Sie fahren über eine französische Landstrasse. Die Sonne scheint, Platanen rauschen an Ihnen vorbei, das Leben ist schön. Doch plötzlich wird Ihnen der Spass verdorben: Der Fahrer vor ihnen hat wohl das Gaspedal mit der Bremse verwechselt! Sie schimpfen und drängeln, aber der Opa lässt sich nicht beeindrucken. Schließlich überholen sie den Sonntagsfahrer laut hupend. Doch dann erstarren Sie: "Was ist das denn? Da sitzt ja ein Kind am Steuer!"Hätten Sie sich das Auto genauer angesehen, dann hätten Sie an der Heckscheibe diesen Aufkleber bemerkt: mann sieht darauf ein kleines lachendes Männchen hinter einem weissen Lenkrad, daneben ein grosses. Darüber steht geschrieben: "Conduite accompagnée". Tja, hier sitzt kein tatteriger Rentner hinterm Steuer sondern ein zarter Teenager der noch keinen Führerschein hat, der von Papa überwacht wird und überhaupt nicht schneller fahren darf!
Autofahren ohne Führerschein, das geht in Frankreich. Die "Conduite accompagnée" - "Begleitetes Fahren" - wurde Ende der 80er Jahre eingeführt, um die hohe Unfallquote unter den Führerschein-Neulingen zu senken. Böse Zungen behaupten zwar, es handele es sich hier um die Legalisierung einer langen existierenden Unsitte, denn französische Kinder hätten das Autofahren sowieso schon immer bei ihren verantwortungslosen Eltern gelernt, das ist aber sicher nur ein Gerücht.Natürlich werden die Anfänger nicht unvorbereitet auf die Straße gelassen. Mit 16 legen sie die theoretische Prüfung ab, danach werden 20 Fahrstunden absolviert, und der Spaß kann beginnen – sofern sich eine Begleitperson gefunden hat, die älter als 28 ist, ihren Führerschein seit mindestens drei Jahren hat... und sehr geduldig ist. Gemeinsam müssen nämlich 3000 Kilometer Pflichtstrecke abgefahren werden –ohne Kontrollpedal! Das kann ganz schön Nerven kosten, vor allem wenn der Sprössling die schlechten Gewohnheiten des Vaters übernimmt und ihn zum Herzinfarkt treibt, wenn er mit Vollgas über rote Ampeln rast.
Aber seien wir fair, das System bewährt sich: 70% der Jugend-lichen bestehen so ihre Führerscheinprüfung auf Anhieb. Bei der traditionellen Ausbildung sind es 48%. Auch die Zahl der Unfälle ist wie erhofft zurückgegangen. Das begleitete Fahren gefällt den Franzosen so gut, dass sie inzwischen sogar die "begleitete Jagd" und das "Begleitete Fliegen" eingeführt haben, um die Unfallrate auch bei diesen riskanten Betätigungen zu senken.Und die Deutschen? Die haben jetzt zaghaft das Modellprojekt "Begleitetes Fahren mit 17" eingeführt, das aber noch nicht sehr verbreitet ist. Es funktioniert etwas anders als in Frankreich: die Deutschen können ab 17 Jahren schon den Führerschein machen, dürfen aber bis zur Volljährigkeit nur begleitet fahren. Sicher ist sicher.







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