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Samstag, 12. August, um 20.40 Uhr - 21/07/08

Der Suezkanal

ein Artikel von Uwe Oster


„Einen Gipfelpunkt der Kühnheiten des 19. Jahrhunderts“ – so feierte die französische Zeitung „Liberté“ am 17. November 1869 die Eröffnung des Sueskanals. Und es war in der Tat ein epochales Ereignis: Nach tausend Jahren gab es erstmals wieder einen schiffbaren Wasserweg vom Mittelmeer ins Rote Meer

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Musste bis dahin ganz Afrika umschifft werden, um von Europa nach Indien zu gelangen, verkürzte sich die Passage nun beispielsweise von Hamburg nach Bombay um 4500 Seemeilen. Das entspricht einer Länge von 8334 Kilometern! Andere Verbindungen verkürzten sich durch die Eröffnung des Kanals sogar um bis zu 7000 Seemeilen. Im Schnitt benötigten die Schiffe dadurch einen Monat weniger für ihre Fahrt von Europa nach Indien.

Wie viele ähnliche Projekte hat auch der Bau des Sueskanals eine lange Vorgeschichte, die bis in die Zeit der Pharaonen zurückreicht. So soll bereits Pharao Sesostris I. (um 1956 – um 1910 v. Chr.) eine Verbindung zwischen Mittelmeer und Rotem Meer geschaffen haben. Gleiches wird für die im 13. Jahrhundert v. Chr. herrschenden Sethos I. und Ramses II. berichtet. Allerdings verlief dieser pharaonische Suezkanal nicht direkt vom Mittelmeer ins Rote Meer, sondern über den Nil. Nachdem der erste Suezkanal im Lauf der Zeit versandet war, unternahm Pharao Necho II. (610 – 595 v. Chr.) einen Anlauf, um den Nil durch das Wadi Tumilat mit dem Roten Meer zu verbinden. Es folgten Kanalprojekte des persischen Großkönigs Dareios I. (nach dessen Eroberung Ägyptens) und Erneuerungen unter den Ptolemäern und unter römischer Herrschaft. In der Spätantike verfiel der Kanal dann. Eine letzte Wiederherstellung geschah unter arabischer Herrschaft im 7. Jahrhundert n. Chr.

Der Erste, der sich danach wieder ernsthaft an dem Projekt versuchte, war Napoléon Bonaparte. Nach seiner Eroberung Ägyptens setzte er 1799 eine Kommission ein, welche die Machbarkeit einer direkten Kanalverbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer untersuchen sollte. Diese Trassenführung bot sich schon aus geographischen Gegebenheiten an, denn zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer lagen drei Seen, die in das Projekt eingebunden werden konnten: der Timsah-See, der Mansala-See sowie der Große und der Kleine Bittersee (der Kleine und Große bilden eine einzige Wasserfläche). Als jedoch die von Napoléon beauftragten Ingenieure zu dem Ergebnis kamen, dass der Spiegel des Roten Meeres fast zehn Meter höher lag als jener des Mittelmeers, schien die Verwirklichung eines Kanalbaus zwischen Port Said und dem Isthmus von Sues am Roten Meer in weite Ferne gerückt.

Doch auch Ingenieure irren: Vermessungen in den 1840er Jahren zeigten, dass es zwischen den beiden Meeresspiegeln fast keinen Unterschied gibt, ein aufwändiger und kostspieliger Bau von riesigen Schleusen demnach gar nicht notwendig war. Nach Napoléon war es wiederum ein Franzose, der das Vorhaben vorantrieb: der frühere französische Konsul in Kairo, Ferdinand Marie de Lesseps. Der von ihm gegründeten „Compagnie Universelle du Canal Maritime de Sues“ erteilte Vizekönig Said Pascha (offiziell gehörte Ägypten nach wie vor zum Osmanischen Reich) 1854 die Konzession zum Bau des Kanals. Nicht ohne Eigennutz: Denn 46 Prozent der nicht voll einbezahlten Aktien blieben in den Händen Said Paschas, den Rest hielten französische Geldgeber. Auch war festgelegt, dass der Kanal nach 99 Jahren an Ägypten fallen sollte.

