Schriftgröße: + -
Home > Die Welt verstehen > Geschichte auf ARTE

Geschichte auf ARTE

Monatliches Onlinemagazin mit Informationen zu den wichtigsten historischen Sendungen auf ARTE und mehr: Geschichte hinter den Geschichten

> Wasserspeier > „Hinternentblößer" und andere finstere Gestalten

Geschichte auf ARTE

Monatliches Onlinemagazin mit Informationen zu den wichtigsten historischen Sendungen auf ARTE und mehr: Geschichte hinter den Geschichten

Geschichte auf ARTE

Das historische Bild des Monats - 30/11/05

„Hinternentblößer" und andere finstere Gestalten

Wilde Löwen, Teufelsfratzen, hässliche Mischwesen aus Mensch und Tier oder auch Menschen mit eigenartigen Verrenkungen und anzüglichen Gebärden bevölkern die Außenseiten gotischer Kathedralen.

Weitere Artikel zum Thema



In den verschiedensten Kulturen besteht die Vorstellung, böse Geister durch Fratzen, die ihnen ähnlich sehen, vertreiben zu können. So kamen schon in der Antike Wasserspeier meist in der Gestalt von Löwen vor, dann aber erst wieder bei den Baumeistern der Gotik. Wie an anderen gotischen Kathedralen hatten die Wasserspeier am Münster in Freiburg i. Br. die Aufgabe, die Menschen vor diesen bösen Geistern zu schützen. Viele der finsteren Gestalten hoch oben am Gotteshaus wurden aber auch als direkte Personifikation böser Geister gesehen, die hier zum Dienst an der Kirche gezwungen sind. Sie leiten das Wasser ab, damit der Bau nicht vorschnell verwittert. In den Dämonen und furchterregenden Gesichtszügen der Wasserspeier kamen die großen Ängste der Menschen zum Ausdruck, aber ebenso die Sicherheit, dass der Schöpfer dem Bösen seinen Ort zuweist und seine Schranken setzt.

Bei den gotischen Kirchen in Deutschland waren naturalistisch gestaltete Tierspeier weitverbreitet. Sie dienten als Allegorien, um christliche Werte anschaulich zu vermitteln, so verkörperte z.B. das Schwein Gier und andere Laster. Ebenso besiedeln menschliche Figuren die Außenmauern, meist Karikaturen, zur Abschreckung oder zum Spott wie der hier abgebildete

„Hinternentblößer"

Eine nackte menschliche Figur mit langen Haaren stemmt sich mit den Armen und mit durchgestreckten Beinen gegen den Pfeiler und streckt das entblößte Hinterteil dem Betrachter zu. Die Figur hat zwei Köpfe, die sich rechts und links an die Pfeilerecke legen.


Um diese obszöne Figur entwickelten sich im Volksmund die unterschiedlichsten Erzählungen. Verbreitet ist vor allem die Erklärung, daß diese drastische Gebärde dem Erzbischof galt, dessen Palais sich gegenüber dem Wasserspeier befindet. Dabei übersah man allerdings, daß die Figur aus dem Mittelalter stammt, während ein Erzbischof erst seit 1827 in Freiburg residiert.

Der doppelte Kopf der Figur könnte auch eine Anspielung auf den Teufel sein, der im Mittelalter häufig mit mehreren Gesichtern abgebildet wurde. An dem gegenüber liegenden Pfeiler der Nordseite ist ebenfalls ein doppelköpfiges Monstrum zu sehen. Das demonstrative Vorzeigen von Geschlechtsteilen oder dem Gesäß, auch als „Blecken" bezeichnet, war ein im Mittelalter außerordentlich beliebtes Motiv, das seit dem 12. Jahrhundert in der christlichen Bildkunst, der Malerei, Bauplastik und auch an spätmittelalterlichen Chorstühlen zahlreich überliefert ist. Es diente als Spottgebärde, war aber auch apotropäisch, d.h. zur Abwehr der bösen Geister, gemeint. Nach christlichem Verständnis könnte die Figur das Laster der Unkeuschheit verkörpern. Ein vergleichbarer Wasserspeier ist am Musée Cluny in Paris angebracht. Dort stellt eine allerdings bekleidete männliche Figur ebenfalls ihr bloßes Hinterteil zur Schau.

