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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 12. Februar 2012 > das Wort: abendfüllend

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Karambolage 259 - 12/02/12

das Wort: abendfüllend

Corinne Delvaux erzählt uns heute abend von einem deutschen Wort, das in ihren Ohren sehr seltsam klingt.

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Als ich noch in Deutschland lebte, leitete ich lange Jahre ein Programmkino. Das war Ende der Siebziger. Damals begegnete ich einem Wort, das mir seitdem keine Ruhe mehr gelassen hat. Das Wort gehörte zum Fachjargon der Kinobetreiber. In den Katalogen der Filmverleihe waren die Filme nämlich in zwei Kategorien eingeteilt: abendfüllende Filme und Kurzfilme. Die Franzosen sagen dazu einfach: "long métrage"- wörtlich langes Maß - und "court métrage" - kurzes Maß, sie richten sich also nach der Länge der Filmrolle.

Die Deutschen verwenden wohl auch das Wort Kurzfilm für kurze Filme, für einen langen Film aber benutzen sie die seltsam anmutende Bezeichnung abendfüllender Film. Abend, wie der Abend, füllend kommt natürlich von füllen, abendfüllend, ein abendfüllender Film ist also ein Spielfilm, der den ganzen Abend füllen soll.

Warum habe ich mich nie an dieses Wort gewöhnen können, obwohl ich es doch in meinem Arbeitsalltag häufig benutzte? Warum konnte ich es nie aussprechen, ohne jedes Mal an seine wörtliche Bedeutung zu denken: ein Film, der die Zeit füllen soll? Vermutlich, weil es mich in philosophische Abgründe stürzte: warum werden diese Filme gemacht? Warum zeige ich sie in meinem Kino? Um den Menschen zu helfen, ihre Zeit zu füllen? Fürchtet man, sie machen Dummheiten, wenn ihre freie Zeit nicht ausgefüllt ist? Fürchtet man, sie langweilen sich sonst? Ist ein Film dazu da, die Zeit totzuschlagen, oder soll er Vergnügen bereiten? Tja, ein bedeutungsschwerer Begriff.

Eine deutsche Freundin, Philosophieprofessorin, der ich meine Ratlosigkeit eines Tages mitteilte, war von diesem Wort, an das ihre Ohren so gewöhnt waren, dass sie seine wörtliche Bedeutung schon seit langem vergessen hatte, sehr beeindruckt. Sie hielt mir gleich eine philosophische Vorlesung, allein für mich. Kant. Man müsse Kant heranziehen, um dieses Konzept der Zeit zu verstehen, als Form unserer Empfindung, die unseren Wahrnehmungen einen Rahmen schaffe, den man mit idealen Objekten füllen müsse, während Fichte widerum … Bergson hingegen widersetze sich Kant völlig… Nun, ich habe nicht alles verstanden, aber eins wurde mir klar, dass dieses Wort, das einen Spielfilm bezeichnet, nicht von ungefähr kommt und tief in der deutschen Philosophie wurzelt…

Ein anderer Freund, kein Philosoph aber Frankreichliebhaber, hat sich daraufhin an einen Satz von Madame de Staël erinnert. De l’Allemagne - Über Deutschland - heisst das Buch, das sie 1810, nach einer langen Reise durch Deutschland schrieb, nachdem Napoleon sie aus Paris verbannt hatte, weil ihm diese Intellektuelle ein zu freches Mundwerk hatte. Im Kapitel 12 fand mein Bekannter das gesuchte Zitat:
Die Zeitgut auszufüllen,
ist das Verdienst der Deutschen,
sie vergessen zu machen,
das Talent der Franzosen.

Noch einmal?
Die Zeitgut auszufüllen,
ist das Verdienst der Deutschen,
sie vergessen zu machen,
das Talent der Franzosen.

So, jetzt haben Sie auch etwas zum sinnieren…

Text: Corinne Delvaux
Bild: Olivia von Pilgrim

Erstellt: 09-02-12
Letzte Änderung: 20-02-12


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