1859 begannen die Bauarbeiten nach den Plänen des österreichischen Ingenieurs Alois von Negrelli. Es war ein Projekt der Superlative. Allein die Versorgung der rund 30.000 Arbeiter stellte die Kanalbaugesellschaft vor fast unlösbare Probleme. Die schlechten hygienischen Verhältnisse führten zum Ausbruch von Cholera-Epidemien, denen Tausende zum Opfer fielen. Erst nachdem es Ende 1863 gelungen war, die Trinkwasserversorgung durch einen vom Nil her geführten Süßwasserkanal sicher zu stellen, besserte sich die Lage.

Nach zehnjähriger Bauzeit fand am 17. November 1869 die feierliche Eröffnung des Sueskanals statt mit 6.000 geladenen Gästen. Darunter waren der Kronprinz von Preußen und die französische Kaiserin Eugénie. Eigentlich sollte zu diesem Anlass Giuseppe Verdis Oper „Aida“ mit dem weltberühmten „Triumphmarsch“ uraufgeführt werden, doch wurde die Bühnendekoration nicht rechtzeitig fertig, so dass die Gäste stattdessen die Oper „Rigoletto“ desselben Komponisten zu hören bekamen. Die hatte Verdi zwar bereits 1851 komponiert, und mit Ägypten hatte die Handlung rein gar nichts zu tun, aber das fiel bei dem Spektakel in der Wüste auch nicht mehr besonders ins Gewicht. Die „Aida“ wurde schließlich am 24. Dezember 1871 in Kairo uraufgeführt.

Während des gesamten Bauprojekts hatten britische Kreise sich sehr bedeckt gehalten. Den großen französischen Einfluss in der Kanalgesellschaft sah man auf der Insel nicht gern, zudem bezweifelte man den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens: „Soviel ist gewiss“, dass die hiesige Handelswelt dem großartigen Werke nicht viel praktische Bedeutung beimisst und dass bezweifelt wird, ob der Kanal… je im Stande sei, seine Unterhaltungskosten zu bezahlen. Unter keinen Umständen wird er ein Weg für große Seeschiffe sein.“ Als sollte die britische Skepsis recht behalten, blieben die Einnahmen der Kanalgesellschaft in den ersten Jahren nach der Eröffnung weit hinter den Erwartungen zurück. Ägypten stand schließlich kurz vor dem Staatsbankrott und musste seine Aktien 1875 verkaufen. Und wer stand als Käufer bereit: Großbritannien! Und die Briten machten, auch mit massiver militärischer Präsenz, schnell klar, dass sie von nun an die Herren des Kanals waren. Umso mehr nachdem Großbritannien im Dezember 1914 Ägypten zum britischen Protektorat erklärte.

An der britischen Kontrolle änderte sich auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Unabhängigkeit Ägyptens 1936 nichts. Erst Gamal Abdel Nasser, der 1954 Staatspräsident geworden war, rüttelte mit Macht an dieser aus seiner Sicht imperialistischen Einflussnahme in einem souveränen Land: 1956 verstaatlichte er kurzerhand den Sueskanal – und löste damit eine weltweite Krise aus. London, Paris und Tel Aviv schickten Truppen nach Ägypten, das seinerseits Unterstützung von der Sowjetunion angeboten bekam. In dieser Situation setzten die Vereinigten Staaten auf Deeskalation und machten ihren europäischen Verbündeten klar, dass sie keinen Rückhalt aus Washington für ihre Aktion hatten. Der Sueskanal blieb in ägyptischer Hand. Nur im Sechstagekrieg geriet der Sueskanal 1967 noch einmal in die Mühlen der militärischen und politischen Auseinandersetzungen. In der Folge blieb der Kanal bis 1975 geschlossen – seither ist die rund 160 Kilometer lange Wasserstraße wieder für die Schifffahrt freigegeben.

Für die ägyptische Wirtschaft ist der Suezkanal von großer wirtschaftlicher Bedeutung. So passierten im Jahr 2003 über 17.000 Schiffe die Wasserstraße, was dem ägyptischen Staat Einnahmen in Höhe von rund 20 Milliarden Dollar beschert hat… Rund zehn Prozent der weltweiten Schiffsfracht werden durch den Sueskanal transportiert. Kuriosum am Rande: Der Sueskanal ist fast ausschließlich eine Einbahnstraße und kann von den Schiffen nur im Konvoi befahren werden. Die Passage dauert zwischen 10 und 16 Stunden.

Uwe A. Oster


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13.08.2006 um 14:00
Dokumentationsreihe, Deutschland 2006,
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Erstellt: 10-08-06
Letzte Änderung: 21-07-08