Die Weiberfastnacht. Vor drei Tagen war Jérôme auf dem Rückweg von einer Geschäftsreise in Deutschland. Als er von der Autobahn aus die Kirchtürme des Kölner Doms erblickte, beschloss er spontan, sich noch einen kleinen Abstecher in die Rheinmetropole zu gönnen. Jérôme war sich allerdings nicht bewusst, was es bedeutet, am Donnerstag, den 3. Februar, nach Köln zu fahren: Auf den Strassen herrschte nämlich Ausnahmezustand. Schon bei seiner Einfahrt nach Köln stieß er auf Polizeisperren. Er wollte zu Fuss weiter, aber auch so war kein Durchkommen! 5000 verkleidete und angetrunkene Frauen versperrten Ihm den Weg! Es war die Rede von der Machtübernahme der Narren! Während er noch über den Sinn dieser revolutionären Drohung nachdachte, schnitt ihm - schnipp- eine violett gekleidete Hexe seine Yves Saint Laurent Seidenkrawatte ab. Mein Gott!Panisch flüchtete er vor den schreienden und scherenschwingenden Furien in ein Hotel, wo er von einer Empfangsdame in Clownskostüm und Sektlaune fröhlich ignoriert wurde? Sie war viel zu beschäftigt damit, jeden eingehenden Telefonanruf mit einem schrillen "Alaaf" zu beantworten - und auch sie war offensichtlich eine Kastrationshexe wie der Stoffhaufen auf Ihrem Schreibtisch zeigte.
Der Direktor bot ein jämmerliches Bild: verstümmelte Krawatte, Hemdkragen voller Lippenstift, Bäckchen rot und heiß. "Alaaf" brüllten alle und schienen alles sehr komisch zu finden. Die Restaurants waren voll von grölenden, maskierten Frauen, die ihn im Dreiviertel-Takt zum Schunkeln zwangen. Später erfuhr er, dass die wilden Frauen in Bonn sogar das Rathaus gestürmt hatten und dass der Bürgermeister nicht nur seine Krawatte sondern auch den Schlüssel der Stadt lassen musste! Tja, nichtsahnend war Jérôme mitten in die Weiberfastnacht geraten? Auftakt des Karnevals, wie man in Köln die tollen Tage bezeichnet, Fastnacht in Rheinhessen oder Fasching in Süddeutschland. Karneval wird nämlich vor allem in katholischen Gegenden gefeiert. Karneval, aus dem lateinischen "carne vale" bedeutet so viel wie "Fleisch ade". "Fastnacht"- die letzte Nacht vor der Fastenzeit, und "Fasching", aus dem mittelhochdeutschen "vaschanc", das Ausschenken des Fastentrunkes, beschreiben dieselbe Idee: ein letztes Austoben und Vollfressen vor der 40-tägigen katholischen Fastenzeit bis Ostern. Karnevalsbräuche gehen weit in die vorchristliche Zeit zurück. Im Mittelalter versuchte die Kirche dann, das Fest der christlichen Tradition einzuverleiben.Alle Ausschreitungen waren erlaubt, sogar das Parodieren der Kirchenoberen.
Die Weiberfastnacht entstand 1824 im Bonner Stadtteil Beuel, wo die Waschfrauen beschlossen, zum ersten Mal "nicht nur Ihre Wäsche sondern auch ihre Männer in die Mangel zu nehmen". Seitdem dürfen die Frauen an diesem Tag die Macht über die Männer ergreifen und zum Zeichen ihres Aufbegehrens den symbolischen Kastrationsakt begehen. Einen Tag lang, nur einen Tag lang. Dann ist alles vorbei. Danach ist die alte Ordnung wieder hergestellt. Die Parodie der Revolution ist vorbei, die Sekretärinnen sind wieder Sekretärinnen, und die Chefs sind wieder die Chefs. Wie gehabt.







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