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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 26. Juli 2009 - 26/07/09

der Gegenstand: die "toile de Jouy"

die "toile de Jouy"


Oberkampf, Oberkampf, können Sie etwas mit diesem Namen anfangen? Worum könnte es gehen? Corinne Delvaux erklärt es uns:

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In Paris gibt es eine rue Oberkampf und eine gleichnamige Metrostation. Sehr schön. Was bedeutet aber Oberkamp? Kleiner Test: - Oberkampf, nein, das weiß ich nicht. - …ein General, eine Schlacht, irgendwas mit Napoleon. - Keine Ahnung. Ich hatte Spanisch, kein Deutsch. Ich weiß es nicht. -…vielleicht ein Philosoph, Mathematiker, Seefahrer, ein Oberst, weiß nicht. - Ich sage sicher was Dummes, ist das nicht ein General, Oberkampf? Gut. Sehen wir weiter. Kennen sie diesen Stoff?

Die Franzosen erkennen sofort die toile de Jouy, den Stoff aus Jouy. Er heisst "Toile de Jouy", weil er ursprünglich in einer Textilmanufaktur in Jouy-en-Josas hergestellt wurde, einer kleinen Stadt an dem Fluss Bièvre, im Süden von Paris. Diese Manufaktur wurde 1760 von einem gewissen – und jetzt kommt’s - Christophe-Philippe Oberkampf, einem aus Wiesenbach in Württemberg gebürtigen Deutschen, gegründet. Das ist ein Schock für die Franzosen.

Wer hätte gedacht, dass dieser urfranzösische, in Deutschland praktisch unbekannte Stoff, von einem Deutschen erfunden wurde? Welch charmante Szenerien: Kinder lassen ihren Wägelchen von einem Ziegenbock ziehen, ein Jäger bläst in sein Horn, ein Hund verfolgt einen Hirsch. Eine Magd bandelt mit einem Knecht an, ein Hahn oder Huhn schaut dabei zu. Die Damen, vermutlich Gräfinnen, stehen unter einem Sonnendach und zeigen in die Ferne, das Dekor ist idyllisch, die Ruinen pittoresk. Andere Szenen kommen aus der Mythologie.

Die meisten dieser Zeichnungen stammen von Jean-Baptiste Huet, einem Tiermaler des 18ten Jahrhunderts, und sind offensichtlich von den galanten Szenen Antoine Watteaus inspiriert, der damals sehr in Mode war. Der Stoff aus Jouy spiegelt eine Natur wider, wie Marie-Antoinette sie sich vorstellte, die Frau Ludwigs XVI, die sich im Park von Versailles Schafe hielt: die Marquisen wandeln unter Sonnenschirmen und halten Schwätzchen mit dem einfach gekleideten Volk, das sich in der idyllischen Natur abrackert.

Die charmanten Zeichnungen sind in feinen Abstufungen wie rot, blau, grün, braun, schwarz, gelb usw gehalten. Bei den Aristokraten sind diese Dekorationsstoffe sofort beliebt: für Vorhänge, Wandbehänge, Bettüberwürfe, Paravents, Sessel, Tischdecken, Lampenschirme usw usw. Nicht einmal die französische Revolution kann diesen unrealistischen Szenen den Garaus machen. Sicher, der Aufschwung der Manufaktur wird nach der Revolution und in den Jahren des Schreckenregimes gebremst, doch das ist nur vorübergehend, denn Oberkampf ist ein hervorragender Stratege.

Der Firmenchef, ein Patriarch, der zwar Arbeitsplätze sichert, aber gleichzeitig sein Vermögen vergrößert, steuert sicher durch diese schwierige Zeit. Er behält zwar immer einen starken deutschen Akzent, französisiert jedoch geschickt seinen Vornamen, heiratet eine französische Bürgerstochter und wird 1790 sogar Bürgermeister von Jouy en Josas. Und kaum ist die Luft wieder rein, holt das französische Großbürgertum die Jouy-Stoffe wieder hervor.

Napoleon ist sehr beeindruckt von dem umtriebigen Unternehmer, der stets auf dem neusten Stand der Technik ist. Und er weiß, wie wichtig es für Frankreich ist, eine starke Textilindustrie zu entwickeln, um die englische Vorherrschaft zu bremsen. Zweimal besichtigt der französische Kaiser die Manufaktur. Hören sie, wie Gottlieb Widmer die Szene beschreibt: " …Man gab dem Pferd ein Signal, der weiße Stoff  wurde von einer Kupferwalze eingezogen, und  kam bedruckt, bei einer Geschwindigkeit von 7 einhalb Metern pro Minute wieder heraus. Danach änderte man das Motiv, indem man unverzüglich eine neue Walze an die Stelle der eben verwendeten setzte.

Diese rasche Handhabung gefiel dem Kaiser sehr. Was seine Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich zog, waren die zahlreichen Walzen im Atelier, die so symmetrisch angeordnet waren wie Artilleriegeschütze in einem Waffenlager. Man beeilte sich, ihm zu sagen, dass sich unter diesen Walzen 25 befänden, deren Rohmaterial von ein paar edlen, 1798 in Rom erbeuteten Kanonen stamme. Da holte er seine Generäle, um mit ihnen über das eigenartige Schicksal dieser Geschütze zu lachen…"  

Verständlich, dass der Kaiser am Ende seines Besuches seinen eigenen Orden aus dem Knopfloch nimmt, um ihn Oberkampf mit den Worten zu übergeben: "niemand sei würdiger als er, ihn zu tragen". Auch wenn die Manufaktur Oberkampf 1843 geschlossen wurde, bleibt der Erfolg der toile de Jouy ungebrochen. Mit Höhen und Tiefen. Doch sie ist immer wieder en vogue. Man denke nur an die Tapeten, die in den 60ger Jahren in den gutbürgerlichen französischen Kinderzimmern Mode waren: rosa für die Mädchen, grün oder blau für die Jungen. Noch kürzlich gab eine Marke für Kinderkleidung eine Kollektion mit "Toile de Jouy"-Motiven heraus. Tja, die toile de Jouy ist eben ein Bestandteil dieses diskreten guten Geschmacks à la française, der mit ruhiger Entschlossenheit, stur dem Lauf der Zeit trotzend, die Jahrhunderte durchquert.


Text: Corinne Delvaux
Bild: Sabine Allard

Erstellt: 23-07-09
Letzte Änderung: 23-07-09


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