Sie ist typisch für französische Strände. Sie ist aus Holz, oft weiß, manchmal auch blau-weiß gestreift. Natürlich: die Strandkabine! Es gibt sie in Nordfrankreich, an den Küsten der Nordsee und des Ärmelkanals. Sie gehört zur Landschaft und verleiht ihr einen diskreten Charme. Die Kabinen stehen an der Strandpromenade, ordentlich aufgereiht. Manchmal werden sie nach der Saison abgebaut, gelagert und im Frühling wieder aufgebaut. Wussten Sie eigentlich dass diese Kabinen früher Räder hatten? Ein gewisser Doktor Russel, ein Arzt aus Brighton in Südengland, entdeckt gegen Mitte des 18ten Jahrhunderts die heilende Wirkung von Meeresbädern. Die Engländer beginnen also, sich im Meer zu baden. Doch bald reichen ihnen ihre Küsten nicht mehr aus und die Reicheren erobern Mitte des 19ten Jahrhunderts die Küsten Nordfrankreichs, wo bald Badeorte entstehen.
Natürlich ist es damals undenkbar, im Badeanzug am Strand herum zu spazieren! Sicher, die wenigen Einheimischen, die sich damals baden, tun das im Adamskostüm; die Engländer jedoch kommen mit einer Strandkabine auf Rädern und unterziehen sich vor dem Bad einem regelrechten Ritual: die Lady wird am Strand gebeten, in der Kabine Platz zu nehmen; oft unter Begleitung des Dienstmädchens, das ihr hilft, sich auszukleiden und den Badeanzug anzuziehen. Währenddessen wird ihr Wagen von einem Pferd ans Ufer gezogen, wo der Kutscher ihn wendet und mit Blick zum Meer abstellt. Dann steigt die Dame die Treppe herunter und badet, weitab von indiskreten Blicken. Manchmal wird auch ein breites Faltdach von der Hinterwand der Kabine bis zum Meer gezogen, um die Dame völlig abzuschirmen. Sollte sie zu ängstlich sein, um alleine ins Wasser zu springen, kann ihr Ehemann einen Bademeister unter den Fischern mieten. Der Bademeister hebt die Dame hoch, wartet auf die Welle und taucht mit ihr ins Wasser.
Nach dem Bad steigt die Dame wieder in die Kabine. Wenn sie ihre Toilette beendet hat, zieht sie von innen eine Eisenstange, und klappt so ein kleines Fähnchen aus. Damit bedeutet sie dem Fahrer, dass er mit seinem Pferd zurückkommen soll, um sie samt Kabine wieder auf festen Boden zu bringen. Am Strand von Boulogne-sur-Mer tauchen die ersten drei Wagen im August 1824 auf. 1865 zählt man schon über hundertfünfzig dieser fahrenden Umkleidekabinen. Es gibt sogar so viele, dass sie die Landschaft verschandeln und den Blick aufs Meer versperren. Allmählich lockern sich die Sitten. Die Nixen stellen ihre Badenanzüge zur Schau, auch wenn diese noch sehr sittsam sind. Nach und nach beschließen die neuen Badeorte, die Kabinen entlang der Promenade fest zu verankern. Die Gebühren für die Strandkabinen werden bald zu einer Einnahmequelle für die Gemeinden.Heutzutage herrscht großer Andrang auf diese Kabinen, die über Generationen weitergegeben werden; die Wartelisten sind lang. 400 Namen auf der vom Badeort Le Touquet zum Beispiel.Zur Strandkabine gehört aber noch mehr: Es gibt zum Beispiel keine Kabine ohne Guckloch. Die Kabinen in Yport sind berühmt für ihre "Gucklöcher in Brust- und Bauchhöhe". Für manche ist die Strandkabine eine regelrechte Ferienwohnung, andere benutzen sie lediglich, um Surfbrett und Kinderspielzeug so nah wie möglich am Meer zu deponieren.







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