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ARTE : Der Umgang mit dem Begriff Depression ist so in unserer Alltagssprache verankert, dass man Betroffene häufig nicht als krank, sondern als «labil» einstuft. Wo verläuft die Grenze zwischen einer Verstimmung und einer krankhaften Depression?
Depressive Verstimmungen, Traurigkeit, Leid gehören zum Leben dazu und sind natürlich nicht immer krankhaft. Aber daneben gibt es auch viele krankhafte Depressionen, die sich durch die Art und Weise ihrer Symptomatik von einer einfachen Verstimmung eindeutig abgrenzen lassen. Gerade bipolare Depressionen entwickeln sich nicht etwa gradlinig aus einer normalen Verstimmung, sondern treten oft ohne eindeutigen Anlass plötzlich und in großer Heftigkeit auf. Krankhaft depressive Patienten verspüren häufig auch körperliche Beschwerden, ihr gesamtes Denken und Gefühlsleben, der Gesichtsausdruck sind verändert, man bewegt sich ganz anders. In diesem Zusammenspiel entstehen auch Ängste und Suizidgedanken - und darum ist eine schwere Depression auch lebensbedrohlich.
Schätzungen zufolge wird bei mehr als der Hälfte aller Erkrankten die Krankheit nicht richtig diagnostiziert. Woran liegt das?
Auch wenn das Wissen nicht psychiatrischer Fachärzte zum Thema «Depression» allmählich zunimmt, sind nach wie vor zu wenige ausreichend über bipolare Erkrankungen informiert. Beide Krankheiten unterscheiden sich aber grundlegend, in der Prognose und auch der Behandlung des Patienten. In der Praxis kann eine bipolare Depression auf den ersten Blick nur schwer zu erkennen sein, zum Beispiel wenn noch keine deutliche Manie oder Hypomanie aufgetreten ist. Der Facharzt erkennt die Erkrankung an weiteren Indizien - zum Beispiel einer familiären Vorbelastung oder an vereinzelt auftretenden manischen Symptomen. Auch eine im jungen Alter auftretende schwere Depressionen spricht für Bipolarität. Wer viel mit bipolar erkrankten Patienten spricht, entwickelt ein Gefühl für «typische» Lebensläufe: Diese Menschen fahren ständig Achterbahn, auch unabhängig von depressiven oder manischen Phasen.
Gibt es unterschiedliche geschlechts- und altersspezifische Ausprägungen der Krankheit?
Auf jeden Fall, und auch das erschwert die Diagnose. Die bipolare Erkrankung zeigt sich im Kindes- und Jugendalter anders als im jungen Erwachsenenalter oder im Alter. Gerade bei Jugendlichen ist die Abgrenzung einer Erkrankung gegenüber jugendlicher Instabilität, Pubertätskrisen oder ADHD sehr schwierig. Im höheren Lebensalter ist die Krankheit häufig überzeichnet von « normalen » mentalen Schwächen. Frauen sind zyklusabhängig in Zusammenhang mit Schwangerschaften und Geburten stärker als Männer durch Depressionen gefährdet. Männer hingegen zeigen besonders bei Manien eher aggressives Verhalten und Suchtverhalten.
Krankhafte Depression lässt sich medikamentös behandeln. Kann man von Heilung sprechen?
Nein, von einer richtigen Heilung kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sprechen, aber uns stehen wirksame Möglichkeiten zur Verfügung, die Symptome zu unterdrücken und einem Rückfall vorzubeugen. Die Abstände zwischen den Episoden lassen sich vergrößern, die Episoden selber verkürzen. Wir vermuten auch, dass sich bei einer frühzeitigen Behandlung die Gesamtprognose verbessert. Es ist daher grundfalsch, erst einmal abzuwarten, bis es gar nicht mehr geht.
Viele Patienten schrecken vor einer medikamentösen Behandlung zurück…
Bei Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten gilt es als selbstverständlich, dass Medikamente eingesetzt werden, während seelische Prozesse leichtfertig außerhalb unseres Körpers verankert werden... Fakt ist aber, dass alle seelischen Prozesse sich in unserem Gehirn abspielen. Bei einer Depressionen sind bestimmte Botenstoffe in einzelnen Regionen des Gehirns vermindert verfügbar, bei einer Manie wiederum sind andere Stoffe im Übermaß aktiv. Das Ausbremsen dieser Botenstoffe bei der Maniebehandlung ist sehr effektiv und hilfreich für den Patienten. Die Behandlung der Depressionen ist etwas schwieriger, dennoch sind auch antidepressive Pharmakotherapien wirksam. Am wirksamsten ist die Therapie im Zusammenspiel mit Psychotherapie, genau wie in der Medizin generell nicht immer pharmakologische Methoden alleine zum Erfolg führen.
Antidepressiva machen nicht «abhängig», verhindern sie nicht dennoch eine eventuell notwendige Lebensumstellung beim Patienten?
So wie Diabetiker vom Insulin abhängig sind, sind auch bipolar erkrankte Patienten von anti-manisch, anti-depressiv oder antirezidiv prophylaktisch wirksamen Medikamenten «abhängig», ohne nach ihnen süchtig zu werden. Parallel dazu sollte natürlich stark am Selbstmanagement des Patienten gearbeitet werden, an der Aktivierung seiner Selbstheilungskräfte, damit man bei der medikamentösen Therapie so minimalistisch bleiben kann, wie es eben geht. Ebenso lässt sich bei der Behandlung eine Änderung der Persönlichkeit des Patienten, wie die Unterdrückung von Lebenslust oder Traurigkeit, vermeiden.
Worauf zielen die Begleittherapien bei bipolaren Erkrankungen?
Meiner Erfahrung nach besteht die beste Basistherapie darin, dem Patienten genau zu erklären, welches die individuellen Ausprägungen seiner Erkrankung sind. Nur so kann er sich rechtzeitig auf Veränderungen einstellen und entsprechende Schutzmechanismen entwickeln. Da die Problemlagen sehr unterschiedlich sind, gibt es nicht DIE Psychotherapie für bipolare Patienten. Kognitive Therapien sind sehr hilfreich, wenn Patienten sich in ängstlich depressive Denkmuster verstricken, bei sehr starker emotioneller Berg- und Talfahrt und Labilität haben sich chronobiologische Therapien als sinnvoll erwiesen: Erfahrungsgemäß ist bei bipolaren Erkrankungen eine starke Betonung der Rhyhtmizität des Lebens - regelmäßige Mahlzeiten, regelmäßiger Schlaf etc. - ausgesprochen hilfreich.
Spielt die Leistungsgesellschaft eine Rolle bei der Zunahme bipolarer Erkrankungen?
Die allgemeine Zunahme der unipolaren Depressionen hängt meiner Meinung nach auf jeden Fall mit unserer Arbeitswelt und unserer Leistungsgesellschaft zusammen, die bipolare Erkrankung eher weniger. Natürlich kann man sie als «Sinnbild unserer Zeit» sehen, es spricht aber wenig dafür, dass sie aufgrund der heutigen Lebensumstände häufiger auftritt als früher. Bipolare Patienten sind in der Manie und Hypomanie hochleistungsfähig, waren daher immer schon wichtige Leistungsträger unserer Gesellschaft, denken Sie etwa an Van Gogh, Schumann, Baudelaire, Virginia Woolf, Hemingway. Dass die Krankheit heute mehr im Gespräch ist, hängt mit einer stärkeren Sensibilisierung für das Erleben bipolar erkrankter Menschen zusammen.
Das Interview führte Nicola Hellmann








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