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Suspiria, dienstag 31 Oktober 2006 um 23:00 - 11/08/08

Interview mit Dario Argento

Der Meister des Grauens taucht auf, ein höfliches Lächeln auf den Lippen, eine unauffällige Erscheinung, und doch verbreitet er eine unwiderstehliche Aura. Klar, eine solche Persönlichkeit, die die Erinnerung an größte Ängste heraufbeschwört, kann nur große Neugier wecken. Ob er lieber Italienisch oder Englisch sprechen möchte? "Unterhalten wir uns auf Französisch, das ist einfacher. Ich habe in Frankreich studiert." Er spricht ständig mit seinen feingliedrigen, lebhaften Händen. Wenn man weiß, wie er sie in einigen seiner Filme einsetzt, kann man gar nicht anders, als gebannt den Bewegungen seiner Hände folgen ... In seinen Kriminalfilmen handelt es sich bei den behandschuhten Händen des Mörders in Großaufnahme tatsächlich immer um die Hände Dario Argentos. Ein makabrer Ritus, zu dem Dario Argento sich noch nie äußern wollte. Dieses Interview enthält keine weiteren Offenbarungen über seine tiefsitzenden Ängste, doch immerhin warnt er uns humorvoll vor:

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Wenn ich auf bestimmte Fragen nicht antworten kann, sage ich es vorher. Ich kann nämlich lügen. Als ich vor langer Zeit als Journalist arbeitete, sprach ich mit Regisseuren, stellte ihnen Fragen und sie hatten auf alles eine Antwort. "Die sind mir unheimlich!", dachte ich mir damals. Manche von ihnen vertraten an einem Tag eine bestimmte Meinung, am nächsten Tag behaupteten sie etwas ganz anderes. Ich sage lieber gar nichts, wenn ich keine Antwort habe!



Mögen Sie Filme, die Angst machen, und wenn ja, warum?

Natürlich, aber mir gefallen auch andere Filme. Es gibt zwei Personen: den Regisseur Dario Argento und eine andere Person, die ich bin, wie ich jetzt hier bin. Ich kenne Dario Argento nicht sehr gut! Das ist wahr! Manchmal sage ich mir, ich würde gerne zwei Jahre lang Pause machen und mit ihm sprechen, denn er arbeitet, er denkt nach! Ich beobachte ihn, wie er mit Begeisterung arbeitet ... Es ist etwas schizophren. Ich wüßte gerne, warum in meinen Filmen immer das Wasser eine Rolle spielt, und Frauen, ob sie nun Hauptdarsteller oder Opfer sind. Die Helden meiner Filme sind immer Frauen. Warum all die Gänge und Türen? Ich mache das ganz instinktiv. Meine Tochter stellt mir diese Fragen auch manchmal. Aber ich habe keine Antwort darauf!

Haben Sie im Alltag Angst?

Ja, natürlich, wie alle anderen Menschen auch. Ich habe Angst vor Autos, vor vielen Dingen des täglichen Lebens, aber es gibt auch tiefersitzende Ängste, nachts, wenn ich alleine zu Hause bin oder wenn ich verreise. Ich empfinde eine dunkle Angst vor Dingen, die man nicht erklären kann. Es hängt immer von meiner seelischen Verfassung ab. Vor langer Zeit habe ich ein Buch über den Teufel von Anatole France gelesen. Es war nicht gerade ein furchterregendes Buch, der Teufel war nett [Es handelt sich wahrscheinlich um das Buch Puits de Sainte Claire]. Ich las es, vielleicht war ich in einer etwas komischen Stimmung. Jedenfalls war ich ganz allein zu Hause und spürte die Gegenwart des Teufels. Ich glaube eigentlich nicht an den Teufel. Ich glaube an das Gute und an das Böse, aber nicht an den Teufel mit seinem gespaltenen Schwanz und all diese Geschichten. Als ich das Buch las, stellte ich mir vor, daß der Teufel vielleicht doch existiert. Keine Ahnung weshalb. Ich habe unglaubliche Bücher gelesen, doch hier handelte es sich um ein sehr nettes Buch. Wahrscheinlich lag es an meiner seltsamen Stimmung, oder das Buch enthielt wirklich eine unbekannte, mysteriöse Botschaft.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ja. Es war furchtbar, als mein Vater starb. Er war ja auch mein Produzent [besonders bei seinem ersten Spielfilm Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe], und ich stand ihm sehr nahe.

