Sendung vom 4. Januar 2004 - 04/01/04
der Brauch: die "galette des Rois"
Clara Wasser ist Journalistin. Sie lebt in Hamburg. Genauer gesagt, sie pendelt zwischen Frankreich und Deutschland. Heute stellt sie uns einen französischen Brauch vor.
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Kennen Sie die Geschichte der deutschen Studentin, die Anfang Januar in Paris ankommt, von Heisshunger überfallen wird und in die erstbeste "boulangerie" - also Bäckerei geht?
Dort ist kaum Auswahl, überall die gleichen runden Torten: "galette des Rois" steht auf dem Schild. Königskuchen also. Na, denkt sie, unglaublich, dieser aristokratische Hang der Franzosen und schon gönnt sie sich ein kleines, wohlriechendes Törtchen.
Begeistert beisst sie rein und da passiert’s. Ein Zahn kracht mit voller Wucht auf etwas Hartes und zerbricht. "Aië !" besser gesagt Aua! wie man hier bei uns sagt.
In Frankreich heisst das Dreikönigsfest: "l'Epiphanie", ein Wort, das aus dem Griechischen kommt - "epiphaneia" - und Erscheinung bedeutet. Den heiligen drei Königen, Caspar, Melchior und Balthazar, wurde an einem 6. Januar die Geburt des Christuskindes offenbart.
Um dieses Ereignis entsprechend zu würdigen, wird die "galette des Rois" gebacken, ein Kuchen aus Blätterteig und Marzipan. Und darin wird eine "fève" versteckt. Na ja, ursprünglich war das wirklich eine Saubohne, eine "fève" also, heute nimmt man dafür eine kleine Porzellanfigur. Die Franzosen sind ganz verrückt danach und manche sammeln sie sogar. Wer das Kuchenstück mit der Figur erwischt, der ist König oder Königin. Er bekommt eine Krone aus goldener Pappe auf den Kopf und immer, wenn er sein Glas an die Lippen führt, schreien die Anderen begeistert: "Le roi boit, le roi boit" - "Der König trinkt".
Mögen die Wissenschaftler über den Ursprung dieser heidnischen Sitte streiten, ob sie auf die Römer zurückzuführen ist oder auf das Mittelalter. Die "galette des Rois" ist ein nationales Heiligtum: Ob zu Hause, bei der Oma, im Betrieb, ja, gerade im Betrieb, ganz Frankreich "tire les Rois". Ja, man sagt: "on tire les Rois" - man zieht die Könige. Mit Eifer. Und meistens mit Champagner. Und jedes Jahr erzählt man zum hundertsten Male den Kollegen, wie es in der Familie gehandhabt wird. Denn es gibt ja markante Unterschiede. Aber meistens ist es der Jüngste, der unter dem Tisch verschwinden muss, um blind auf die Frage zu antworten: "Roudoudou, pour qui est ce morceau-là ?" - "Für wen ist dieses Stück?" Tante Bernadette, Papa usw... Wie auch immer, das Wichtige ist, dass man die Könige zieht und darüber redet.
Wurden noch vor zwanzig Jahren die Könige nur am 6. Januar gezogen, so werden sie heutzutage ununterbrochen vom 2. bis zum 15. Januar gefeiert: Die schlauen Bäcker haben nämlich verstanden, dass die einstigen Revolutionäre doch gerne alle für einen Tag König oder Königin seien wollen und damit alle dran kommen können, verkaufen sie ihre Galetten zwei Wochen lang.
Und noch eins: passen Sie auf, dass dieses inzwischen heidnische Fest nicht noch dazu zum "étouffe-chrétien" wird: "étouffe-chrétien", wortwörtlich "Christen-Ersticker". So nennt man auf Französisch ein Essen, das so schwer im Magen liegt, dass es jeden normalen Menschen zum Ersticken bringen würde. Holen Sie also die Galette nur vom feinsten Bäcker.
Text: Clara Wasser
Bild: Claude Delafosse
der Brauch: die "galette des rois" finden Sie auf der
DVD 1
Erstellt: 05-05-04
Letzte Änderung: 25-01-12