Rein sprachlich - oder besser phonetisch - gesehen haben DAS BUCH und sein französisches Pendant LE LIVRE wirklich nichts gemein. Wenn wir jedoch beide Vokabeln bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen, entdecken wir eine überraschende Nachbarschaft. Sie beginnt mit dem deutschen "Buchstaben", also der Letter. Das Wort ist buch-stäblich zu verstehen: die ersten Buchstaben waren ganz einfach kleine Stäbe aus Buchenholz. In germanischen Urzeiten wurden in solche Buchenstäbe geheimnisvolle Zeichen eingeritzt: die sogenannten "Runen" . Sicher waren es schon erste alphabetische Zeichen, doch glaubte man lange an ihre prophetische Zauberkraft. Diese mit Runen beschrifteten Buchenstäbe wurden also einer Art Wahrsagerin anvertraut. Diese Weissagerin warf ein Bündel der Stäbe in die Luft und sammelte sie auswählend und ihrer jeweiligen Konstellation entsprechend wieder ein. Die Buchstaben aufzulesen und die Bedeutung der Runen zu "lesen" war dasselbe. In der Tat kommt das Verb "LESEN" sowie das französische "LIRE" vom lateinischen "legere": bündeln, einsammeln.Das Wort "Buch" entstand erst viel später. Es bezeichnete in seinen Anfängen ganz einfach die Tafel aus Buchenholz, in die man einen Text schnitzte, um ihn dann zu drucken. Und das französische Wort für Buch, "le livre"? Das kommt, wie jeder Pennäler weiss, direkt vom lateinischen "liber". Aber auch die Botaniker kennen das Wort "liber" und bezeichnen damit die sogenannte "lebende" Innenseite der Baumrinde. Die Alten lösten diese Rindenblätter - vorzüglich die des Lindenbaums - behutsam ab und ritzten oder schrieben dann darauf ihre Texte. Was wohl erklärt, warum wir noch immer auf Blättern schreiben. So haben also das "Buch" und le "livre" doch etwas gemein: die Geschichte beider Wörter beginnt in den Bäumen!







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