Was hat Sie an diesem Thema am meisten interessiert?
I.K: Ich war immer stark an der Psychiatrie und den Grenzen unseres Geistes interessiert. Da ich mich als Nachfahre der Regisseure des „cinéma direct“ ansehe, wollte ich zunächst Sainte-Anne als Struktur verstehen. Doch sehr schnell ist mir klar geworden, dass es hier um weit mehr geht als um eine Struktur… Ich habe bemerkt, dass die Gesellschaft im Allgemeinen psychisch leidet. Und ich habe mir gesagt: Früher war es einfach. Da gab es mental Kranke in den Anstalten und „die Anderen“. Heute ist diese Grenzen porös geworden...
Wieviel Zeit haben Sie in den Abteilungen 15 und 17 in Sainte-Anne verbracht?
I.K: Drei Monate, jeden Tag, manchmal nachts. Allerdings in zwei Malen. Zunächst habe ich zwei Monate gefilmt, danach ein paar Tage Pause gemacht. Dann noch einmal einen Monat. Und davor habe ich sechs Monate damit verbracht, zu beobachten, mit den Menschen zu sprechen und zu verstehen.
Unter welchen Bedingungen haben Sie gedreht?
I.K: Es war nicht wirklich schwer die Erlaubnis zu bekommen. Ich musste den Verantwortlichen nur sagen, dass ich einen Film und keine Reportage drehe. Nach einigen Tagen ist mir aufgefallen, dass zahlreiche Pfleger sogar über ihre Situation sprechen wollten. Nach ein bisschen Papierkram wurde ich dann sehr herzlich empfangen. Die Leute in den Abteilungen 15 und 17 stehen einfach zu dem, was sie tun. Natürlich musste ich ihnen zunächst zeigen, dass ich einfach nur einen Film drehen wollte. Meine Bilder unkommentiert zu lassen rührt ebenfalls daher: Ich mag das Kino, nicht den Filmkommentar.
Was hat Sie im Alltag der Patienten und Pflegen am meisten erstaunt?
I.K: Man darf nicht vergessen, dass die beiden von mir gefilmten Abteilungen in Sainte-Anne Krisensituation bewältigen müssen. Die Pfleger, die zudem keine spezifische Ausbildung erhalten, müssen mit Patienten fertig werden, die an einer psychischen Krise leiden. Und da ihre Behandlung täglich 900€ kostet, wollen die Ärzte sie recht schnell aus der Abteilung entlassen. Eine enorme Mehrheit der Patienten verbringt nicht mehr als einen Monat in der Abteilung 15.
Welchen Platz hat Ihrer Erfarhung nach die Psychiatrie in der heutigen Gesellschaft?
I.K: Die Gesellschaft muss zunächst verstehen, dass das Problem sehr komplex ist. Es geht nicht nur um Sicherheit und Krankheit. Die Art der Behandlung, die Strafe, das Leid der gesamten Gesellschaft, das Problem des Freiheitsentzugs, die Begrenzung der Leute, der Sinn gewisser Methoden… Nehmen Sie beispielsweise die Elektroschocks: Viele depressive Leute verlangen diese Behandlung um wieder auf die Beine zu kommen. Meiner Erfahrung nach zu urteilen ist es sehr schwer sich eine einheitliche Meinung zu dem Thema zu bilden.
Was muss sich ändern?
I.K: Ich denke, dass man sich vor allem dem Dogma „alles durch Medikamente“ entgegensetzen muss. In den 60er und 70er Jahren war der Patient ein Subjekt. Bei Lacan und Deleuze handelt es sich stets um ein Individuum, das man verstehen muss, bevor man es behandelt. Heute ist der Patient ein Objekt. Der Mangel an Zeit und die Effizienz der Medikamente haben aus dem Menschen eine Summe von Symptomen gemacht, die man mit Psychopharmaka behandelt, ohne jemals mit ihr zu sprechen.






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

