
Ostern. Ostern 1968. Ein entscheidender Moment für die deutsche Studentenbewegung. Was damals geschah, ging als die so genannten "Osterunruhen" in die deutsche Nachkriegsgeschichte ein. Die Franzosen glauben, die Studentenunruhen im Mai 68 hätten in erster Linie in Frankreich stattgefunden, oder sie hätten zumindest dort begonnen.
Wissen die Franzosen aber, dass die Studentenunruhen in Deutschland lange vor Mai 68 begannen, mit den massiven Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und manchmal sogar schweren Ausschreitungen, wie bei der großen Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin im Juni 1967, bei der der Student Benno Ohnesorg ums Leben kam?
Die deutsche Studentenbewegung radikalisiert sich schnell: der Feind ist der Staat, der Polizeistaat und sein in den Augen der Studenten mächtigster Vertreter, der Axel Springer Verlag, dessen Boulevardblatt, die Bildzeitung, in haßerfüllten Schlagzeilen versucht, den deutschen Mittelstand gegen die Studentenbewegung und vor allem gegen ihren charismatischen Anführer, Rudi Dutschke, aufzuhetzen.
Rudi Dutschke wurde in der DDR geboren und ist als junger Mann in der evangelischen Gemeinde aktiv. Doch er stößt sich bald an der Unbeweglichkeit der sozialistischen Regierung und geht kurz vor dem Bau der Berliner Mauer nach Westberlin. An der Freien Universität studiert er Philospohie, Soziologie und Geschichte, engagiert sich in der Studentenbewegung und wird schnell zu einem ihrer bekanntesten Anführer.
Am Donnerstag vor Ostern des Jahres 1968 fährt Rudi Dutschke mit dem Fahrrad zu einer Berliner Apotheke. Vor der Apotheke gibt ein 23-jähriger Münchner Hilfsarbeiter, Josef Erwin Bachmann, drei Schüsse auf Dutschke ab, der schwere Gehirnverletzungen erleidet. Dutschke kämpft noch auf dem Operationstisch um sein Leben, da geht die Nachricht schon wie ein Lauffeuer durch Berlin und ganz Deutschland. In Berlin ziehen die Linken in die Kochstrasse, in der sich der Springerverlag befindet. In ihren Augen hat der Springerverlag die Öffentlichkeit absichtlich gegen Dutschke aufgehetzt und ist deshalb an dem Attentat schuld.Die Demonstranten kommen aus allen Richtungen. In der Kochstrasse stehen 12 000 Demonstranten 10 000 Polizisten gegenüber, Fenster gehen zu Bruch und Molotovcocktails setzen die Auslieferungswagen der Springerpresse in Brand. In Hamburg, Frankfurt, München, Hannover, Köln... der Funke springt auf ganz Deutschland über. Das ist der Beginn der Osterunruhen, die das ganze Osterwochenende über dauern. Der Spiegel schreibt später, dass es solche Straßenschlachten seit der Weimarer Republik nicht mehr gegeben hatte. Rudi Dutschke überlebt, mit bleibenden Schäden. Er muss das Sprechen neu erlernen, sein Gedächtnis trainieren, bevor er an Universitäten im Ausland tätig wird.
Er stirbt 1979 in Dänemark. Ein epileptischer Anfall, letzte Folge des Attentats. In Deutschland wurde das Osterfest 1968 vom Attentat auf Rudi Dutschke überschattet. Es ist ein prägendes Datum der deutschen Nachkriegsgeschichte, es ist der Höhepunkt der Studentenbewegung, dieser Protestbewegung der Jugend gegen die Generation ihrer Väter, denen sie vorwerfen, ihre Nazivergangenheit nicht genügend "aufgearbeitet" zu haben. Rudi Dutschke, der Redner, der Revolutionnär, der argumentierte, erklärte und mit Worten kämpfte, wurde zum Schweigen verurteilt. Von nun an wird Deutschland von einer anderen Art des Protests erschüttert: es schlägt die Stunde der Roten Armee Fraktion und ihrer Terroranschläge.







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