Rechts ein französischer Spargel. Links ein deutscher Spargel. Sehen Sie den Unterschied? Natürlich, man sieht ihn sofort. In Frankreich mag man es, wenn die Spargelspitze leicht violett ist, in Deutschland hat man sie lieber ganz weiß. Makellos. Angeblich ändert das nichts am Geschmack, ich bin mir da aber nicht so sicher. Ich als Französin finde ja, dass der weiße Spargel etwas fade schmeckt, aber das ist wohl eine subjektive Empfindung.Wissen Sie eigentlich, wie Spargel wächst? Nein, er wächst nicht auf Bäumen. Kleine Erklärung. Ein Spargelfeld bedeutet sehr viel Arbeit. Im Frühling muss man erst einmal solche hübschen Beete wie diese hier vorbereiten. Dann wartet man auf den ersten Sonnenstrahl, und jetzt wird es erst richtig interessant. Plötzlich taucht ein Spargel auf. Er will zur Sonne, schiebt sich durch den Hügel hindurch und bricht die Erde auf, um ins Freie zu gelangen. Doch kaum ist der Kopf aus der Erde, wirkt das Sonnenlicht auf ihn ein und verändert seine Farbe. Dieses Phänomen nennt man Photosynthese, die guten Schüler unter Ihnen wissen das sicher noch aus dem Biologieunterricht.
Das Problem ist nur, dass die Deutschen lieber weißen Spargel essen. Sobald er violett wird, sinkt sein Verkaufspreis in Deutschland drastisch. Also müssen die Spargelbauern verhindern, dass ihr Spargel violett wird. Und dafür gibt es nur eine Lösung: kaum ist die Sonne aufgegangen, laufen sie in ihren einwandfrei geharkten Spargelbeeten hin und her, erspähen, wo die Erde aufbricht und stoßen mit sicherer Hand ihren Spargelstecher tief in den Boden, um das kostbare Gemüse zu ernten. Danach muss der Hügel wieder schön geglättet werden, damit man beim nächsten Mal eine neue Spargelspitze mühelos erkennt. Eine strapaziöse Arbeit unter ständigem Bücken.
Die französischen Spargelbauern sind viel gelassener, sie warten mit der Ernte, bis der Spargel schön weit aus der Erde guckt. Ihre Beete müssen deshalb nicht ganz so tadellos sein. Sie verstehen jetzt sicher, warum das französische Spargelfeld rechts es sich erlauben kann, ein bisschen unordentlicher zu sein als das deutsche Spargelfeld links. Die Deutschen sind noch verrückter nach Spargel als die Franzosen. Sie nennen es das königliche Gemüse und verspeisen davon zweieinhalb Kilo pro Kopf und pro Jahr, während es der Franzose nur auf lächerliche 500 Gramm bringt. Jahr um Jahr verfällt ganz Deutschland während der Spargelzeit in den Spargelwahn: Das traditionelle Menü besteht dann meistens aus Spargelcremesuppe gefolgt von Stangenspargel mit Schinken, Kartoffeln und Sauce hollandaise.
Nach der Esskultur nun ein wenig Kultur: Das ist ein Bund Spargel. Er befindet sich in Deutschland, im Kölner Wallraf-Richardz-Museum. Obwohl es französische Spargel sind: sehen Sie, die Spitzen sind violett. Sie wurden nämlich von Edouard Manet gemalt. Er hatte dafür von dem Sammler Charles Ephrussi 800 Francs verlangt. Der schickt ihm aber großzügig 1000 Francs. Also malt Manet ihm dieses Bild mit einem einzigen Spargel darauf und schickt es ihm, mit einem netten Brief: "es fehlte noch einer an ihrem Bund…" Dieser Spargel befindet sich im Pariser Musée d’Orsay.So, unsere Spargel sind wohl inzwischen gar, Zeit, sie zu verspeisen. Sehen Sie, unser deutscher Freund isst seinen weißen Spargel mit Messer und Gabel, unser französischer Freund hingegen mit den Fingern. Das macht man in Frankreich so, sogar bei feinen Anlässen. Wissen Sie auch warum? Anscheinend liegt es an der, wie soll ich sagen, anzüglichen Form des Spargels. Beim bloßen Gedanken daran, dort hinein zu schneiden, läuft es den Franzosen angeblich kalt den Rücken hinunter…







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