Wo einst das Elternhaus stand, erkannte Artur Singer bei seinem Besuch 1994 nur noch an den wilden Sauerkirsch- und Aprikosenbäumen dicht an jener kleinen Biegung, die die ansonsten kerzengerade, einst mit Akazien gesäumte Dorfstraße in ihrem nördlichen Teil vollführt. Von den Häusern, den Stallungen, Scheunen, der Schule, der Kirche, dem Friedhof fehlte jede Spur. Ziegel, Türen, Fenster, Grabsteine, das ganze Dorf war Plünderern und Schacherern zum Opfer gefallen, nachdem es von der neuen Sowjetmacht zum Abriss freigegeben worden war. Ein neuer Militär- flughafen sollte hier entstehen. Da inzwischen aber die Sowjetunion und mit ihr der Militärfl ughafen untergegangen sind, deckt die Natur wieder zu, was ihr seit 1842 von den deutschen Siedlern entrissen worden war. »Ich wusste, dass nichts mehr existiert«, sagt Artur Singer, um seine Enttäuschung angesichts des Wildwuchses zu verbergen. »Das untergegangene Dorf hat mich nicht mehr aufgewühlt.«
Dennoch kann er nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen treten, wenn er nur darüber erzählt. In seinem Wohnzimmerschrank in Bad Salzuflen verwahrt er das Teilstück eines grauen Dachziegels, den sein Onkel 1928 zum Bau des neuen Wohnhauses aus Sand und Zement fertigte. Daneben steht ein Bildband mit alten schwarz-weißen Fotografien.
Hoffnungstal.
»Mei Kindheit hab’ ich dort verbracht
do wo noch Fried’ und Ruh hat g’lacht.« (1)
Zwischen dem Dnjestr im Osten und dem Pruth im Westen, in einem bis ans Schwarze Meer reichenden flachwelligen Hügelland, unter dessen baumloser Steppe fruchtbare, schwere Schwarzmeererde liegt. Ein Land, in dem das Getreide bei langer Hitze verdorren oder von Hagel und Sturm vernichtet werden konnte. Ein Land aber auch, das Weintrauben, Aprikosen, Melonen, Mais, Hirse, Tabak, Roggen im Überfluss hervorbrachte, sodass die Bauern für Notzeiten vorsorgen und ihre Produkte vorbeireisenden Händlern oder auf den Märkten in Tarutino oder Wolontirowka anbieten konnten.Vom Frühjahr bis Herbst ging es vor Sonnenaufgang auf teilweise weit entfernte Felder hinaus; mit Proviant und Wein für die Arbeiter sowie Futter und einem Wasserfass für die Pferde. Spät am Abend verkündete das Geklapper von Pferdehufen auf der harten, staubigen und 16 Meter breiten Sandstraße die Rückkehr der Erschöpften. Sie arbeiteten hart, die Hoffnungstaler, säten, mähten, droschen, pflügten, butterten, schlachteten, schoren die Schafe – und konnten doch auch feiern und fröhlich sein, wenn Ziehharmonika, Triangel und Trommel auf dem festgestampften, sandigen Tanzplatz im Schatten des Akazienwäldchens zum Krakowiak, zur Polka und zum Walzer riefen, wenn sich die Dorfjugend abends auf der Straße mit Gassenliedern vergnügte oder Verwandte und Freunde in den großen Sommer küchen den neuen Wein probierten.
Hoffnungstal.
Hochzeitsfotos, Konfi rmationsfotos, Klassenfotos, deutsche Männer in der Zeit vor 1918 in russischen, in der Zeit nach 1918 in rumänischen Uniformen, Brautpaare und Familienfotos mit immer wieder denselben Namen: Singer, Laib, Schott, Wahl, Hofer, Rieger, Lämmle, Pfi tzer; Namen wie aus Dörfern um Stuttgart herum, aus denen ihre Vorfahren aufbrachen, um in der Fremde nach größerem Glück zu suchen.
Gottesfürchtig waren sie, pietistisch, einige vielleicht bigott. »Bete und arbeite«, lernten die Hoffnungstaler von ihren Eltern, und das lehrten sie auch ihre Kinder. Seitdem 1905 in der Mitte des Dorfes eine geräumige, helle Kirche errichtet worden war, drängten sich die Gläubigen zumindest an jedem dritten Sonntag, wenn anstelle von Küster Wernick Pfarrer Baumann predigte, der mehrere Gemeinden zu betreuen hatte. Ohne Gott schien das Leben schwer erträglich. Erfolg und Misserfolg, Tod und Leben lagen dicht beieinander. Gott gab und Gott nahm. Viele Frauen brachten zehn bis vierzehn Kinder zur Welt – doch meist starben ebenso viele, wie überlebten. Wenn der Arzt in Notfällen mit dem Pferdefuhrwerk aus dem Nachbardorf herbeieilte, war es oft zu spät. Medikamente standen nicht zur Verfügung. In leichteren Fällen half eine Hebamme mit Naturheilkräutern. Doch Diphtherie, Pocken und Grippe löschten manchmal ganze Familien aus.
