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28. Juli 2009 um 23.00 Uhr - 24/07/09

„Scarface“

Regie: Brian de Palma


Brian de Palmas „Scarface“, ein Kultfilm aus den 80er-Jahren, ist im Lauf der Jahrzehnte über die Grenzen der Filmwelt hinaus zu einem wahren Gesellschaftsphänomen geworden.

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Kokain-Trip
Die ersten Szenen des Streifens könnten aus einem Dokumentarfilm stammen: Gezeigt werden kubanische Flüchtlinge, die in Florida auf amerikanischem Boden Aufnahme finden. Doch rasch erhält „Scarface“ trotz eines gewissen Realitätsbezugs fiktionaleren, symbolischen Charakter und zeigt die ehrgeizigen Anfänge des modernen Antihelden Tony Montana. Sozusagen die dunkle Seite des amerikanischen Traums, der nicht durch Arbeit, sondern durch Gewalt verwirklicht wird. Tony ist ein Habenichts, der es weit bringen will und dafür zu allem bereit ist – ohne zu ahnen, dass diese Karriere nur illusorisches Glück verspricht. Tonys sozialer „Aufstieg“ in „Scarface“ ähnelt dem Drogentrip eines Kokainsüchtigen: Die Geschichte wird immer grotesker, das Selbstwertgefühl des Protagonisten immer überzogener – bis das depressive „Down“ kommt, der unerbittliche Abstieg, gekoppelt mit schleichendem, gefährlichem Verfolgungswahn. Es ist gewiss kein Zufall, dass Drehbuchautor Oliver Stone „Scarface“ zu einer Zeit schrieb, als er gegen die Kokainsucht ankämpfte. Der Film spielt mit sämtlichen Klischees des Gangsterfilm-Genres, die hier auf die Spitze getrieben werden. Es handelt sich um ein Remake der 1932 entstandenen ersten „Scarface“-Version von Howard Hanks, die indirekt die Geschichte von Aufstieg und Fall des „Original-Narbengesichts“ erzählt: Al Capone, Amerikas Staatsfeind Nr. 1 zur Zeit der Prohibition.

Griechische Tragödie
„Scarface“ schildert die gnadenlose Zerstörung einer „königlichen“ Familie durch ihren verlorenen Sohn und erhält dadurch Anklänge an eine griechische Tragödie. Noch dazu ist Tony Montanas einzige Schwäche seine fast inzestuöse Liebe zu seiner Schwester, durch die er einige fatale Irrtümer begeht. Wie auf einem obszönen Jahrmarkt der Eitelkeiten dealt der kleine Gangster, der hoch hinaus will, auf dem amerikanischen Markt mit kolumbianischem Kokain. Schließlich wird Tony in einer Restaurant-Szene seiner Illusionen beraubt und schreit seine Selbstverachtung heraus. Beeindruckend ist hier das fast naive Verhalten einer zynischen Figur, die plötzlich entdeckt, dass Macht und Geld nicht glücklich machen. Ironischerweise findet Tony nach einem Anflug von Menschlichkeit den Tod: Er weigert sich, einen Politiker zu erschießen, der bei der UNO einen Anti-Drogen-Vortrag halten soll, weil der Politiker in Begleitung seiner Familie ist. Damit unterschreibt Tony sein eigenes Todesurteil. Der Tod ereilt ihn in einer albtraumhaften Schlussszene, in der der Tyrann allein vor einem Berg Kokain auf das Massaker wartet – ein Blutbad, das an den Epilog von Shakespeares „Richard III.“ erinnert.

„The world is yours“ ... oder auch nicht
Tonys Devise lautet „Die Welt gehört dir“ – wahrscheinlich in Anlehnung an die letzten Worte des Gangsters Cody (James Cagney) in „Sprung in den Tod“ aus dem Jahr 1949 („Made it, Ma! Top of the world!“). Tony versinkt in einem fatalen Größenwahn. In einem Kitsch-Schloss in Miami heiratet er die kühle, bekiffte Elvira, die „ideale Frau“, und die Tiger des Zoos sind Trauzeugen. Glamour in der Gaunerwelt. Ein nicht enden wollender Drogentrip. Die Ästhetik des Films unterstreicht diesen Eindruck mit Bildern im Cinemascope-Format, bunten Kostümen, schillernden Dekoren und einer nervigen, heute völlig überholt wirkenden Synthesizer-Musik von Giorgio Moroder. Sogar Tonys Auto ist so protzig, dass es fast schon witzig ist. Ebenso überzogen: Al Pacino als herzloser Mafioso ist schwindelerregend wild und brutal. Doch durch sein Wahnsinnscharisma schlägt der verabscheuenswerte Tony den Zuschauer trotzdem in seinen Bann und hat den Filmhelden im Lauf der Zeit zu einer wahren Ikone werden lassen.

Tony Montana, Idol der Jugend
Tony Montana ist ein Held der Hiphop-Kultur, in den USA ebenso wie in Frankreichs Problemvorstädten. Die Jugendlichen kennen den Film auswendig und zitieren daraus. Die Merchandising-Welle zu „Scarface“ reißt seit 1983 nicht ab: Da gibt es T-Shirts, Poster, Tassen und vieles mehr. Die Fans träumen vom „Erfolg“ à la Tony Montana; die fast schon romantische Vorstellung, auf gesetzlose Art zu Reichtum zu kommen, ist stärker als das düster-pessimistische Bild eines Mannes, der letztlich in einem apokalyptischen Blutbad den Tod findet. Doch auf der Leinwand wie im echten Leben kann die Sache schief gehen: wie für die beiden Jungen in Matteo Garrones „Gomorrha“, die sich am Strand mit ihren Maschinengewehren für Tony halten und von der neapolitanischen Camorra am Ende lebendig verbrannt werden. Junge „Scarface“-Fans sollten sich also in Acht nehmen: Wer sich den schillernden Tony Montana zum Vorbild wählt, dem droht ein bitteres, trauriges Ende ganz ohne Cinemascope-Effekt. Und wer Glück hat und mit dem Leben davonkommt, für den springt höchstens ein oberkitschiges Auto dabei heraus ...

Delphine Valloire


Video

Trailer zu "Scarface"


Scarface
Dienstag 28. Juli 2009 um 23.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Usa, 1982, 146mn)
ARD

Erstellt: 24-07-09
Letzte Änderung: 24-07-09