Am Anfang stand die Frage des ARTE-Programmdirektors Christoph Hauser. Andrew Orr, Autor und Produzent bei Novaprod, antwortete mit einem Projekt, aus dem dieser Film entstand. Der Dokumentarfilm versucht nachzuvollziehen, wie Frankreich die deutsche Wiedervereinigung wahrgenommen hat, nachdem das Land dreimal in nicht einmal einem Jahrhundert mit der Waffe in der Hand gegen seinen Erbfeind gekämpft hatte.
Sieht man sich die Umfragen von 1989 und 1990 noch einmal an, wird einem klar, dass die Franzosen der deutschen Wiedervereinigung nicht feindselig gegenüberstanden und dass dieses mögliche Ereignis ihnen keine Angst bereitete: Die Franzosen sahen die BRD als eine Säule der europäischen Gemeinschaft und fürchteten sich nicht mehr vor der UdSSR - ja sie unterstützten sogar das Streben der DDR-Bürger nach Freiheit.
Ich jedoch hatte in Erinnerung, dass die deutsche Wiedervereinigung für viel Polemik in der französischen Politik gesorgt hatte, dass die Haltung von Präsident Mitterrand sehr in Frage gestellt worden war und man ihm fehlende Begeisterung, ja sogar Zurückhaltung vorwarf. Dass diese Kontroverse auch noch zwanzig Jahre später bestand, bestätigten mir die ersten informellen Gespräche, die ich mit Leitartiklern und Beratern des Elysée-Palastes führte. Das hat mich stutzig gemacht und meine Neugier geweckt.
Als man mir die Regie für den Film anvertraute, habe ich mir noch einmal intensiv die Bilder der französischen Fernsehnachrichten der damaligen Zeit angesehen, um den Kern der Kontroverse herausfinden und um die Haltung des Élysée-Palstes im Laufe dieses langen entscheidenden Jahres nachvollziehen zu können. Und ich habe entdeckt, dass, im Zuge der Berichterstattung zum Mauerfall, die Fernsehnachrichten über eine wichtige Sache berichteten, die sich zur gleichen Zeit abspielte, die jedoch stets nur vage angedeutet wurde. Mehr als über die Öffnung der innerdeutschen Grenze wurde über das gewaltige diplomatische Ballett von Mitterrand, Kohl, Bush senior und Gorbatschow berichtet, das Anfang des Sommers 1989 begann.

Mehr Informationen zum Film
"François Mitterrand und die Wiedervereinigung"
Mittwoch, 4. 11. 09 um 21.00 Uhr
Wiederholung am Dienstag 10.11.09 um 09.55 Uhr und Mittwoch 18.11.09 um 03.00 Uhr
(Frankreich, 2009, 71mn)

