Sendung vom 5. April 2009 - 05/04/09
der Gegenstand: die Kuckucksuhr
die Kuckucksuhr
Hajo Kruse stellt uns einen deutschen Gegenstand vor, der ihm sehr am Herzen liegt und dessen Ticken ihn durch den Tag begleitet.
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Die Kuckucksuhr stammt aus der Schweiz. Das weiss jeder Franzose. Naja, das glaubt er auf jeden Fall zu wissen. Denn die Kuckucksuhr stammt in Wirklichkeit aus dem Schwarzwald. Das weiss jeder Deutsche. Die Franzosen gehen in ihrer Vermessenheit sogar so weit, die deutsche Kuckucksuhr, dieses Gesamtkunstwerk, das Funktionalität, Fantasie und Schönheit verbindet, "coucou suisse" zu nennen. Zu diesem Missverständnis hat unter anderem vermutlich der folgende respektlose Spruch aus Carol Reeds Filmklassiker Der dritte Mann beigetragen: "In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe. 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!".
Und so sieht sie aus, die deutsche Kuckucksuhr: ein kleines, üppig verziertes Holzhäuschen, um das sich geschnitzte Blätter, Vögel, tote Hasen und andere Waldgestalten ranken. Ein paar grosse Tannenzapfen sind mit Metallketten unter dem Gehäuse angebracht und dienen dazu, das Uhrwerk aufzuziehen. Der Clou der ganzen Sache ist jedoch dieses Fensterchen hier, hinter dem ein unermüdlicher Kuckuck darauf wartet, zu jeder vollen Stunde seinen Schnabel zu zeigen und seinen nervtötenden Ruf durch deutsche Wohnzimmer hallen zu lassen.
Sie finden das furchtbar kitschig? Spiessig? Wie können Sie nur! Wussten Sie, dass dieses Uhrgehäuse zu seiner Entstehungszeit unglaublich modern war? Die niedliche Bahnhäusleuhr wurde nämlich im Jahre 1850 für einen Wettbewerb kreiert, der das Image der biederen Schwarzwalduhren aufpeppen sollte, in denen auch damals schon ein hölzerner Kuckuck sass. Der Architekt der badischen Staatseisenbahnen, Friedrich Eisenlohr, reichte diesen Entwurf ein: ein Bahnwärterhäuschen, für damalige Verhältnisse der Inbegriff des Fortschritts! Ihr bahnbrechendes Design verdrängte bald alle anderen Formen der Kuckusuhr vom Markt.
Inzwischen gibt es natürlich unzählige Abwandlungen der klassischen Uhr: röhrende Hirsche und tanzende Gartenzwerge sollen für Stimmung sorgen, man baut sie in edlem Weiss, in schickem Schwarz, für Kinder und sogar für Fussballfans… Eines haben alle Kreationen jedoch gemein: hinter jedem Fensterchen sitzt ein pünktlicher deutscher Kuckuck und wartet auf seinen Einsatz.
Warum eigentlich ein Kuckuck, fragen Sie sich? Ganz klar, weil der Kuckucksruf so unverwechselbar ist!
Jeder Deutsche hat sich bestimmt schon einmal die Frage gestellt, durch welchen raffinierten Mechanismus dieser Kuckucksruf zustande kommt.
Karambolage hat die Ehre, das Geheimnis heute abend für Sie zu lüften: Der Mechanismus, der bereits im 17. Jahrhundert entwickelt wurde, funktioniert so: Sie sehen hier, im Uhreninneren, zwei Flöten, ein bisschen wie winzige Orgelpfeifen. Diese Flöten sind unter zwei Blasebälgen angebracht, die von zwei Drähten gehalten werden. Wenn es Zeit für den Kuckucksruf ist, lassen die Drähte die Blasebälge schlicht und einfach zusammensacken, die Luft erreicht die Pfeifen, und… kuckuck, kuckuck!
Genial, oder?!
Text: Hajo Kruse
Bild: Philipp Halfmann
Erstellt: 01-04-09
Letzte Änderung: 07-10-11