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02/03/06

Ein Porträt von Billy Wilder

Wenn es um die ganz Großen des Kinos geht, wird seit Jahrzehnten immer auch der Name Billy Wilder genannt. Vergöttert wird er nicht nur von seinesgleichen – egal, ob alt oder jung. Auch die Kritiker waren immer überwältigt von seinen Filmen, und das Publikum hat seine Werke zu Kinoklassikern gemacht. Billy Wilder war nicht nur ein brillanter Regisseur, immer lebte seine Arbeit auch von seinem sprühenden Geist, seiner anrührenden Zärtlichkeit für die Menschen und seiner brennenden Leidenschaft für Wörter und Dialoge. Genau wie es vor ihm den gewissen „Lubitsch-Touch“ gab, machte diese undefinierbare Mischung den „Wilder-Touch“ aus. Eine der spitzesten Bemerkungen Wilders, der seine glänzende Karriere als Drehbuchautor begonnen hatte, galt ausgerechnet einigen des Lesens und Schreibens relativ unkundigen Regisseuren und Schauspielern aus seinem Bekanntenkreis: „Ein Regisseur muss nicht unbedingt im Stande sein zu schreiben, aber lesen zu können ist durchaus hilfreich.“ Billy Wilder hatte sich seine ersten Sporen mit dem Schreiben verdient. Er verfasste die Drehbücher zu „Blaubarts achte Frau“ und „Ninotschka“ für den großen Ernst Lubitsch, den er grenzenlos verehrte. Nicht von ungefähr stand denn auch in seinem Büro in Hollywood in großen Lettern: „Wie hätte Lubitsch es gemacht?“

Die Liebe zum Wort

Seine urkomischen Dialoge und legendären Bonmots haben sich ins Gedächtnis aller Filmfreunde und Kinogänger eingegraben und vielleicht allzu sehr das Bild des ewigen Witzboldes geprägt. Cameron Crowe, in den 70er-Jahren Kritiker der Zeitschrift Rolling Stone Magazine und später uneingeschränkter Wilder-Bewunderer und Regisseur, unternahm 1998 das schwierige Unterfangen, Billy Wilder für eine Reihe von Interviews zu gewinnen*. Erst nach enormem Widerstand öffnete sich der eigenbrötlerische Wilder nach und nach dem Fragesteller. Cameron Crowe sagte ihm, er wolle das Buch schreiben, das er über ihn lesen möchte. Doch es kam viel mehr dabei heraus: Detail für Detail zeichnete er ein komplexes und faszinierendes Porträt eines sensiblen, witzigen aber auch gnadenlos klarsichtigen Mannes. Beinahe aus Versehen, von einem Satz zum anderen, offenbart sich Wilder und breitet das Puzzle seines Lebens aus. Er berichtet von seiner Geburt in Polen im Jahr 1906, von seiner Kindheit in Wien, davon, wie er mit zwanzig als Journalist ins exzentrische, brodelnde Berlin ging und 1935, auf der Flucht vor dem Nazi-Regime, in die USA übersiedelte, während seine Mutter und weitere Verwandte in Auschwitz umgebracht wurden. 1942 drehte er „Der Major und das Mädchen“. Nach diesem Film arbeitete er sich durch alle Genres und behandelte seine Themen jedes Mal mit der ihm eigenen Sensibilität: Der Komödie verlieh er etwas Dramatisches, dem Drama etwas Komödiantisches.