Mitte 14. Jh. (0. Schmitt), Anfang IS. Jh. (F. Baumgarten), (Kopie)



Schwein mit zwei Ferkeln

Das prachtvoll gearbeitete Tier hat lebhaft seinen rechten Huf vorgestreckt, während die anderen Beine am Stein anliegen. Sein ausdrucksvoller Kopf und der langgestreckte Körper, unter dem zwei saugende Ferkel sitzen, sind sehr naturalistisch wiedergegeben.

Wasserspeier in Form von Schweinen findet man relativ häufig. In der Bibel steht das Schwein, das sich „nach der Schwemme wieder im Schlamm wälzt" (2 Petr 2,22), sinnbildlich für die wankelmütigen Gläubigen, die sich immer wieder aufs neue vom „Schmutz" der Welt verführen lassen. Als Verkörperung von Unmäßigkeit und Gier stellt es auch eine der „Sieben Todsünden" dar.

Anfang 14. Jh. (Kopie)


Bärtiger Mann im Schneidersitz - „Zanner"

Die Figur hat den Mund weit aufgerissen und greift sich mit den Händen an die Schläfe und in den Bart. Formal zeigt sie Ähnlichkeit mit einer Skulptur am Westturm, die als Verkörperung der Wut zu dem Figurenzyklus der „Sieben Todsünden" gehört.

Die Gebärde des Maulaufreißens war ein im Mittelalter verbreitetes Bildmotiv und wurde mit „Zannen" oder „Zähneblecken" bezeichnet. Als Spottgebärde oder auch apotropäisch gemeint, taucht dieses Motiv schon in der romanischen Kapitellplastik auf. Besonders häufig sieht man solche grimassenartigen Darstellungen bei architekturbedingten Öffnungen, die man als „Maul" benutzte. Hierzu zählen neben den Wasserspeiern auch Brunnenöffnungen und Schießscharten von Wehrtürmen und Stadttoren.

Auf der Konsole unter dem Wasserspeier ist ein Affe zu sehen. Er ist mit einem Mantel (Kutte?) bekleidet und hält in seiner linken Hand einen Apfel. Im Mittelalter galt der Affe wegen seines Nachahmungstriebes als Symbol des Teufels.

Außerdem war er Sinnbild des sündigen Menschen, worauf auch der Apfel als Hinweis auf den Sündenfall hindeutet. Häufig verwandte man den Affen auch als Mittel der Parodie, um damit bestimmte Gesellschaftsschichten, wie Kleriker und Mönche aufs Korn zu nehmen. Noch heute weist die Redensart „jemanden nachäffen" auf die negative Deutung des Tieres hin.

2. Hälfte 13. Jh.

von Heike Mittmann

Die Kunsthistorikerin Heike Mittmann ist seit 1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Freiburger Münsterbauverein.
Die Fotos machte Jean Jeras. Schwerpunkt des freiberuflichen Fotografen ist die Kunst- und Architekturfotografie.

Mehr Informationen über die Freiburger Wasserspeier können Sie hier nachlesen:

Die Wasserspeier am Freiburger Münster

Heike Mittmann
Fotografien von Jean Jeras
Kunstverlag Josef Fink, 2002, 2. Aufl.
ISBN: 3931820432

Der Band lädt zu einem Rundgang um das Münster ein: alle 91 Wasserspeier am Freiburger Münster werden mit Fotos von Jean Jaras und kurzen Texten von Heike Mittmann vorgestellt, ein Grundriss hilft bei der Orientierung. Nicht berücksichtigt wurden die vielen Miniaturspeier an der Turmvorhalle, die ohne technische Funktion sind und nur aus dekorativen Gründen angebracht wurden.

Erstellt: 30-11-05
Letzte Änderung: 30-11-05