Das Wandern ist des Müllers Lust. Das weiss jeder Deutsche. Schliesslich wurde jeder Deutsche irgendwann in seinem Leben mit dem Ohrwurm von Müllers Wanderlust gequält ("das wahahahahawahdern, das wahahahawahndern, das waahandern, das wahandern, das waahandern."). Das Wandern ist auch ganz allgemein der Deutschen Lust. Denn: 35 Millionen Deutsche wandern, 10 Millionen regelmässig. Was singen deutsche Kinder, während die kleinen Franzosen singen "au clair de la lune, mon ami Pierrot", sie singen: "Hänschen-Klein ging allein, in die weite Welt hinein, Stock und Hut stehn ihm gut, ist gar wohlgemut." Wie Hänschen im Volkslied verfügt der zünftige deutsche Wanderer über festes Schuhwerk, Hut und Wanderstock. Dieser ist meistens aus Haselnussgehölz handgeschnitzt. Früher war der Wanderstock unentbehrlich, weil man damit sein Bündel, ein paar Sachen in einem Tuch zusammengebunden, tragen konnte. Der Stock wurde über die Schulter gehalten, das Bündel baumelte am Ende.Heute wird er nur noch als Wanderhilfe benutzt, und zwar so ….Der deutsche Wanderer ziert seinen Wanderstock mit bunten Plaketten aus Metall, die man in Souvenirläden, an besonders markanten Aussichtspunkten, Wanderzielen und Rastplätzen kaufen und mit Nägelchen am Stock befestigen kann. Der Brauch stammt offenbar aus alten Zeiten, als fahrende Scholaren und Handwerksburschen auf der Walz mit den Plaketten bekundeten, wie weit sie schon herumgekommen sind. Wer Handwerksmeister werden wollte, musste zuvor Geselle und auf Tour gewesen sein. Das Wandern hat also Tradition. Kein Wunder, dass Anfang des vorigen Jahrhunderts als Reaktion auf schnelle Industrialisierung und Verstädterung und als Protest gegen bürgerliche Spiessigkeit im Kaiserreich der "Wandervogel" gegründet wurde, Ursprungsgruppe der Jugendbewegung, junge Menschen suchten im Wandern, naturnaher Lebensweise und Pflege von Volkslied und Tanz einen neuen Lebensstil.
Wissen sie, dass wir einen Bundespräsidenten gehabt haben, der beim Amtsantritt die Gesellentradition fortsetzte und die gesamte Republik erwandert hat? Das war Karl Carstens und das war 1979. Ja, ich weiss , Sie haben auch einen Präsidenten in Frankreich gehabt, der gerne wanderte, das war François Mitterrand. Da müssen wir allerdings lächeln, wenn Sie uns an seine Gewohnheit erinnern wollen, jedes Jahr an Pfingsten den zugegebenermaßen mächtigen Felsen von Soloutré in seinem Wahlkreis Nièvre zu erklimmen. Geben Sie zu: das Kraxeln glich mehr einer Pilgertour. Der Hirte mit dem Pilgerstab ganz vorne, die auserwählten Jünger hintendran. Wichtig war vorallem, auf dem Gruppenbild mit dem Präsidenten zu sein. Nein, nein, das hat mit echtem Wandern nichts zu tun, mit dem romantischen "sich in der Natur ergehen und ergötzen", für uns Deutsche ist das Wandern eine echte Seelenmassage.







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