Wie der Zweite Weltkrieg die amerikanische Gesellschaft veränderte.
Ein Interview mit dem Historiker Prof. Detlef Junker, Gründungsdirektor des Heidelberg Center for American Studies.
Wie hatte man in den USA auf Hitler und den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs reagiert?In den USA gab es von 1937/38 bis 1941 eine große innenpolitische Debatte, man kann fast sagen einen homerischen Streit, zwischen zwei Gruppen. Die sogenannten Isolationisten wollten sich von jeder Art Krieg in Europa fernhalten. Sie brachten sogar im Kongress von 1935 bis 1937 Neutralitätsgesetze durch, um einen nochmaligen Kriegseintritt der USA zu verhindern. Auf der anderen Seite standen Roosevelt und die Internationalisten, die das nationale Interesse der USA ganz anders definierten.
Die Isolationisten argumentierten: „Hier in der westlichen Hemisphäre, in der „Fortress America“, sind wir sicher, was auch immer in Europa und Asien passiert - es betrifft nicht unsere vitalen Interessen“. Roosevelt hielt dagegen: „Wir haben globale Interessen - in ökonomischer, strategischer und ideeller Hinsicht. Es ist von vitalem Interesse, was in anderen Teilen der Welt passiert, sonst verlieren wir den Status einer Weltmacht“. Roosevelts Problem war doppelter Art: Seit 1937 versuchte er den Amerikanern diese Weltsicht zu verkaufen, andererseits behauptete er mit Rücksicht auf die Isolationisten immer wieder, nicht in den Krieg eintreten zu wollen, obwohl er indirekt seit 1940/41 involviert war. Der ganze Knoten löste sich dann auf durch den Überfall der Japaner auf Pearl Harbour und Hitlers Kriegserklärung an die USA. Seit dieser Zeit gibt es keine isolationistische Position mehr in den USA.
Die Amerikaner versorgten ihre Verbündeten mit Treibstoff, Lebensmitteln und Waffen. Und sie setzten auf eine Materialschlacht, um das Vergießen amerikanischen Blutes so gering wie möglich zu halten. Das hatte auch wirtschaftliche Folgen....Diese enorme Aufrüstung bedeutete, dass sich die Ökonomie der USA radikal wandelte. Zwischen 1939 und 1945 wurde die Industrieproduktion verdoppelt. Man nahm soviel Kredite auf wie in den 150 Jahren vorher nicht. Es gab eine wissenschaftliche Theorie des Schuldenmachens, den sogenannten Keynesianismus, und darauf stützte man sich. Zwischen 1933 und 1944 produzierten die Amerikaner 40% aller Rüstungsgüter der Welt. Diese Verwandlung in eine Kriegswirtschaft und später die Rückverwandlung in eine Friedenswirtschaft hat natürlich die amerikanische Heimatfront tief geprägt. Es gab während des Krieges Vollbeschäftigung und Preisstabilität. 8,7 Millionen mehr Menschen kamen auf den Arbeitsmarkt, also eine fast revolutionäre Veränderung der amerikanischen Wirtschaft.
Woher holte man diese Arbeitskräfte? Waren das auch vermehrt Frauen? Ja, das erste Mal wurden in der Rüstungsindustrie auf massive Art und Weise Frauen eingesetzt. Das nahm gewaltige Dimensionen an.1944 waren 50% aller Frauen beschäftigt. Das hatte es vorher noch nie gegeben - mit all den Folgen für das amerikanische Sozialsystem, für die Familie, für die Stellung der Frau.
„Rosie the riveter“ - riveter ist eine Frau, die an der Nietmaschine steht - wurde sozusagen zum Symbol dieser Frauenarbeit. Es gibt ein weit verbreitetes Poster von einer kräftigen, aber gut aussehenden Frau, und die Botschaft ist doppelt: Die Frau behält ihre Weiblichkeit und ist trotzdem effizient in der Rüstungsproduktion. Das hat natürlich während des Krieges die Stellung der Frau verändert. Allerdings wurden nach 1945 drei Viertel oder noch mehr dieser Jobs für Frauen wieder abgebaut.
Weil die Männer zurückkehrten... Ja, und weil die Rüstungsproduktion zunächst fast auf Null zurückgefahren wurde. Trotzdem ist viel darüber geforscht worden, wie denn dieser Krieg langfristig doch das Bild der Frauen von sich selbst verändert hat. Dabei handelt es sich um eine höchst ambivalente Sache. Frauen hatten mit Widerständen männlicher Kollegen am Arbeitsplatz zu kämpfen und verdienten für die gleiche Arbeit weniger als die männlichen Kollegen. Viele Frauen wurden auch von schlechtem Gewissen wegen der Vernachlässigung ihrer Kinder geplagt. Auf der anderen Seite genossen viele Frauen ihre neue Freiheit außerhalb des Hauses, ihr Selbstvertrauen wurde gestärkt und ihre Lebensbedingungen verbesserten sich auch materiell. Einige Historiker sind der Ansicht, dass durch diese Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges eine Grundlage für die spätere Frauenbewegung gelegt wurde.
