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Ein Magazin von Claire Doutriaux

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Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 23. November 2008 - 23/11/08

das Ritual: das Treppenfegen

das Treppenfegen


Felicitas Schwarz erzählt uns nun von einem deutschen Ritual, das es auf Junggesellen abgesehen hat.

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Ich bin in Bremen aufgewachsen. Dort gibt einen unsäglichen Brauch, dem ich zu entkommen hoffte, als ich nach Frankeich zog. Noch heute denke ich mit Schaudern daran zurück, wie mich als Kind manchmal fremde Männer baten, sie zu küssen! Sie mussten nämlich von einer Jungfrau freigeküsst werden! Seltsam, oder? Und niemand denkt sich etwas dabei! Bei diesem abstrusen Brauch müssen unverheiratete Männer an ihrem 30. Geburtstag eine Treppe solange fegen, bis sie von einer Jungfrau freigeküsst werden. Eine Jungfrau. Ja sind wir denn im Mittelalter? Auch dass es heutzutage ein Problem darstellen soll, das ein Mann mit dreissig noch unverheiratet ist, ist mir ein Rätsel. Aber in Nordwestdeutschland geht das anscheinend nicht durch.

Stellen Sie sich das vor! Um recht viele Schaulustige anzulocken, geben Freunde und Verwandte die öffentliche Bloßstellung in der regionalen Tagespresse bekannt. Nicht mit einem Besen, sondern mit einer Zahnbürste, einem Backpinsel oder einem Handfeger muss das Geburtstagskind dann die Treppe eines öffentlichen Gebäudes von Kronkorken, Papierschnipseln oder Sägespänen befreien. Während des Putzens werden Bier und Schnaps ausgeschenkt und oft heizt auch noch ein Drehorgelspieler die Stimmung an. Jedes Mal wenn die Treppe fast sauber ist, macht einer der angetrunkenen Zuschauer die Arbeit wieder zunichte– bis schließlich eine junge Frau, die sich dadurch selber als Jungfrau zu erkennen gibt, dem Ganzen ein Ende bereitet, indem sie den Junggesellen freiküsst. Das kann dauern. Kleine Mädchen sind da natürlich ein gefundenes Fressen.

Die Demütigung von Junggesellen hat Tradition: In früheren Jahrhunderten war es gesellschaftliche Norm, jung zu heiraten. Ehelosigkeit galt als suspekt und das nicht nur in Nordwestdeutschland. Junggesellen und alte Jungfern wurden vielerorts auf recht barbarische Weise dem Gespött der Öffentlichkeit ausgesetzt. Noch in der frühen Neuzeit mussten ledige Frauen manchmal am Aschermittwoch einen Pflug durch das Dorf ziehen. Auf diesem Kupferstich aus dem Jahr 1801 müssen drei Jungfrauen zur Strafe für ihre gesellschaftsschädigende Lebensweise den Frankfurter Pfarrturm putzen.

Tja, und als ich nach Paris kam, entdeckte ich dort Überbleibsel derartiger Bräuche: Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Näherinnen der Pariser Modesalons, die mit 25 Jahren immer noch keinen Mann hatten, buchstäblich unter die Haube gebracht. Am 25. November, dem Tag der heiligen Katharina, bekamen sie von ihren Kolleginnen eine selbstgemachte, spektakuläre Kopfbedeckung aufgesetzt. Diese etwas lächerliche Tradition gibt es noch in vielen französischen Regionen. Tja, und ich kam vom Regen in die Traufe.

Text: Felicitas Schwarz
Bild: Irek Krett

Erstellt: 12-11-08
Letzte Änderung: 10-09-09


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