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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 10. Februar 2008 - 10/02/08

der Gegenstand: der Nudelsalat

Corinne Delvaux erzählt uns heute von einem traumatischen Erlebnis aus ihrer Studentenzeit im Deutschland der 70er Jahre. Halten Sie sich fest.

Wir sind in den Siebziger Jahren. Ich bin eine junge französische Studentin in Deutschland. Zu dieser Zeit wohnt man als deutscher Student zwangsläufig in einer Wohngemeinschaft, ein Konzept, das damals in Frankreich absolut unüblich ist. Man teilt sich eine große Altbauwohnung, vorzugsweise vier bis fünf Zimmer. So hat man ein schönes, großes Zimmer für wenig Miete und kann die große Küche mitbenutzen, an deren Wand zwischen einem Che Guevara Poster und einem Plakat des Politgrafikers Klaus Staeck immer der unvermeidliche Putzplan und manchmal auch ein Kochplan hängt, der die Mitbewohner daran erinnern soll, wer wann dran ist, die Gemeinschaft zu bekochen.

Zu dieser Zeit wird viel gefeiert. Allerdings wird kaum getanzt auf diesen Parties, das wäre ja Zeitverschwendung, man muss doch die Welt verändern! Lieber diskutieren und diskutieren und diskutieren… Übrigens sagte man damals nicht Party sondern Fete! Mein Leben lang werde ich mich an meine erste Fete erinnern. Frankfurt am Main. Eine schöne  Altbauwohnung, natürlich mit weißer Rauhfasertapete an den Wänden, den oben erwähnten Plakaten und einem abgeschliffenen, versiegelten Holzboden. Doch dann trifft mich der Schlag: auf dem kalten Buffet thront eine riesige beigefarbene Plastikschüssel, Sie wissen schon, aus diesem Plastik, das mit der Zeit etwas grau wird.
Ich sage mir, oje, da hat jemand den Tisch geputzt und vergessen, die Waschschüssel wieder wegzuräumen, ich mache einen Schritt, um das Ding diskret wegzuschaffen, und da, der nächste Schock: in der grau-beigen Plastikschüssel befindet sich eine gelbliche, vermutlich essbare Masse, die fettig schimmert. Ein historischer Moment: ich mache Bekanntschaft mit dem Grundelement, mit dem A und O des 70er-Jahre-Buffets: dem Nudelsalat!

Ein Berg Nudeln, oft sind es Makaroni, unter den man nicht nur feingewürfelte Salami, sondern auch den Inhalt mehrerer Dosen Gemüseallerlei gemischt hat, also Erbsen, grüne Bohnen, Paprikastückchen und Mais. Zum Schluss wird das Ganze dann großzügig mit Mayonnaise direkt aus der Tube oder aus dem Glas veredelt. Ich weiß nicht, was mich mehr geschockt hat: der Inhalt oder das Behältnis. Der Nudelsalat oder die Schüssel. Fest steht nur, dass der Ekel, der mich damals überkam, mich ein für alle Mal daran gehindert hat, diese "Delikatesse" zu probieren, wie die Deutschen alle besonders raffinierten Gerichte zu nennen pflegen.

Meine Studienjahre über wurde ich von einem diffusen Schuldgefühl verfolgt. Stets warf ich mir vor, dass ich den Nudelsalat nicht nur probieren, sondern auch noch hätte lecker finden sollen, um mich perfekt zu integrieren, um durch die Nudel das wahre Wesen des deutschen Studentenlebens zu schmecken. Kürzlich war ich wieder auf einer Fete in Berlin. Auf dem Buffet, eine große, gläserne Salatschüssel. Darin: ein raffinierter Salat aus al dente gekochten Farfallenudeln, Büffelmozzarellakügelchen, Cocktailtomaten, Rucolasalat, das Ganze natürlich mit Olivenöl und Balsamessig fein angemacht. Und während ich diesen köstlichen euroitalienischen Salat genoss, bedauerte ich ein letztes Mal, dass ich den echten, den einzig wahren Nudelsalat vermutlich auf immer verpasst habe.

Erstellt: 06-02-08
Letzte Änderung: 16-05-12


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