Das ist ein typisches Berliner Gebäude aus der Gründerzeit, der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, als Bismarck die deutsche Einheit begründete. Die Wohnungen darin sind sehr groß, mit repräsentativen Räumen auf die Straße hinaus und zwei schönen Balkonen. Sie sagen jetzt, es gibt in vielen großen Städten große bürgerliche Wohnungen. In Berlin gibt es jedoch eine Besonderheit, und zwar sind die repräsentativen Räume mit dem hinteren Teil der Wohnung durch ein spezielles Zimmer verbunden, das man das Berliner Zimmer nennt.Der Grundriss dieses Zimmers ist immer derselbe: 30 bis 35 Quadratmeter, Stuck an der Decke, Parkett, ein Kachelofen, drei Türen und ein einziges Fenster in der Ecke. Dieses einzige Fenster, mit Blick auf den meistens engen und dunklen Hinterhof, bringt nie genügend Licht: im Berliner Zimmer ist es immer düster und man muss sommers wie winters das Licht anmachen. Drei Türen: eine elegante Flügeltür führt in das Empfangszimmer mit Blick auf die Strasse, eine einfache Tür führt auf den Eingangsflur, und eine dritte, genauso einfache, auf den hinteren Flur, zu den Schlafzimmern und der Küche.
Das Berliner Zimmer ist also ein Durchgangszimmer zwischen dem vornehmen und dem profanen Bereich der Wohnung, den schönen Gemächern und der Dienstbotenkammer, einem winzigen Raum am Ende eines endlosen Ganges, gleich neben der Hintertreppe. Solche Wohnungen wurden in grossem Umfang während des Wirtschaftsaufschwungs kurz vor dem ersten Weltkrieg gebaut. Doch die Inflation der zwanziger Jahre ruinierte in ganz kurzer Zeit diejenigen, die in diesen schönen Wohnungen wohnen sollten: die Mittelklasse.Schluß mit Wohnungen mit Dienstbotenzimmern, Schluß mit prachtvollen Fassaden und dreckigen Hinterhöfen. Das Berliner Zimmer gibt es allerdings noch immer, Zeuge einer endgültig vergangenen Epoche. Dort wo es die massive Zerstörung durch die Bombenangriffe des zweiten Weltkrieges und auch die Neuaufteilung der Wohnungen überlebt hat, bekommt das alte Berliner Zimmer nun ein neues Gesicht. Und immer, wenn man eine Berliner Wohnung betritt, fragt man sich voller Neugier, wie die Bewohner es sich wohl angeeignet haben: hier als Bibliothek, da als Wohnzimmer, dort als Esszimmer, oft als gesellige Küche, Spielzimmer oder einfach als multifunktionellen Wohnbereich. Es bietet seinen Bewohnern nämlich etwas, das in den rationellen Gebäuden Ende des 20ten Jahrhunderts selten ist: einen undefinierten Bereich mitten in der Wohnung, einen Freiraum. Wenn man sieht, was die Berliner alles aus ihrem Berliner Zimmer machen, könnte man denken, es sei ihr Lieblingszimmer.







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