"Ich heisse Marianne, die ganze Welt kennt meinen Namen; denn ich trage - wildentschlossen meine rote Mütze schief, kräftige Tochter aus dem Volk will ich am Tag des stolzen Rausches in strahlendem Lichte – echte Männer zu Geliebten haben." In diesem Lied vom Ende des 19. Jahrhunderts ist alles gesagt über die französische Marianne.Marianne ist eine Schöpfung der französischen Revolution, wo man griechisch-römische Symbole mochte. 1792 wurde beschlossen, dass in Zukunft "das Staatssiegel Frankreich zeigen solle in Form einer Frau in antiker Kleidung, stehend, mit der rechten Hand eine Lanze haltend mit der Phrygiermütze auf der Spitze, die linke Hand gestützt auf ein römisches Rutenbündel".Später gelangte die Mütze von der Lanze auf den Kopf. Eine Phrygiermütze also, wie die roten Mützen, die freigelassene Sklaven trugen. Diese Mützen kamen angeblich aus Phrygien, einer Region, die lange Zeit in Knechtschaft gehalten wurde. Ursprünglich verkörperte Marianne also die Freiheit.Woher der Name kommt, weiss man nicht: Marianne, Marie-Anne, ein volkstümlicher Name, vielleicht nach einer damals beliebten Sängerin oder aus einem patriotischen Lied aus Okzitanien. Seit der Revolution steht sie für Ordnung oder Revolte, je nachdem. Ein sonderbares Weib, ungestüm und nährend zugleich. Sie gefällt dem rechten wie dem linken Lager. Auf Münzen oder Briefmarken, als Statue oder Bild, Landesmutter oder Mädchen aus dem Volk. De Gaulle hat gesagt, Frankreich, mit seinen 36 OOO Gemeinden und 365 Käsesorten, sei unregierbar. Marianne hat es immerhin geschafft, von fast allen akzeptiert zu werden.
Marianne ist nicht nur eine Frau, sie ist eine Frau mit Kurven. Die Herren der Dritten Republik, die Mariannenbüsten übers verteilten, wollten keine ausgemergelte Symbolfigur der Republik. Sie sollte vielmehr ernst und mütterlich sein. Auch serienmäßig hergestellt ist ihr Busen vielsagend: üppig steht für Großzügigkeit, leicht enthüllt bedeutet Emanzipation, ganz entblößt: Gleichheit. Mit Kettenhemd: die Republik in Waffen. Im Jahre 1940 zog es der nicht gerade republikanisch gesinnte Marschall Pétain vor, Marianne für ein paar Jahre zu verbannen.
Schliesslich wurde Marianne von allen akzeptiert, als Verkörperung von Freiheit, Republik und Frankreich. Zur Tradition gehört es, dass die Marianne auf den Briefmarken mit jedem neuen Präsidenten wechselt. Die letzte Marke zeigt eine blumenförmig stilisierte Marianne, die von Thierry Lamouche gezeichnet wurde. Marianne ist zu einem Superstar geworden. Seit Brigitte Bardot ihr Modell gestanden hat, folgten ihr Mireille Mathieu, Michèle Morgan, Catherine Deneuve, Inès de la Fressange, Laetita Casta und so weiter und so fort…Schauspielerinnen, Sängerinnen, Topmodels …. Die Bürgermeister, das heisst ein Teil der Bürgermeister, wählt die Marianne aus. Die letzte Wahl fiel auf eine Fernsehmoderatorin … schlimmer geht’s wohl kaum. Sie hätten doch auch Claudie Haigneré wählen können, eine Wissenschaftlerin mit zahlreichen Diplomen, erste französische Astronautin. Nun, so stellen sich diese Herren die Republik offenbar nicht vor.







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