Man spürt den Respekt und die Bewunderung der Menschen gegenüber dem erfolgreichsten Schriftsteller ihres Landes, und oftmals auch einfach Sympathie und Zuneigung. Seine Feinde zeigen sich meist nicht so deutlich – dabei sind sie in der Türkei bestimmt genauso zahlreich wie seine Anhänger. Orhan Pamuk spürt seit vielen Jahren den Druck, der auf ihm lastet, er muss viel Kritik einstecken. Und ihm ist bewusst, auf welch schmalem Grat er sich bewegt:„Leider bin ich in der Türkei als politischer Schriftsteller bekannt. Oder zumindest als Schriftsteller, der sich in seinen Büchern auch mit der Politik beschäftigt. Das ist nicht das, was ich mir gewünscht habe. Meine Bücher waren niemals „politisch“. Politik
mache ich ohne meine Bücher. Brecht hatte Schriftstellern geraten: Wenn man nach eurer politischen Überzeugung fragt, zeigt nicht euer Parteibuch, sondern die Bücher, welche ihr geschrieben habt. Ich wollte es genau umgekehrt machen. Wenn man mich nach meiner Überzeugung fragt, wollte ich nicht meine Bücher zeigen, sondern das, was ich sonst getan habe. Wenn ich an die letzten 10 Jahre denke: Zuerst unterschrieb ich Aufrufe. Dann schrieb ich im In- und Ausland. Danach fand ich mich bis zum Hals in der Politik. Und ich sagte mir: „Wenn du so tief in der Politik steckst, dann schreibe einen politischen Roman. In meinem Roman „Kar“ (Schnee) schrieb ich dann alles ganz offen.“ (während der Dreharbeiten des Dokumentarfilms „Die Entdeckung der Einsamkeit“)Die seit vielen Jahren anhaltende Hetze nationalistischer Kreise gipfelt nun in einem am 31.8.2005 in die Wege geleiteten Strafverfahren der türkischen Staatsanwaltschaft gegen Orhan Pamuk – wegen „Herabsetzung des Türkentums“, weil er es wagte, den oftmals totgeschwiegenen Völkermord an Armeniern und Kurden offen anzusprechen: in einem Interview, dass er
dem Schweizer Tagesanzeiger im Februar 2005 gab – also kurz vor dem 90. Jahrestag des Massenmords an den Armeniern im April 2005. Es folgte ein Sturm der Entrüstung in der Türkei, der über das hinausging, was Pamuk bis dahin an Drohungen und Anfeindungen kannte. Pamuk verließ sein Land, sagte Lesereisen nach Europa ab und zog in die USA. Die Gerichtsverhandlung soll im Dezember stattfinden, es drohen Orhan Pamuk bis zu 3 Jahre Haft.Nun ist der Autor, der tief in die Seelen der Menschen blickt und mit großer Intensität schwarze Flecken und erschreckende Abgründe entdeckt, auf dem Weg nach Deutschland, um dort den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegenzunehmen. Geehrt wird er dafür, dass er – wie es in der Urteilsbegründung heißt – „wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht“. Grausamkeit ist neben Nostalgie, Humor und intellektueller Verspieltheit das hervorstechende Merkmal seines Schreibens. Er hat durchaus die Grausamkeit, die brutale Wahrheit zu erzählen, nämlich, dass alles zu Ende geht, dass nach den Witzen und dem Lachen geschossen wird und der Tod kommt.
Von Florian Leidenberger
(Autor des Dokumentarfilms "Orhan Pamuk - Die Entdeckung der Einsamkeit)
Nachtrag:
Januar 2006: Die türkische Justiz hat das umstrittene Verfahren gegen Orhan Pamuk eingestellt. Bereits im Dezember hatte Außenminister Gül ein mögliches Einlenken in Aussicht gestellt und eingeräumt, dass der Prozess dem Ansehen seines Landes schade.

Bilder aus dem Dokumentarfilm "Orhan Pamuk - Die Entdeckung der Einsamkeit" von Florian Leidenberger, 2005






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