Wie erlebten die Amerikaner den Zweiten Weltkrieg?Man darf den vergleichenden Blick nicht verlieren: Die Amerikaner haben den Zweiten Weltkrieg völlig anders erlebt als etwa Russen, Chinesen, Engländer, Japaner, Deutsche, Franzosen. Sie mussten die Realitäten von Eroberungen und Verwüstungen, Bombenangriffen und Besatzung, stürzenden Regierungen und sich auflösenden Staaten, Terror und Völkermord nicht durchmachen. Der politische Prozess ging weiter. 1944, mitten im Krieg, wurden Präsidentschaftswahlen durchgeführt.
Und die Wirtschaft blühte... Und die Wirtschaft blühte wie nie zuvor. „Then came glory“ - dann kam eine neue Herrlichkeit, so hat man diese Zeit beschrieben: Weil die beiden großen Übel nach der Weltwirtschaftkrise, die Arbeitslosigkeit und nicht ausgelastete Produktionskapazitäten, plötzlich verschwunden waren. Man hatte Vollbeschäftigung, die Wirtschaft boomte, es wurde auf unglaubliche Art und Weise produziert.
Wie hat der Zweite Weltkrieg das Selbstverständnis Amerikas als Weltmacht verändert? Die Amerikaner waren am Ende des Krieges die einzig verbliebene Supermacht der Welt. Sie waren als einzige reicher geworden. Es gab militärisch nur noch einen potentiellen Gegner: Das war die Sowjetunion, die aber natürlich total verwüstet war, auch ökonomisch am Boden lag. Im Grunde gilt seit Pearl Harbour: Die Amerikaner sind eine globale Macht. Sie haben nationale Interessen in allen Erdteilen. Roosevelt hat das einmal in einem Brief an den amerikanischen Botschafter in Japan folgendermaßen geschildert: „Ich bin permanent damit beschäftigt, mich mit fünf Kontinenten und sieben Weltmeeren gleichzeitig zu beschäftigen“. Sich auf die „Fortress America“ zurückzuziehen und sich in der westlichen Hemisphäre einzukapseln - diese Möglichkeit ist seit dem Zweiten Weltkrieg endgültig vorbei.
Warum erst nach dem Zweiten Weltkrieg, warum nicht bereits nach dem Ersten Weltkrieg? Hing das mit dem Kalten Krieg zusammen?Nein. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Amerikaner noch nicht soweit, auch wenn sie Sieger waren. Präsident Wilson hat 1919 die Konferenz von Versailles dominiert. Er hat versucht, den Völkerbund zu gründen und Amerika über den Völkerbund in die internationale Politik zu ziehen. Aber damals war die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung dagegen - Amerika hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht dafür entschieden, endgültig zur Weltmacht zu werden. Das machte den großen Unterschied zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg aus. Amerika hat sich im Grunde in der Zwischenweltkriegszeit strategisch und politisch von der Welt zurückgezogen und war nur noch ökonomisch anwesend. Kein einziger Bündnisvertrag ist in der Zwischenweltkriegszeit durch den amerikanischen Senat gegangen. Der NATO-Vertrag 1949 wäre nach dem Ersten Weltkrieg völlig undenkbar gewesen. Im Grunde bedurfte es für die Amerikaner zweier Anläufe, um zur Superweltmacht zu werden.
Auf amerikanischer Seite haben auch Farbige gekämpft. Waren schwarze Soldaten Soldaten zweiter Klasse?Ja, das kann man wohl sagen. In den US-Streitkräften gab es Rassendiskriminierung. Zugang zu Marine und Luftwaffe hatten schwarze Amerikaner zunächst überhaupt nicht, schließlich konnten sie in der Marine in untergeordneten Positionen dienen. In der Armee waren sie segregiert, beschränkt auf wenige schwarze Einheiten unter dem Kommando von Weißen. Das Blutplasma wurde gesondert für Weiße und Schwarze aufbewahrt. Ein schwarzer GI beklagte sich über einen Vorfall in dem Ort Salina, Kansas: Da sei in einem Laden ein deutscher Kriegsgefangener bedient worden, aber er als schwarzer amerikanischer GI nicht.
Wie reagierten die Afroamerikaner auf diese Diskriminierung in der Armee?Bereits während des Krieges wurde die Rassendiskriminierung in der Armee durch afro-amerikanische Interessensorganisationen wie die NAACP kritisiert. Im Grunde war es der alte Sündenfall Amerikas: zunächst Sklaverei und dann nach dem Bürgerkrieg ein Apartheidsystem im Süden, und dieser Zustand der Sünde ist im Zweiten Weltkrieg nicht beendet worden. Ein Teil der schwarzen Soldaten - besonders diejenigen, die in Europa stationiert gewesen waren - waren bei ihrer Rückkehr schockiert über den weiterbestehenden Rassismus in den USA, und viele dieser ehemaligen Soldaten sind dann in die Bürgerrechtsbewegung gegangen. Es gibt einen Satz auf einem Grabstein für einen Schwarzen, der gefallen war: „Here lies a black man killed fighting the yellow men for the protection of the white men“. Dieses System der Rassentrennung wurde durch den Zweiten Weltkrieg zwar ein wenig angeknackst, aber in keiner Weise aufgeweicht.
Das Interview führte Angelika Schindler, März 2008