Rabenschwarzer Film Noir

Beim Filmfestival von Cannes im Mai 2002 ehrte Martin Scorsese den Meister mit einer kommentierten Vorführung ausgewählter Filmausschnitte. Zunächst ging es um „Sunset Boulevard“ (1950), mit dem Scorsese sein erstes Kinoerlebnis als Achtjähriger verband. Er berichtete von der Faszination, die dieser beinahe gotische, fantastische Film Noir auf ihn ausübte und ihn zum ersten Mal mit Hollywood in Berührung brachte. Als Kind glaubte er, es mit einem Horrorfilm voller alternder Gespenster zu tun zu haben. Später, als Regisseur musste Scorsese feststellen, dass ein Film über Hollywood zwangsläufig ein Horrorfilm sein müsse. Im ein Jahr später entstandenen Film „Reporter des Satans“ beschrieb Billy Wilder denn auch die unkonventionellen und moralisch äußerst bedenklichen Methoden eines Journalisten (Kirk Douglas). Hierfür hielt man ihm Zynismus vor, Wilder erwiderte jedoch, er sei mit dem Gezeigten noch weit von der Realität entfernt. Mit „Frau ohne Gewissen“ stellte der Regisseur die Regeln des Film Noir auf und machte Barbara Stanwyck zu einer der unvergessensten Femmes fatales der Filmgeschichte. „Das verlorene Wochenende“ von 1945 war wohl der erste Hollywood-Film, der sich mit dem Thema Alkoholismus auseinander setzte. Cameron Crowe zeigt in seinem Interview-Band, dass Billy Wilder selbst sein schärfster Kritiker war und als erster die eigenen Niederlagen erkannte. Der Regisseur berichtet hier selbst von seinem Versuch, im Jahr 1958 mit „Zeugin der Anklage“ einen Film à la Hitchcock zu drehen, in dem er die zwei Leinwandgrößen Marlene Dietrich und Charles Laughton aufbot. Wilders Inszenierungen waren stets stilisiert, doch immer im richtigen Maß – die eigentliche Geschichte stand jedes Mal im Vordergrund. Über die zwischen den 70er- und 90er-Jahren entstandenen Filme, die er nicht sonderlich mochte (wobei er mit seiner merkwürdigen Begeisterung für den Film „Forrest Gump“ eine Ausnahme machte), sagte er einmal: „Die meisten aktuellen Filme sind voller Spezialeffekte. Das ist nichts für mich. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, weil ich mein Zippo-Feuerzeug nicht nachfüllen konnte.“

Lachen trotz Traurigkeit

Im Buch von C. Crowe ist zu lesen, was Billy Wilder über IAL Diamond, einen seiner bevorzugten Drehbuchautoren sagte: „Der wahre Humorist ist immer traurig.“ Vielleicht ist das die Wildersche Zauberformel: Zu einer durch und durch komischen Sequenz gebe man ein Gramm Traurigkeit. Das gilt natürlich nicht für seinen großen Leitsatz: „Ich habe zehn Gebote. Die ersten neun lauten: ‚Du sollst nicht langweilen.’ Das zehnte heißt: ‚Du sollst das letzte Wort beim Final Cut haben.’“ Auch wenn Billy Wilder die schwärzesten Dramen seiner Zeit gedreht hat, so steht er doch in dem Ruf, der Großmeister der amerikanischen Komödie zu sein und jenes goldene Hollywood-Zeitalter zum Abschluss gebracht zu haben, das mit Leo Mac Carey, Howard Hawks und Frank Capra begann und gewissermaßen mit „Manche mögen’s heiß“ und dem mehrfach Oscar-gekrönten „Das Appartement“ von 1960 zu Ende ging. Er drehte die zwei schrecklich romantischen Komödien „Sabrina“ und „Ariane – Liebe am Nachmittag“ mit der jungen Audrey Hepburn und hatte vergeblich versucht, Cary Grant für beide Filme zu gewinnen. Mit „Eins, zwei, drei“ aus dem Jahr 1962 ermöglichte er es dem sonst auf Gangsterrollen festgelegten James Cagney, einen Marketingchef von Coca Cola zu spielen, der hinter dem Eisernen Vorhang tätig wird. Immer wieder finden sich dieselben Schauspieler in Wilders Produktionen. Jack Lemmon spielte in sieben seiner Filme, darunter in „Manche mögen’s heiß“, „Das Mädchen Irma la Douce“ und „Das Appartement“ an der Seite der wunderbaren Shirley MacLaine. Letzterer war sicherlich Wilders Lieblingsfilm. Die Idee dazu basiert übrigens auf einer Episode aus David Leans Film „Begegnung“, in der ein Paar seine Wohnung einem Freund zur Verfügung stellt. Einige Schauspieler faszinierten den Regisseur ganz besonders, wie etwa die lebenden Legenden Charles Laughton und vor allem Marilyn Monroe, die in „Das verflixte 7. Jahr“ und „Manche mögen’s heiß“ brillierte. Marilyn Monroe war für ihn der absolute Star, eine überaus talentierte Schauspielerin, die das gewisse, undefinierbare Etwas besaß, das sie völlig unberechenbar machte und katastrophale Zustände bei den Dreharbeiten auslösen konnte.
Billy Wilder starb 2002. Wie heißt es in der Schlusssequenz von „Manche mögen’s heiß”? „Nobody is perfect.“

Delphine Valloire

* Cameron Crowe: „Conversations avec Billy Wilder“ (Editions Actes Sud / Institut Lumière), deutsche Fassung: „Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?“, Diana Verlag

Erstellt: 01-03-06
Letzte Änderung: 02-03-06