lektüre.
Denn, um den Titel des Themenabends aufzugreifen und fortzuführen, sie wollte nicht nur verstehen, sie wollte auch verstanden werden.

  • Das Hannah-Arendt-Portrait von Jochen Kölsch wird außerdem im Rahmen der Kooperation mit dem literaturhaeuser.net in den Literaturhäusern Leipzig (5. September) und München (11. Oktober) als Vorpremiere gezeigt.

Thomas Neuhauser (ARTE/ September 2006)



Die elitäre Rebellin

Noch immer ist die Faszination, die von Hannah Arendt ausgeht, ungebrochen: Ihre Arbeiten zum Totalitarismus und vor allem die Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem sind zu Klassikern politischen Denkens geworden. Faszinierend war Hannah Arendt auch als Person: Hans Jonas schwärmte von ihrem Zauber, Husserl und Jaspers waren tief beeindruckt, und mit Heidegger verband sie eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Eine Liebe, die ambivalent bleibt, gerade wenn sie Heideggers Arrangement mit den Nationalsozialisten ab 1933 und sein hartnäckiges Schweigen darüber nach Kriegsende überdauerte. "Verstehen wollen" – das machte die Denkerin Hannah Arendt zu ihrem persönlichen Lebensprinzip und theoretischen Werkkonzept. Nationalsozialismus, Exil und Emigration ließen sie nach Deutungsmustern für historische Entwicklungsprozesse suchen. Dabei erwies Arendt eine ungeheure Bewegungsfreiheit, jonglierte mit intelligenten, feinsinnigen Einfällen, die auf charmante und attraktive Weise überzeugten; freilich oft nicht unwidersprochen, denn Hannah Arendt schmiegte sich nicht an, sondern hinterfragte und rebellierte.

Quelle: br-online.de

Erstellt: 10-10-06
Letzte Änderung: 10-10-06