sendung vom 30. November 2008 - 30/11/08
der Ausdruck: der Feierabend
der Feierabend
Corinne Delvaux klärt uns über einige Ausdrücke oder besser Rituale auf, die fester Bestandteil des Büroalltags in Deutschland sind.
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Ich war damals Praktikantin in einer der zahlreichen Redaktionen des zweiten deutschen Fernsehens. Ein großes verglastes Bürogebäude mitten in der Natur, ganz in der Nähe von Mainz, Geburtsstadt Gutenbergs, der im 15. Jahrhundert die Buchdruckerei erfand. Armer Gutenberg, der sich bestimmt im Grabe umdreht seitdem ihm das Fernsehen in seiner eigenen Geburtstadt die Show stiehlt, und auch die Leser, die er mit seiner Erfindung ja im Grunde erst zu Lesern machte. Doch zurück zum Alltag in dem großen verglasten Gebäude. Sehr schnell bemerkte ich, dass mir meine Schulbücher drei Rituale verschwiegen hatten, die Tag für Tag zu festen Zeiten das Büroleben regelten.
Zuerst das "zweite Frühstück". Gegen zehn oder halb elf herrscht plötzlich ein eigenartiger Aufruhr in den Büros. Niemand arbeitet mehr. "Ich esse jetzt mein zweites Frühstück" antwortet man mir auf meine erstaunte Frage, was denn los sei. Meine Kollegen beginnen nun seelenruhig, ein Butterbrot aus ihrer Butterbrotdose zu holen, oder auch ein belegtes Brötchen, einen Apfel oder eine andere Leckerei. Das ist offensichtlich die Verlängerung eines sehr deutschen Kindheitsrituals, des obligatorischen Pausenbrotes in der Schule.
Die anderen zwei Rituale sind sprachlicher Natur. So erschallt in den Gängen, wenn sich die Angestellten beim geschäftigen Hin-und Her zwischen Büro und Kantine begegnen, allerorts ein lautes "Mahlzeit", anstelle des sonst üblichen "Guten Tag". Und wehe, man macht nicht mit! "Mahlzeit", gehört zu den guten Bürositten. Mit Mahlzeit wünscht man sich gegenseitig ein angenehmes Mittagessen, beziehungsweise eine schöne Mittagspause.
Und schließlich das Abendritual. Beim Verlassen des Büros wünscht man sich immer: "einen schönen Feierabend". Feier? Abend? Als ich es zum ersten Mal hörte, dachte ich, jetzt würde jeder nach Hause gehen und eine große Party steigen lassen. Es ist aber so: Im Mittelalter wünschte man immer einen "schönen Feierabend" vor einem Feiertag. Der Feier-Abend war damals einfach der Abend vor einem Feiertag. Heutzutage wird dieser Wunsch auch auf die Werktage ausgedehnt und jedem, der seinen Arbeitstag hinter sich hat, wird ein "schöner Feierabend" gewünscht. Auch die Kassiererin im Supermarkt, in dem man abends seine Einkäufe erledigt, wünscht einem einen "schönen Feierabend", worauf man normalerweise mit einem höflichen "gleichfalls" antwortet.
Feierabend bedeutet das Ende der Arbeit, und im weiteren Sinne, das Ende schlechthin. Wenn also eine Mutter im Befehlston zu ihrem jammernden Kind sagt: "jetzt ist aber Feierabend", bedeutet das leider nicht, dass ihr Arbeitstag vorbei ist, sondern nur, dass das Kind gefälligst aufhören soll zu quengeln.
Noch etwas, das ich in dem verglasten Gebäude gelernt habe : Wenn jemand sagt "ich mache jetzt Feierabend", ist es nutzlos, die Person zu fragen, ob sie noch einmal schnell nach einer Akte suchen, etwas nachprüfen, oder auf eine Frage antworten will. Feierabend ist heilig. Man verkündet damit, dass die Arbeitszeit für heute beendet ist und jetzt die Freizeit beginnt. Die Grenze ist klar und wird von allen respektiert, zumal Überstunden in Deutschland nicht den besten Ruf haben: sie bedeuten nämlich, dass man sein Arbeitspensum schlecht eingeteilt hat! So, und was mich betrifft, tja, jetzt mache ich Feierabend!
Text: Corinne Delvaux
Bild: Sebastian Peterson
Erstellt: 12-11-08
Letzte Änderung: 10-09-09