Wie entstand die Polemik?
Dank der Arbeit von Historikern wie Frédéric Boso, Tilo Schabert oder Samy Cohen, die in ihren Werken auch die erwähnte Polemik thematisieren, konnte ich mir eine recht genaue Vorstellung von Mitterrands damaliger Politik machen. Grundlage für diese Polemik sind zwei Ereignisse und eine Unterlassung: Anfang Dezember 1989 besucht Mitterrand Gorbatschow in Kiew. Zwei Wochen später reist er, kurz nach dem amerikanischen Außenminister James Baker, in die DDR - ohne jedoch West-Berlin zu besuchen. Wenn niemand in der deutschen Regierung an eine französisch-sowjetische Allianz gegen die deutsche Wiedervereinigung glaubte, dann lag das daran, dass Mitterrand, der kurz vor der Präsidentschaft der Europäischen Union stand, seit Juli 1989 immer wieder betonte, dass die deutsche Wiedervereinigung eine innerdeutsche Angelegenheit sei, die sich jedoch friedlich und demokratisch vollziehen solle und die die bestehenden Grenzen innerhalb der europäischen Union respektieren solle. Von diesen Prinzipien, die er immer wieder bekräftigt, weicht Mitterrand nicht ab und richtet seine Politik im kommenden Jahr nach diesen aus.
Tatsächlich war Mitterrand der Gefangene des Bildes vom September 1984, das ihn und Kohl Hand in Hand im stillen Gedenken vor den Gräbern der deutschen und französischen Soldaten in Verdun zeigte. Diesem Symbol musste eine historische Rede im Hinblick auf die deutsche Wiedervereinigung folgen. Dies legten die Berater Mitterands dem französischen Staatspräsidenten auch immer wieder nahe. Auch einige Leitartikler warteten auf eine solche Rede. Doch Mitterrand weigerte sich und - verärgert über die Beharrlichkeit seiner Berater - soll er diesen geantwortet haben: «Pourquoi voulez-vous que j’aille ajouter du bruit au bruit (Warum noch mehr Lärm zum Lärm dazu tun)?»
Denn die Neuorganisation Europas wird ja nicht in Pressekonferenzen diskutiert, sondern hinter verschlossenen Türen und im Laufe von abhörsicheren Telefongesprächen. Um mehr über die Verhandlungen des Gipfeltreffens zu erfahren, denn davon gibt es keine Bilder, habe ich die Berater des französischen Staatspräsidenten getroffen: Hubert Védrine, Sophie-Caroline de Margerie und Jacques Attali, sowie die des deutschen Bundeskanzlers, Horst Teltschik, Joachim Bitterlich und die beiden Außenminister Roland Dumas und Hans-Dietrich Genscher. Alle haben ganz offen und direkt von den damaligen Ereignissen erzählt. Als großer Experte der Krisendiplomatie spricht Védrine von der «gestion collective» – einer gemeinschaftlichen Leitung.
Ich als Dokumentarist würde jedoch eher sagen, dass man zehn Monate lang einem Stück des französischen Dramatikers Marivaux beigewoht hat: Jeder der Protagonisten wusste nur zu gut, wie das Stück ausgehen würde; dass die Hochzeit zwischen den beiden deutschen Staaten in der letzten Szene des 5. Aktes stattfinden würde. Dennoch versuchte jeder der Protagonisten, seinen Zeitplan durchzusetzen und von der Situation zu profitieren.
Wie wurde dieses diplomatische Ballett inszeniert?
Am 9. November schien die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten noch weit entfernt zu sein, aber die Geschichte war schon in vollem Gange: Bereits seit Juli konnten DDR-Bürger über die ungarische Grenze in den Westen einreisen, da Ungarn ja seine Grenze zur BRD geöffnet hatte.
George Bush senior, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Francois Mitterrand wussten, dass sie in diesem internationalen Spiel irgendwie gewinnen mussten bzw. nicht verlieren durften. Allen voran Gorbatschow, dessen Position im Kreml nicht sehr gefestigt war. Eine der Prioritäten des Weißen Hauses und des Elysée-Palastes war es deshalb, Gorbatschow unter keinen Umständen in Schwierigkeiten zu bringen. Védrine, Attali und die anderen Berater bestätigten mir immer wieder, dass ihre Hauptsorge Gorbatschow galt. Er sollte um jeden Preis geschützt werden, damit er weder sein Gesicht, noch sein Amt verlieren würde. Denn ohne seine Zustimmung würde weder der Kalte Krieg beendet, noch die Wiedervereinigung Deutschlands realisiert werden können.
Die wirtschaftliche Situation in der UdSSR war kritisch und Gorbatschow brauchte Güter des Grundbedarfs. Als Gorbatschow im Juli 1989 Kohl in Bonn einen Staatsbesuch abstattete, sahen die beiden Staatsoberhäupter in dem Treffen eine Gelegenheit, die Unterstützung des anderen zu erhalten. Andeutungsweise, indem man metaphorisch über den ewigen Fluss des Rheins sprach, wurde ein Pakt besiegelt: Gorbatschow würde den Prozess der Wiedervereinigung militärisch nicht behindern und im Gegenzug würde Kohl der UdSSR Wirtschaftshilfe leisten. Und nur ein paar Monate später erhielt ein enger Mitarbeiter Kohls dann auch Besuch von einem sowjetischen Gesandten, der ihm eine Liste mit Gütern aushändigte, die in die UdSSR geliefert werden sollten: u. a. Tausende von BHs, die mit einem deutschen Militärflugzeug nach Moskau geliefert werden sollten! Selbstverständlich unterrichtete keiner der beiden Staatsmänner seine französischen und amerikanischen Partner von diesem Pakt.
Als Kohl dann am 28. November 1989 dem Bundestag sein 10-Punkte-Programm mit den einzelnen Etappen der deutschen Wiedervereinigung vorlegte, überrumpelte er alle, einschließlich seinen eigenen Außenminister. Damit übernahm er sowohl in der innenpolitischen Debatte um die Wiedervereinigung als auch auf der internationalen Bühne wieder die Führung: Sein Programm, das eine deutsche Wiedervereinigung innerhalb von zehn Jahren vorsah, beschleunigte die Geschichte.
Auf der französischen Seite wollte Mitterrand den Aufbau Europas voranbringen und der Einführung der einheitlichen Währung einen neuen Impuls geben. Kohl widerum erklärte sich bereit, die D-Mark aufzugeben, sobald Deutschland wiedervereinigt und ein souveränes Land sein würde. Ein weiterer Punkt, der für heftige kontroverse Debatten in Deutschland bis in die Reihen der CDU/CSU hinein sorgte, war die künftige Ostgrenze des wiedervereinigten Deutschland. Dieser Streitpunkt bereitete Kohl einige Schwierigkeiten im Wahlkampf für die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen im Dezember 1990...
Und genau hier kam nun die langjährige Bekanntschaft und Vertrautheit, ja die Freundschaft der beiden Staatsmänner sowie ihre Professionalität zum Tragen: Auch wenn es immer mal wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und Frankreich gab, kam es niemals zu einem ernsthaften Kräftemessen der beiden Nationen. Und so verkündet Kohl am 25. April 1990 während der Abschlusspressekonferenz des deutsch-französischen Gipfels voller Freude, dass die Europäische Einheit und die deutsche Einheit gemeinsam, Hand in Hand realisiert würden, worauf Mitterrand antwortete: «Ich bin bereit.»







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