Gott gab Trost – und Gott sprach Deutsch. Mochte die rumänische Regierung Deutsch seit Anfang der dreißiger Jahre als Unterrichtssprache auch durch Rumänisch ersetzt haben, so wurden der Religionsunterricht und der Gottesdienst doch weiter in Deutsch abgehalten. Protestantisches und nationales Bekenntnis standen in enger Wechselwirkung:
»Um d’ Kirch die Leut’ sich alle schara,
weil sie ihr Deutsch dadurch bewahra.« (2)
Wobei die Älteren den Akzent vielleicht etwas mehr auf die Religion, die Jüngeren hingegen mehr auf das Deutschtum legten.
Ja, deutsch wollten sie sein. Am Deutschtum festhalten inmitten von Rumänen, Russen, Bulgaren, Juden. Deswegen waren sie für Hitler. Deswegen war Deutschland ihr Ideal. Ohne dass sie wussten, was in Deutschland vor sich ging. Nur spärlich drangen Nachrichten aus dem fernen Reich in das rumänische Bessarabien. Selbst wer ein Radio besaß, konnte Sendungen aus Deutschland nicht verstehen, denn auf die Entfernung war alles verzerrt.
Auch Artur Singer, geboren 1925, war für Deutschland und für Hitler, um das Deutschtum hochzuhalten. In dem deutschen Knabengymnasium im 25 Kilometer entfernten Tarutino sangen sie Ende der dreißiger Jahre leise und verbotenerweise das Deutschlandlied und grüßten die Mitschüler auf der Straße, wenn niemand sie hörte, auf Deutsch mit »Heil«. Besonders verwegene und kräftige Jungen machten sich sogar auf zum jüdischen Gymnasium und provozierten Prügeleien. Obwohl die Polizei eingeschaltet wurde, konnten die Schläger nicht ermittelt werden. Sie hatten die obligatorischen Nummern von ihren Schuluniformen entfernt, sodass sie nicht zu identifizieren waren.Ja, deutsch wollten sie sein und wären doch gern in Bessarabien geblieben, wenn sie ihr Deutschtum hätten leben können. Nachdem die Sowjetunion allerdings Anspruch auf das Gebiet zwischen Dnjestr und Pruth erhoben und am 28. Juni 1940 in Bessarabien einmarschiert war, da erschien ihnen, als sich der Schock gelegt hatte, die Ausreise als das kleinere Übel. Von Verwandten und Bekannten jenseits des Dnjestr hatten sie die Geschichten von Kollektivierung und Kulakenverfolgung gehört, von Repression und Deportation – unter »dem Russen« wollten sie auf keinen Fall leben. Und so entschieden sie sich zur »Umsiedlung«. Kein Einziger wollte in Hoffnungstal bleiben.
Es ging alles sehr schnell. Im September 1940 zogen vier Mitglieder der Umsiedlungskommission in Hoffnungstal ein – die reichsdeutschen Soldaten Hoffmann, Müller, Pfeuler und Jundt –, und die ganze Jugend bestaunte den großen »Opel Olympia«, ihr Verbindungsfahrzeug, das einzige Auto im Ort. Vor der Schule informierte eine Tafel über die Voraussetzungen zur Umsiedlung, und in den zu Amtsstuben umgerüsteten Klassenzimmern nahmen örtliche Sachbearbeiter die Registrierungen für die Einwandererzentrale vor. Drei »Taxanten« aus der Gemeinde marschierten gemeinsam mit russischen Kollegen von Hof zu Hof und schätzten – häufig unter großem Streit – den Wert des Eigentums, für das im Reich Entschädigung zugeteilt werden sollte. Hartgeld, so erinnert sich Artur Singer, konnte nicht eingetauscht werden. Die Kommission notierte zwar die Summen, die sie in Empfang nahm, aber niemand hat jemals ein Äquivalent gesehen.
Die Hoffnungstaler packten, sie schlachteten, sie suchten ihr Vieh noch zu verkaufen, sie richteten die Planwagen her. Wer kein Gespann besaß, gab seine mit Namen und Adresse beschrifteten Gepäcksäcke vor der Schule ab, wo sie von den Fahrzeugen der SS abgeholt wurden.
Dann galt es Abschied zu nehmen.
