Sendung vom 29. März 2009 - 29/03/09
das Archiv: Kennedy, Reagan und Obama in Berlin
Wie Sie wissen ist Barack Obama im November 2008 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Einige Monate zuvor war er auf Europatournée und machte auch in Berlin Halt. Elsa Clairon kommt auf diesen Berlinbesuch zurück.
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Berlin, Juli 2008.
Barack Obama ist amerikanischer Präsidentschaftskandidat. Seine Gegner, allen voran Hillary Clinton, werfen dem Kandidaten Unerfahrenheit in außenpolitischen Angelegenheiten vor. Obama beschließt also, auf Europatournee zu gehen. Er verbringt 29 Stunden in Berlin, 2 Stunden in Paris und 21 Stunden in London. In Frankreich konnte man aus den Kommentaren ein gewisses Unverständnis, ja Verärgerung darüber heraushören, dass Deutschland bevorzugt wurde und dass Berlin für die einzige große Rede des Kandidaten in Europa auserkoren wurde. Doch Obama trat eigentlich nur ein historisches Erbe an. Und dieses ist eng mit dem einzigartigen Schicksal der Stadt Berlin verbunden.
Berlin, 26. Juni 1963
Wir sind mitten im kalten Krieg. Die Berliner Mauer steht seit zwei Jahren. Sie symbolisiert die Spaltung der Welt in den Kapitalismus und den Kommunismus. Ein paar Monate zuvor, im Herbst 1962, hatte die berühmte Kubakrise, bei der die Sowjetunion ihre Raketen von Kuba aus auf die USA gerichtet hatte, fast einen Atomkrieg ausgelöst. Und in diesem extrem angespannten Klima tritt der Präsident der Vereinigten Staaten, John Fitzgerald Kennedy, eine Deutschlandtournee an: Köln, Bonn, Hanau, Frankfurt und als Höhepunkt Berlin. Sie sehen ihn hier, wie er die Berliner begrüßt, in Begleitung von Kanzler Konrad Adenauer und dem Berliner Bürgermeister Willy Brandt. Man muss sich vorstellen, was der Besuch des amerikanischen Präsidenten für die Berliner bedeutet. Da war zum einen die Unterstützung der USA beim Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nach dem Krieg durch den Marshallplan, und natürlich die Luftbrücke, die den Berlinern von Juni 1948 bis Mai 1949, während der Blockade durch die Sowjets, das Überleben sicherte.
Kennedy soll seine Rede vom Balkon des Schöneberger Rathauses halten. Tausende von Berlinern warten auf ihn. Ihre Begeisterung ist grenzenlos. Sie erreicht ihren Höhepunkt, als Kennedy wenige Minuten später diese Worte sagt, die in die Geschichte eingehen werden: "Two thousand years ago the proudest boast was civis Romanus sum. Today, in the world of freedom, the proudest boast is "Ich bin ein Berliner". Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz "Ich bin ein Bürger Roms". Heute, in der Welt der Freiheit, ist der stolzeste Satz: "Ich bin ein Berliner". Ich bin ein Berliner: Die Tatsache, dass Kennedy diese Worte auf Deutsch sagt, hat beträchtlich zu ihrer Wirkung beigetragen. Die Berliner, ja die ganze Welt versteht in diesem Moment, was Kennedy damit sagen will: die Vereinigten Staaten werden Berlin nie im Stich lassen. Im Falle eines Angriffes durch die Sowjetunion werden die USA Berlin verteidigen. Kennedys Dolmetscher, Robert Lochner erzählt später, dass der Präsident ihn, als er im Rathaus ankam, fragte, wie man auf deutsch sage: "I am a Berliner". Der Dolmetscher schrieb ihm daraufhin den berühmten Satz phonetisch mit einem rotem Kugelschreiber auf eine Karteikarte: "Ish" – "bin" – "ein" – "Bearleener". Vor seiner Rede übt Kennedy die Aussprache in Willy Brandts Büro. Dieser Satz steht auch handschriftlich auf der ersten Seite seiner Rede, sehen Sie? Nachdem Kennedy also einen ganzen Tag in Berlin verbracht und mit eigenen Augen die Mauer gesehen hat, sei ihm erst ganz kurz vor seiner Rede die Idee zu diesem berühmten Satz gekommen.
