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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 2. Dezember 2007 - 02/12/07

das Archiv: Willy Brandt in Warschau

Willy Brandt in Warschau


Es war ein 7. Dezember, 1970 in Warschau. Jeanette Konrad wird uns nun die historische Geste von Willy Brandt noch einmal vergegenwärtigen, eine Geste, die Geschichte schrieb.

Schauen Sie sich dieses Bild an. Das war am 7. Dezember 1970 in Warschau. Man sieht Willy Brandt, den deutschen Bundeskanzler, der vor dem Mahnmal für die Toten des Ghetto-Aufstands in Warschau 1943 niederkniet. Mit dieser Geste bat Willy Brandt im Namen des gesamten deutschen Volkes um Verzeihung für die Greueltaten der Nazis in Polen.



Es ist das erste Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs, dass ein deutscher Bundeskanzler nach Polen reist. Willy Brandts Besuch ist also ein Ereignis. Umso mehr, weil viel auf dem Spiel steht. Im August 1939 teilen sich Hitler und Stalin heimlich Polen auf und nur sieben Tage später marschiert Hitler tatsächlich in Westpolen ein. Die Folgen sind bekannt, die deutsche Besatzung wird fürchterlich sein: Konzentrationslager, Barbarei, Vernichtung. 1945 wird Nazideutschland zur Kapitulation gezwungen. Die Ostgrenze Deutschlands verschiebt sich bis zur sogenannten Oder-Neiße-Grenze, die Linie aus dem Verlauf der Oder und deren Nebenfluss Neiße. Zahlreiche Deutsche leben auf diesen Gebieten, sie werden enteignet und vertrieben. Viele sterben vor Hunger und Erschöpfung auf der langen Flucht in Richtung Westen. Die Vertriebenen werden nicht müde, die Rückgabe ihrer Grundbesitze und Ländereien zu fordern, die jetzt polnisch sind.

Aus diesem Grund hat sich die Bundesrepublik Deutschland seit Kriegsende immer geweigert, offiziell ihre neue Ostgrenze anzuerkennen, das heißt die neue Westgrenze Polens: Genau hierfür ist Willy Brandt an diesem 7. Dezember 1970 nach Polen gereist: um diese Grenze durch Unterzeichnen des Warschauer Vertrags anzuerkennen, eine Geste, auf die das polnische Volk seit langem wartet, welche allerdings in Deutschland sehr umstritten ist.



Nach der Vertragsunterzeichnung begibt sich der Kanzler zum Ghetto-Mahnmal, um dort einen Kranz niederzulegen. Langsam schreitet Willy Brandt auf das Mahnmal zu; seine Miene ist ernst. Feierlich zieht er die Enden der Kranzschleife nieder. Er verneigt sich und tritt einen Schritt zurück, verharrt einen Augenblick in der Pose des andächtigen Staatsmanns, die das Protokoll vorsieht. Und dann fällt er, ungestützt, auf die Knie. Sein Gesicht ist erstarrt. Willy Brandt, der das Naziregime nicht unterstützt, sondern es sogar aktiv bekämpft hatte, dieser Mann kniet vor dem Ghetto-Mahnmal in Warschau nieder. Er trägt keine Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, und bittet trotzdem um Vergebung. Aber natürlich kniet Willy Brandt nicht nur um in seinem Namen, nein, im Namen von ganz Deutschland bittet er um Vergebung. 

Wohl eine halbe Minute verharrt er in dieser fast religiösen Demutshaltung. Dann steht er auf und wendet sich schnell ab. Viel ist darüber spekuliert worden, ob dieser Kniefall geplant oder spontan war. Später wird Willy Brandt dazu sagen, er habe am Morgen, als er zum Mahnmal fuhr, "gewusst", dass es diesmal "nicht so einfach geht wie bei anderen Kranzniederlegungen, nur so den Kopf neigen." Er wird auch sagen: "Ich tat, was Menschen tun, wenn die Worte versagen."


Dieses Bild, das um die Welt gegangen ist, wurde zum Symbol der Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen. Ein Jahr später erhielt Willy Brandt den Friedensnobelpreis.




Erstellt: 28-11-07
Letzte Änderung: 18-03-11


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