Beim Gottesdienst teilte Oberpastor Immanuel Baumann in der überfüllten Kirche das Abendmahl aus, und alle schritten zum Altar, um zum letzten Mal in ihrem Geburtsort Brot und Wein zu empfangen. Auf dem Friedhof an dem sanften Abhang an der Ostseite des Dorfes sprach Küster Wernick ein Abschiedsgebet, und die schwarz gekleideten Frauen und Männer mit den sonnengegerbten Gesichtern, deren Umrisse sich zwischen den hohen, weißen Grabsteinen scharf gegen den bleigrauen Himmel abhoben, falteten die rauen Hände und senkten demütig den Kopf. Mochte Gott ihnen verzeihen, dass sie die Toten zurückließen.
Ab 1. Oktober 1940 standen die LKWs der SS im Dorf. Mädchen putzten die Windschutzscheiben noch einmal für die Fahrt über die staubigen Straßen und schmückten die Motorhauben mit Blumen. Kinder, Alte und Frauen, ausgerüstet nur mit Handgepäck, halfen sich gegenseitig beim Einstieg in die Transportwagen und Kleinbusse. Artur Singer war fünfzehn und fuhr mit Mutter, Vater und Schwestern; seine älteren Brüder zogen zwei Tage später los – in einem langen Treck von Planwagen, die sich tagelang über die Sandstraßen der Steppe quälten, bevor sie in der Stadt Galatz an der Donau ankamen. Keiner sang, keiner triumphierte. Es gab zwar die Verheißung: »Kommt nach Deutschland, Deutschland hat Land genug!«, doch noch trauerten sie:
»Du Land, in allem Gut so reich,
Ins Herz schloss ich dich ein;
Ich bleib’ dir in der Liebe gleich,
Im Tode bin ich dein!« (3)
Am 16. Oktober war Hoffnungstal menschenleer.
In den Ställen, so schrieb die rumänische Magd Olga der Familie Singer später nach Deutschland, hätten Kühe mit prallen Eutern gestanden und vor Schmerzen gebrüllt. Da seien Russinnen aus den Nachbardörfern gekommen, um sie zu melken.
Von Galatz ging die Fahrt stromaufwärts. Niemand aus Hoffnungstal war je auf einem Schiff gefahren. »Sieh mal diesen Kirchturm!« Und alle Passagiere liefen nach Backbord. »Sieh mal die Felsen der Karpaten!« Und alle Passagiere liefen nach Steuerbord. »Sieh mal den Vorspann!« Und alle Passagiere liefen zum Bug, vor den sich ein Schlepper gespannt hatte, weil sich ihr Schiff donauaufwärts ziehen lassen musste.
Alles war neu und fremd. Das Sauerteigbrot, das die Besatzung verteilte, ging gleich über Bord – die Umsiedler waren nur ihr selbst gebackenes Weißbrot mit Weinhefe gewöhnt. Später, schon im Zug vom jugoslawischen Semlin nach Deutschland, ging auch der Käse aus Österreich zum Fenster hinaus, denn den Umsiedlern schmeckte nur ihr eingelegter Schafskäse. Damals auf der Reise waren sie noch zuversichtlich, unbekümmert, wohl auch ein wenig hochmütig, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie schon wenige Wochen später mit dem Hunger kämpfen würden.
Erste Station der Gruppe von Artur Singer im Deutschen Reich war Chemnitz-Schönau. Nach wenigen Tagen ging es weiter in »Reichels Neue Welt«, ein ehemaliges Chemnitzer Ausflugslokal an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 6. Dass es sich um einen repräsentativen Fachwerkbau mit einem bunt ausgemalten Konzert- und Ballsaal, einer aufwendigen Stuckdekoration an der Decke und Säulengängen auf der rechten und linken Seite handelte, dürften die wenigsten Umsiedler wahrgenommen haben. Im Saal war es eng, stickig und laut. Weit über hundert Menschen drängten sich dicht an dicht in zweistöckigen Betten. Im Laufe der Zeit schirmten sich zwar einzelne Familien durch Decken voneinander ab. Aber Lärm und Licht störten immer. Und einige sagten, obwohl sie hier »eingedeutscht« wurden: »Wären wir doch nur in Bessarabien geblieben!«
....
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(1) Robert Roloff, Liebe zum Heimatdorf.
In: Hoffnungstal. Bilder einer deutschen Siedlung in Bessarabien. Eppingen o.J.
(2) Robert Roloff, Liebe zum Heimatdorf, a. a.O. S. 101
(3) Text und Melodie des Bessarabischen Heimatliedes von 1922
stammen vom Schuldirektor Albert Mauch.






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