Berlin, 12. Juni 1987
1987 ist die Situation völlig anders. Michail Gorbatschow ist 1985 in der Sowjetunion an die Macht gekommen und durch seine Reformpolitik, die Perestroika, herrscht ein freiheitlicherer Geist in der sowjetischen Welt. Ronald Reagan und Michail Gorbatschow haben sich schon getroffen und über atomare Abrüstung verhandelt. In diesem Kontext begibt sich Ronald Reagan im Juni 1987 auf Europatournee. Der Präsident soll in Bonn und nicht in Berlin Halt machen, doch auf Wunsch der Bundesregierung wird Berlin nachträglich ins Programm aufgenommen. Zwei Monate zuvor, im April, soll Peter Robinson, ein enger Mitarbeiter des Präsidenten, die Rede schreiben. Er geht nach Berlin, überfliegt die Mauer, den Ost- und den Westteil der Stadt und trifft Berliner, erfährt von ihrem Hass auf die Mauer, von auseinandergerissenen Familien. Peter Robinson beschließt, in die Rede für Reagan einen Appel an Gorbatschow einzubauen, die Mauer abzureißen.
Die Idee gefällt Ronald Reagan, wird aber vom Security Council heftig bekämpft. Man hält den Text für naiv, für unbeholfen und befürchtet einen diplomatischen Zwischenfall. Er wird ständig in Frage gestellt. Die Rede soll hier gehalten werden, vor dem Brandenburger Tor, das im sowjetischen Sektor steht, vor dem Symbol der Teilung von Berlin, dem Symbol der Teilung der Welt in Ost und West. Reagan kehrt also an den Ort von Kennedys Triumph zurück, doch die Zeiten haben sich geändert: Massive Demonstrationen von Linksextremen, Umweltschützern und Pazifisten erwarten diesmal den Präsidenten der USA. Noch am Morgen des 12. Juni, in der Limousine, die ihn zum Brandenburger Tor fährt, wo er die Rede halten soll, sagt Reagan: "The boys at State are going to kill me, but it is the right thing to do" – "Die Jungs vom State Department werden mich umbringen, aber es muss getan werden". Citation: "General Secretary Gorbachev, if you seek peace, if you seek prosperity for the Soviet Union and Eastern Europe, if you seek liberalization, come here to this gate. Mr. Gorbachev, open this gate ! Mr. Gorbachev, tear down this wall !" Man erzählt, dass auf der Ostseite 300 Personen der Polizei getrotzt haben sollen, um Reagans Rede zu hören. Die Ostberliner Polizei habe deshalb Lautsprecher aufgestellt, die Militärmärsche spielten, um Reagans Stimme zu übertönen. Die Mauer fällt nicht an diesem Tag. 6 Monate später unterzeichnen Gorbatschow und Reagan allerdings in Washington die "Nulllösung", ein Abkommen über die Abrüstung von Mittelstreckenwaffen.
Berlin, 24. Juli 2008
Und nun sind wir also am 24. Juli 2008 wieder in Berlin. Dieses Mal empfangen die Berliner keinen Präsidenten, sondern einen Präsidentschaftskandidaten. Und was für einen Kandidaten. Einen, den die Europäer allen Umfragen zufolge mit überwältigender Mehrheit wählen würden. Und der heute, in einer Stadt, die wie keine andere den kalten Krieg symbolisierte, eine andere Versöhnung verspricht: die des Westens mit dem Rest der Welt. Obama möchte die Rede vor dem Brandenburger Tor halten, das inzwischen zum Symbol der deutschen Wiedervereinigung geworden ist. Ein Dilemma für die Kanzlerin! Ist dieser Ort nicht Staatschefs vorbehalten? Wie würde Präsident Bush reagieren? Oder Mac Cain! Doch der Vize-Kanzler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie der Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, beide Sozialdemokraten, sprechen sich dafür aus. Mit diplomatischem Gespür verzichtet Obamas Team dann von selbst auf den allzu symbolträchtigen Ort. Obama hält seine Rede schlußendlich 2 km vom Brandenburger Tor entfernt, am Fuße der Siegessäule, einem Denkmal, das im Jahre 1873 erbaut wurde und an die Siege Preußens gegen Dänemark, Österreich und Frankreich erinnert. Die Siegessäule… Nomen est Omen, wie wir inzwischen alle wissen.
An diesem Tag sagt Obama keinen historischen Satz, die Zeit ist nicht reif, er ist nur gekommen, um sich in ruhiger Entschlossenheit in eine Tradition einzureihen: die der amerikanischen Präsidenten.
Text: Elsa Clairon
Bild: Claire Doutriaux
das Archiv: Kennedy, Reagan und Obama in Berlin finden Sie auf der
DVD 7
Erstellt: 25-03-09
Letzte Änderung: 16-05-12