Alle Ihre Filme handeln von einer Schranke, von einer Grenze. In Das Phantom der Oper gibt es die unterirdischen Welt und darüber die normale Welt ...

Genau, und wer die Grenze zwischen beiden überschreitet, der entdeckt entweder etwas Wunderbares oder etwas Schreckliches. Das ist das Tor der Rätsel. Das Leben ist wie eine dunkles Zimmer. In der Mitte dieses Zimmers ist ein kleiner, sehr dünner Faden gespannt, der das Gute vom Bösen trennt. Manchmal überschreiten die Personen in meinen Filmen diese Grenze, manchmal auch nicht.

Manchmal überschreiten Sie diese Grenze ganz ruhig, wozu wir nicht in der Lage wären!

Manchmal gibt es kein Licht und du kannst den Faden nicht sehen. Du entdeckst gewisse Dinge aus Zufall oder weil du nicht aufmerksam warst.

Am Ende von Das Phantom der Oper verläßt Christine schweren Herzens das Phantom, die Dunkelheit, und wendet sich dem Licht zu. Christine liebt auch das Licht, weil sie den Baron liebt. Steht diese Szene nicht sinnbildlich für Ihren Werdegang als Regisseur, der eine gewisse düstere Sichtweise der Dinge, vielleicht ein gewisses Filmgenre hinter sich läßt?

Nein überhaupt nicht. Das liegt an diesem Film. Ich hänge sehr an meiner dunklen Seite. Ich kann mich nicht so einfach von ihr abwenden, sie ist Teil meines Lebens. Jeder Mensch hat eine dunkle Seite, jeder Mensch ist ein bißchen böse und grausam. Sigmund Freud hat das herausgefunden. Wenn du deine dunkle Seite kennst, kannst du dich mit ihr auseinandersetzen. Sie ist dann in deinem Leben immer präsent. Du kannst dich mit ihr auseinandersetzen, ohne daß sie die Oberhand gewinnt. Ist das nicht der Fall, wirst du wahnsinnig, ein Serienmörder ...

Einige Ihrer Filmprojekte erwecken den Eindruck, als kämen sie direkt aus Ihrem Unbewußten oder dem Traum. Das erinnert an Ingmar Bergman, der sagt, er habe seine Drehbücher teilweise aus Traumelementen konstruiert, insbesondere Schreie und Flüstern. Außerdem sagten Sie, daß Ingmar Bergman Ihr Lieblingsregisseur sei. Besteht irgendeine Beziehung zwischen ihnen?

Ja, richtig. Das gilt aber nicht nur für Bergman, viele Regisseure sprechen von ihren Träumen. Ingmar Bergman jedoch gibt seinen Filmen den Rhythmus eines Traums, so daß diese tatsächlich fast wie Träume wirken. Auch in meinen Filmen gibt es viele Dinge, die nicht erklärt werden. Für mich haben diese Dinge aber eine Bedeutung. Meine Träume sind perfekt konstruiert. Aber ich bin der Meinung, daß Filme geheimnisvoll bleiben sollten, wie in Horror Infernal, wo es gilt, Rätsel zu lösen. Der ganze Film ist ein Rätsel. Ein junges Mädchen entdeckt in einem Buch das Rätsel des Lebens. Der Film hat mich sehr berührt. Als er in die Kinos kam, haben viele Leute ihn nicht verstanden und behauptet, der Film habe keinen Sinn. Doch er hat sehr wohl einen Sinn! Es ist ein schwieriger Film. Ihn zu verstehen, ist genauso schwierig, wie auf einen Berg zu klettern. Er hat etwas Esoterisches.

Bleiben wir noch ein bißchen beim Traum. In einigen Ihrer Filme kommt eine Art Urszene vor, meist zu Beginn des Films, an der der/die Hauptdarsteller/in beteiligt ist, ohne sie richtig zu verstehen. Im weiteren Verlauf des Films versucht er/sie, diese Szene, die das Rätsel des Films birgt, zu entschlüsseln ...

Richtig, aber es kommt nicht darauf an, das Rätsel zu lösen. Das Interessante ist die Suche während des Films. In allen meinen Filmen gibt es eine Person, die sucht, die sich einer fieberhaften Suche hingibt, manchmal vollkommen sinnlos, ohne erkennbaren Grund.

Der vorgezeichnete Weg des Hauptdarstellers ist also die Suche nach einer Antwort, das Aufdecken der Urszene. Man könnte hier Parallelen mit derPsychoanalyse und der Deutung verborgener Trauminhalte durch einen Psychoanalytiker ziehen. Ist das beabsichtigt?

