In einigen Tagen wird er 88. Er heißt Marcel Reich-Ranicki. Er ist aus dem intellektuellen Leben in Deutschland nicht wegzudenken. Wie aber soll man den Franzosen in wenigen Minuten eine so außerordentliche und umstrittene Persönlichkeit vorstellen? Wie ein so erstaunliches Leben zusammenfassen, das sogar verfilmt werden soll? Sollen wir mit seiner Geburt 1920 im polnischen Wloclawec beginnen, die Mutter eine deutsche Jüdin aus Berlin, der Vater polnischer Jude?Oder mit seiner Ankunft in Berlin im Alter von 9 Jahren bei der Familie seiner Mutter, seine Schulzeit, seine Theaterleidenschaft, die Deportation nach Warschau,1938, als der Judenhass der Nazis den ersten Höhepunkt erreicht? Dann die Greuel im Warschauer Ghetto, aus dem er mit seiner jungen Frau, einer Nachbarin, deren Vater sich erhängt hatte, flüchten kann. Sein Eintritt nach Kriegsende in die polnische Armee, die den jungen kultivierten Mann, der mehrere Sprachen spricht, nach London schickt, wo er im Konsulat arbeiten und vorrangig die Polen überwachen soll, die im Londoner Exil leben. Als er nach Warschau zurückgerufen wird, kommt er wegen Spionageverdacht für kurze Zeit ins Gefängnis.
Im Gefängnis geschieht die Wende: er verschlingt das Meisterwerk von Anna Seghers "Das siebte Kreuz", und beschließt, sich von nun an, voll und ganz der deutschen Literatur zu widmen. Nach jahrelangen Anläufen in Polen flüchtet er im Jahr 1958 vor den Schikanen des kommunistischen Regimes und begibt sich nach Deutschland, wo er innnerhalb von wenigen Jahren zum Star der Literaturkritik wird.
Zuerst bei der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", dann in der Feuilletonredaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". In einem Land wie Deutschland, in dem Bücher einen so hohen Stellenwert haben, daß man sie wie Medikamente am Vormittag bestellen kann, um sie am Nachmittag des gleichen Tages abzuholen, läßt das Phänomen Reich-Ranicki niemanden kalt: er wird von den einen vergöttert, von den anderen verhöhnt, und verteilt selber Komplimente und Hiebe. Er schenkt den gestern noch unbekannten Autoren, die dank ihm ins Rampenlicht kommen, genausoviel Aufmerksamkeit wie den größten Schriftstellern. Er ist Mitglied der Gruppe 47, einer sehr aktiven Bewegung, die Ende der 40er Jahre gegründet wird und in der Autoren und Kritiker in ihren berühmten Lesungen die vortragenden Autoren auseinandernehmen, in den Himmel loben oder niedermachen.An Reich-Ranicki scheiden sich die Geister; sein Urteil ist gefürchtet. Aber er bringt die Menschen zum Lesen. Umso mehr, da er mit seinem Charisma, seiner lebhaften Art und seiner Schlagfertigkeit die allseits bekannte Fernsehsendung ins Leben ruft, zu der er nur Literaturkritiker einlädt: das Literarische Quartett. Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, ein Gast, und vor allem er. Diese Sendung ist 13 Jahre lang ein Meilenstein im deutschen Fernsehen.
Sicher, in Frankreich gab es zur selben Zeit Bernard Pivot, der genauso einflußreich war mit seiner Sendung "Apostrophes", doch bei Apostrophes waren nur Autoren eingeladen, und bei Pivot war der Ton eher der einer gefälligen Salon-Konversation. Reich-Ranicki hingegen ereifert sich, speit Gift. Keiner lässt sich seine Lieblinge, seine Launen, seine Entdeckungen und Polemiken entgehen. Denn auch wenn Reich-Ranicki ein Entertainer ist, der sein Publikum zu unterhalten weiß, seine Bildung, seine Begeisterung und Abneigungen sind echt.
Reich-Ranicki, das ist auch eine unverwechselbare Stimme, mit dem gerollten R und dem leichten Lispeln. Reich-Ranicki ist Autor mehrerer Bücher, darunter der "Kanon der deutschen Literatur" in dem er sozusagen Noten an die deutschen Schriftsteller verteilt. Er hat auch eine Autobiographie verfasst. Der Literaturkritik hat er einen Stellenwert gegeben, den sie nie zuvor hatte. Seine bekanntesten Widersacher murmeln hinter vorgehaltener Hand, er verdanke seinen Aufstieg vor allem der Tatsache, dass er als Jude in dem von Schuldgefühlen geplagten Nachkriegsdeutschland eine unantastbare Autorität hatte und sich diese zu Nutze machte. Martin Walser veröffentlichte 2002 den Roman "Tod eines Kritikers", der nichts anderes als eine Abrechnung mit Reich-Ranicki ist. Manche haben darin antisemitische Passagen entdeckt, andere halten das für übertrieben, wie dem auch sei, dieser Angriff ist wohl der schmerzlichste in Reich-Ranickis Leben.
Marcel Reich-Ranicki ist heute ein alter Mann. Und dennoch passt diese Bezeichnung nicht auf ihn. Noch vor kurzem nahm er an einer live übertragenen Fernsehdiskussion teil. Dabei beeindruckte Marcel Reich-Ranicki einmal mehr durch seine Jugend, Freiheit und Lebenslust.







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