Sendung vom 4. April 2004 - 04/04/04
das Ritual: der "PMU"
der "PMU"
Hajo Kruse, unser deutscher Journalist, kann es nicht lassen, die französische Gesellschaft mit einer, sagen wir, leichten Ironie zu betrachten. Heute abend beschreibt er uns ein französisches, sonntägliches Ritual.
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Wissen Sie, wann für viele Franzosen der Höhepunkt der Woche kommt? Am Sonntag, und da meistens am Sonntag vormittag! Denn am Sonntag widmet sich Marcel dem Sport, dem Pferdesport, genau gesagt: dem Pferderennsport. Marcel kennt sich da aus. Er ist nämlich "turfiste", das kommt vom englischen "turf", Rasen. Sein Stammplatz ist die Theke im Bistro. Zigarette in der einen Hand, das Glas mit Pastis oder Rotwein in der anderen, studiert er die heissen Tips in der Fachpresse. Da gibt es viel zu lesen: France-Turf, Derby-tiercé oder Ouest-Turf, um nur die wichtigsten Zeitungen zu nennen. Schliesslich gibt es in Frankreich 6 bis 7 Millionen, die -wie Marcel -regelmässig wetten. Fast ein Weltrekord. Angeblich treiben es nur die Chinesen in Hongkong noch leidenschaftlicher.
Dabei waren die meisten passionierten Pferderennsportfreunde nie persönlich auf einem Rennplatz. Das ist nicht ihr Milieu und das brauchen sie auch gar nicht. Sie können ihren sonntäglichen Sport betreiben, ohne sich dabei in irgendeiner Weise anzustrengen. Schliesslich sieht man überall in Frankreich die grünen Schilder mit den rasenden roten Pferden und den drei Buchstaben PMU. Die Wettannahmestellen befinden sich fast immer in einem Café-Tabac. Rund acht Tausend davon gibt’s im ganzen Land.
Ein Durchschnittszocker spielt einmal pro Woche. Doch manche treibens täglich. Für diese Süchtigen gibt es besondere Lokale, wo Pferderennen live auf grossen Bildschirmen übertragen werden. Von aussen sieht man die verqualmte Atmosphäre nicht, in der die Wetter dem Sieg ihres Favoriten entgegenfiebern. Doch leider gibt es meistens Frust. Kein Grund, nicht gleich am nächsten Tag erneut zu wetten. Da könnte man wohl erwarten, dass der Staat versucht, diese unverbesserlichen Spielertypen zu retten. Genau das Gegenteil ist richtig. Der Staat ist Schirmherr und Komplize der PMU "Pari Mutuel Urbain". Alle anderen Wetten mit Einsatz von Geld sind verboten, aber dieses Laster wird gefördert. Der Durchschnitts-Wetter setzt pro Woche 15 Euros. Das bringt pro Jahr rund Sieben Millarden Euro in die Kassen. Der Staat nimmt sich dann eine Millarde aus diesem Pott, für gute Werke wie Förderung der Pferdezucht und Sport und Jugend usw.
Der Rest der eingesetzten Summen wird verteilt, denn schliesslich ist der PMU "Paris Mutuel Urbain" eine Art Genossenschaft. Die, die auf die guten Pferde gesetzt haben, teilen sich, was die Anderen verloren haben. Wer die drei Sieger in der richtigen Reihenfolge hat, gewinnt recht ordentlich, für die andere Reihenfolge, gibt’s nur noch Trostpreise. Es gibt auch noch die Vierer- oder Fünferwette und alllerhand Kombinationen, die Marcel natürlich beherrscht. So kann er sich am Sonntag im Bistro den wöchentlichen Nervenkitzel leisten. Die PMU-Wettannahmestelle im Bistro ist die Börse des kleinen Mannes. Mit einem kleinen Unterschied: beim Pferderennen ist man ziemlich sicher, seinen Einsatz zu verlieren.
Text: Hajo Kruse
Bild: Joris Clerté
das Ritual: der "PMU" finden Sie auf der
DVD 1
Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 18-03-11