Das Buch enthält eines der verstörendsten Dokumente des Holocaust:
Zwischen dem 5. Mai und dem 3. August 1944 hatte ein junger Mann, ein Jugendlicher vielleicht noch, in die Marginalien des Bandes ein Tagebuch notiert. Eintragungen eines zutiefst aufgewühlten Menschen, der die Vernichtung des 1940 von den Deutschen abgesperrten »Getto Litzmannstadt«, des letzten im besetzten Polen noch bestehenden Ghettos, erlebt und schließlich selbst nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird.Das Tagebuch, das er auf den Buchseiten einträgt, ohne selbst noch eine andere Spur zu hinterlassen, schildert die letzten Wochen des Ghettos. Es ist niedergeschrieben in vier verschiedenen Sprachen: Jiddisch, Polnisch, Englisch und Hebräisch. Insgesamt 58 Seiten des Buches tragen handschriftliche Notizen des Autors. Begonnen in englischer und polnischer Sprache auf den zahlreichen Vorsatzblättern des Bandes, fortgesetzt später von den leeren Seiten am Ende des Buches her in jiddischer und hebräischer Sprache, hat der Autor seine Einträge schließlich in unregelmäßiger Reihenfolge vorne und hinten auf den verschiedensten Seiten, je nachdem, wo sich noch freie Flächen fanden, hinterlassen, die verschiedenen Sprachen ohne erkennbare Ordnung wechselnd.
Auch das Schriftbild schwankt stark, abhängig von den Emotionen des Autors, der sich zuspitzenden Lage des Ghettos, den sich überschlagenden Ereignissen wie der täglichen und endlos gedehnten Qual. Insbesondere in den letzten Einträgen löst sich die Schrift förmlich auf - in größter Eile geschriebene, hastig hingeworfene, immer größer werdende Buchstaben.Begonnen hat der Autor sein Tagebuch am 5. Mai 1944; im zweiten Eintrag am 15. Mai spricht er davon, dass er schon zuvor Ansätze zu einem Tagebuch unternommen habe, die er schon nach wenigen Einträgen aufgab.
Die Tagebucheinträge in das erhaltene Buch von François Coppée umfassen nur die letzten Wochen des Ghettos, geben mehr Stimmungen wieder, als dass sie die Ereignisse im Detail protokollieren, gleichen einem verzweifelten Anschreiben gegen die immer stärker ins Bewußtsein tretende unmittelbare Gefahr der endgültigen Vernichtung des Ghettos. Der Autor wiederholt manche Eintragungen, freilich stark variiert, in mehreren Sprachen. Offenbar will er alles dafür tun, dass auch nach der Vernichtung des Ghettos sein Tagebuch gelesen, dass seine Flaschenpost geöffnet werden kann.
Jede der vier Sprachen steht offenkundig für eine eigene Welt, die dem Autor dieser Zeilen etwas anderes bedeutet, verbunden ist mit Aspirationen und Hoffnungen, Illusionen und Verwundungen, seiner Wut und seinen Leiden.
Über eine hervorragende Bildung verfügend, oder besser, sie eben erlangend, schreibt der unbekannte Autor in englischer Sprache, als gelte es, sich an einen letzten Strohhalm zu klammern, eine imaginäre Verbindung zu einer europäischen Zivilisation, von der er sich zugleich verraten und verlassen fühlt. Die englische Sprache mag ihm auch als eine Chance erscheinen, sich einer ungewissen Welt der Zukunft verständlich zu machen.
Im Hebräischen richtet er sich zugleich (innerlich noch immer zwischen Humanismus bzw. Sozialismus und Zionismus schwankend) auf ein Leben in einem jüdischen Staat ein. Für ein jüdisches Leben in Europa sieht er, angesichts dessen, was geschieht, schließlich keine Chance mehr.»In meinen Gedanken, Irrgedanken, zögere ich, ob ich nach dem Ende des Krieges nach Israel einwandern oder in Polen bleiben soll«, notiert er am 31. Mai 1944. Und schon am 15. Mai schreibt er: »Ich will ein sozialistischer Kosmopolit sein, und doch habe ich viele Zweifel an der nahen Verwirklichung der Vereinigten Staaten der Welt, und immer noch üben das gute alte Hebräisch und das alte Palästina eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus - und dann wieder tadele ich mich - in meinem schrecklichen Zorn auf den Nationalismus, der von der barbarischen deutschen Übertreibung verursacht wurde - wegen meinem >Partikularismus<, meinem >Spießbürgertum< ...«
Während seine Versuche, im Englischen seinen Bildungsidealen, seinen ehrfürchtigen Träumen von Shakespeare nachzueifern, manchmal in weitschweifige Formulierungen führen, während er im Hebräischen, oft auf Bibelstellen anspielend, zuweilen pathetisch wird, bleibt die Sprache, in der er sich am freiesten bewegt, das Polnische. Seltener sind die Einträge im Jiddischen, obwohl er am 12. Juni 1944 schreibt: »Nur auf Jiddisch werde ich fähig sein, so hoffe ich, meiner wirklichen Innerlichkeit Ausdruck zu verleihen. Direkt und ungekünstelt. Ich schäme mich, wenn ich daran zurückdenke, daß ich bis vor kurzem die jiddische Sprache verachtet habe. Aber ob ich es will oder nicht: es ist die Sprache meines Vaters und meines Urgroßvaters, meiner Mutter und meiner Urgroßmutter.«
Ausdrucksfähig und ausdrucksstark ist der unbekannte junge Autor überall, auch wenn er klagt: »Meine Sprache ist so arm, vor allem die hebräische Sprache.« (24.7.1944)
Zuweilen beginnen sich die Sprachen, in denen er schreibt, miteinander zu vermischen. Jiddische Wendungen dringen in den polnischen Text, englische Wendungen ins Jiddische ein. Immer präsent bleibt das Deutsche. Eingestreut, oft falsch geschrieben, sind Anspielungen auf die Sprache der Täter, auf »Führer und Vaterland«
Vorwort aus:
»Les Vrais Riches« - Notizen am Rand
Ein Tagebuch aus dem Ghetto Lodz
Hrsg. von Hanno Loewy und Andrzej Bodek
Reclam Verlag Leipzig, 1997
Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts,
Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Band 13
Mehr Informationen dazu bei www.fritz bauer institut.de
Bilder: Tagebuchnotizen in "Les vrais riches". Notizen am Rand. Ein Tagebuch aus dem Ghetto Lodz (Mai bis August 1944), Herausgegeben von Hanno Loewy und Andrzej Bodek, Reclam Verlag Leipzig 1997






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