Nein, das hat sich unbewußt so ergeben. Ich schreibe wie ein Verrückter. Die Ideen kommen mir ganz automatisch in den Sinn. Aber es stimmt, daß ich Sigmund Freud und Carl Gustav Jung bewundere. Ich habe das Haus von Sigmund Freud, die Räumlichkeiten, in denen er lebte, mehrmals besichtigt. Ich glaube, daß die Räume, in denen man sein Leben verbringt, eine große Bedeutung haben. Das ist der Grund für meine Pilgerfahrten. Wegen einer anderen großen Liebe, Edgar Allan Poe, bin ich durch ganz Amerika gereist. Ich wollte herauszufinden, wo er geboren ist, wo er geheiratet und studiert hat. Anschließend habe ich darüber eine kleine Dokumentation gedreht.

Haben Sie Marie Bonapartes psychoanalytische Betrachtungen über Edgar Allan Poes Werk gelesen?

Ja. Ich habe sie auch George Romero zum Lesen gegeben, als er The Facts in the Case of Mr. Valdemar drehte [sein Sketch im Film Two evil eyes, bei dem Dario Argento den zweiten Teil The black cat gedreht hat].

Sie kennen die Theorien über das Unbewußte also gut, setzen sie jedoch nicht ein ...

Man sagt, daß Mordszenen erotisch sind. Man sagt auch, daß Männer weniger als Frauen in der Lage sind, dies zu verstehen. Man sagt viele Dinge ...


Haben Sie jemals eine Psychoanalyse gemacht?

Nein.

Sind Ihre Filme für Sie ein Mittel, Dinge zu verarbeiten?

Nein, ich glaube nicht. Das ist alles nicht so einfach. Man ißt und dann geht man ins Büro. Meine Filme sind nicht unbedingt das Ergebnis dessen, was ich bin.

Sie sind mittlerweile an einem Punkt angekommen, der Ihnen eine gewisses Gefühl der Ruhe und Stabilität vermitteln sollte?

(Erstaunt) Welche Ruhe oder Stabilität meinen Sie?

Ich meine in beruflicher Hinsicht ...

Nein. Ich bin sehr instabil. Ich befinde mich wie immer am Rande des Abgrunds, ich fürchte mich vor vielen Dingen. Deshalb sehe ich mir meine Filme nie in der Öffentlichkeit an. Ich habe unglaubliche Angst davor, einen Film zu drehen. Jedes Mal habe ich Angst.

Haben Sie immer noch das Gefühl, auf der Suche nach etwas zu sein?

Ja. Es ist, als gäbe es etwas oder jemanden, der mich quält, der mir weh tut. Jedes Mal, wenn ich durch diese Tür gehe und diese Grenze überschreite, trete ich in eine etwas verwirrende Atmosphäre ein, die mich und mein Leben mindestens ein Jahr lang durcheinanderbringt. Ich kann nicht mehr schlafen, denken, Liebe machen. Ich bin zu nichts mehr in der Lage, weil mich diese schreckliche, unwirkliche, für mich jedoch reale Phantasiewelt voll und ganz einnimmt. Ich muß sie mit technischen Mitteln so gut wie möglich darstellen. Ich bin wie besessen von der Technik, von der Kamera. Und davor habe ich Angst. Ich habe keine innere Ruhe.

Gefällt es Ihnen, mit dieser Instabilität zu leben?

Nein, ich wäre lieber auf den Seychellen, in der Sonne, am Strand, einfach nur nichts tun und an nichts denken. Aber das ist nur ein Traum. Es wäre unmöglich, da ich mich nach kurzer Zeit nach meinem Leben in New York, Paris oder Rom zurücksehnen würde. Ich würde wieder anfangen, mir Geschichten auszudenken, zu schreiben ...

Sie sagten, Sie hätten Tausende von Filmen gesehen, bevor Sie sich selbst als Regisseur versucht haben. Haben Sie einen Kultfilm?

Nein. Ich war begeistert von Wissenschaftsfilmen, vor allem von Filmen des deutschen Expressionismus und des russischen Futurismus. Mich beeindruckte auch sehr das amerikanische Kino der 40er und 50er Jahre, Kriminalfilme, Filme von Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und, of course, von Meister Alfred Hitchcock.

Rodolphe Gianni et Christian Cools 1998
(In der Bar des Grand Hôtel in Gérardmer, Samstag, 30. Januar 1998, 10.30 Uhr.)

Erstellt: 25-10-06
Letzte Änderung: 11-08-08