Schriftgröße: + -
Home > Europa erkunden > Karambolage

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 28. Februar 2010 > der Ausdruck: 0815

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 28. Februar 2010 - 28/02/10

der Ausdruck: 0815

0815


Nikola Obermann ist keine 0815-Journalistin. Heute entwirrt sie in Nullkommanichts einen deutsch-französischen Zahlensalat. Geben Sie Acht!

Previous imageNext image
Um eine Sprache zu verstehen, reicht es nicht, ihre Worte zu kennen, nein, man muss auch ihre Zahlen kennen. Nehmen wir null acht fünfzehn. Wenn in Deutschland jemand sagt, etwas sei null acht fünfzehn, dann bedeutet das weder, dass die Person, die die Arbeit gemacht hat, um viertel nach acht eingetroffen ist, noch, dass sie einen Stundenlohn von acht Euro fünfzehn bekommen hat, nein, es bedeutet, dass das Ergebnis banal ist.

Null acht fünfzehn, das steht für alles, was mittelmäßig, gewöhnlich, nichts Besonderes ist. Alles kann Null acht fünfzehn sein: ein Bühnenbild, ein Zeitungsartikel, Küchenfliesen, ein Abendessen, ein Liebesbrief... Woher kommen aber diese geheimnisvollen Zahlen?

Aus dem Krieg. Während des ersten Weltkrieges war das Standardmaschinengewehr des Deustchen Heeres das LMG O815. 08 bezeichnet das Jahr, in dem es eingeführt und 15 das Jahr, in dem eine verbesserte Version eingesetzt wurde. Während des zweiten Weltkrieges wurde Null acht fünfzehn dann Synonym für etwas Gewöhnliches, das jeder hat.

Die Franzosen sagen six quatre deux: etwas ist auf die sechs vier zwei, gemacht, wenn es schnell oder schlampig ausgeführt wurde. Wieso? Schauen Sie mal.... sechs vier zwei, schneller geht es wohl kaum. Hier null acht fünfzehn Fliesen, auf die sechs vier zwei von einem deutsch-französischen Fliesenleger verlegt. In Deutschland würde man über diesen Fliesenleger sagen, er habe "fünf gerade sein lassen", um auszudrücken, dass seine Arbeit nicht unbedingt den Regeln der Kunst entspricht. Vor allem, wenn er die berühmte "Pi-mal-Daumen-Technik" angewandt hat, die ja nicht gerade ein Garant für Präzision ist.

Warum beendet der Fliesenleger seine Arbeit so schludrig? Weil er ein cinq à sept, ein fünf bis sieben hat! Das ist ein französischer Ausdruck für ein außereheliches Rendez-vous, denn die Zeit zwischen 17 und 19 Uhr liegt in einer wunderbaren Grauzone: man verlässt das Büro etwas früher, kommt etwas später nach Hause – unüberprüfbar.

Doch was macht unser Fliesenleger vor seinem cinq à sept? Er macht sich auf seine einundreißig! Se mettre sur son trente et un bedeutet in Frankreich sich in Schale werfen. Das kommt entweder von einer Verformung des Wortes trentain, einem luxuriösen Stoff, der aus dreißig mal hundert Fäden bestand, oder von einem Kartenspiel, bei dem man einundreißig Punkte ansammeln muss, vielleicht aber auch aus der Armee, wo die Soldaten am einundreißigsten jeden Monats ihre Ausrüstung besonders gründlich putzten. Man ist sich da nicht ganz sicher.

Sicher ist hingegen, dass unser Fliesenleger die vierhundert Schüsse macht - faire les quatre cents coups heißt ein ausschweifendes Leben führen oder Dummheiten machen. Die quatre cents coups stammen aus dem Jahr 1621, als Ludwig der dreizehnte zweieinhalb Monate lang Montauban belagert, um der Unabhängigkeit dieser protestantischen Stadt ein Ende zu bereiten. Um den widerspenstigen Bewohnern Angst einzujagen, stellt der König vierhundert Kanonen auf und lässt sie alle gleichzeitig abfeuern. Die Stadt ergibt sich zwar immer noch nicht, die vierhundert Schüsse sind seitdem jedoch Ausdruck für Ausschweifung.

Morgen wird unser Fliesenleger allerdings au trente-sixième dessous sein, im sechundreißigsten Unterdrunter, das heißt, es wird ihm sehr schlecht gehen. Die Franzosen benutzen gern die sechsundreißig, um Anzahl, Häufigkeit und Intensität einer Sache maßlos zu übertreiben. Und warum wird es ihm schlecht gehen? Weil seine Frau ihn verlassen wird, und zwar in Null komma nichts, wie wir in Deutschland sagen, die Franzosen würden sagen en moins de deux, in weniger als zwei. Hätte er sich ja auch denken können, ich hab’s ihm bestimmt sechsundreißig tausendmal gesagt!
Text: Nikola Obermann
Bild: Joris Clerté

Erstellt: 26-02-10
Letzte Änderung: 15-03-10


+ aus Europa erkunden