Schriftgröße: + -
Home > Europa erkunden > Karambolage

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 28. Oktober 2007 > der Ort: der Friedhof

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 28. Oktober 2007 - 28/10/07

der Ort: der Friedhof

der Friedhof


Kurz vor Allerheiligen lädt uns Nikola Obermann zu einem kleinen Spaziergang auf deutsche und französische Friedhöfe ein.

Ich bin weder besonders romantisch, noch feiere ich schwarze Messen, dennoch spaziere ich gerne über Friedhöfe. Ich genieße die Ruhe dort. Dabei ist mir ein grundlegender Unterschied zwischen den deutschen und den französischen Friedhöfen aufgefallen. Überlegen Sie einmal. Die Lage? Die Friedhofsmauer? Die Öffnungszeiten? Nein, die Gräber! Ein französisches Grab besteht meistens aus einem Grabstein und einer Granitplatte, die das Grab verschließt.


Darauf stellt man Schilder aus Marmor, von oft zweifelhaftem Geschmack, in die ein Spruch der Familie oder des Fußballvereins des Verstorbenen eingraviert ist. Und dann natürlich Blumen. Echte, in einer Vase oder in einem Blumentopf, oder künstliche, aus Keramik, Stoff oder Plastik, die sind pflegeleichter. Wie bitte? Blumen aus Keramik und aus Plastik? Ein Deutscher würde sich bei so etwas im Grabe umdrehen! In Deutschland nämlich muss ein Grab aussehen wie ein kleiner Garten. Sehen Sie, vor dem Grabstein wachsen Hyazinthen, Tulpen, Narzissen und Efeu, alles direkt in die Erde gepflanzt. Und dort haben wir eine wundervolle Herbstbepflanzung, mit Astern, Heidekraut und Chrysanthemen.

Hübsch, oder? Gut, es handelt sich nicht um einen Wettbewerb, aber es ist klar, dass man immer auch mal schaut, wie der Nachbar sich so anstellt. Um auf der Höhe zu bleiben, kann man in Deutschland Ratgeber kaufen, in denen steht, welche Blumenart man wann pflanzt, wie man unter Berücksichtigung der Form des Grabes ein harmonisches Beet anlegt, usw.



Diejenigen, die weit weg wohnen, und diejenigen, die Wichtigeres zu tun haben, als Woche für Woche zu Omas Grab zu pilgern, um Unkraut zu jäten und die Begonien zu gießen, können beim Friedhofsgärtner einen Pflegevertrag abschließen - das kostet sie zwischen 200 und 400 Euro pro Jahr. Kein Vergleich zur Pflege eines französischen Grabes, wo es völlig ausreicht, einmal jährlich mit einem feuchten Lappen über die Grabplatte zu gehen. Das machen übrigens viele Franzosen so, an Allerheiligen, wenn sie ihren Topf Chrysanthemen hinstellen. Die Gräber in einem deutschen Friedhof bilden also einen riesigen Garten, den die Familien oft besuchen. Die französischen Gräber bilden eine Nekropole: eine Stadt der Toten. Woher kommt dieser Unterschied?

Es gibt eine religiöse Erklärung: In den katholischen Ländern begrabe man die Toten in geschlossenen Gruften, weil dort die Stofflichkeit des Körpers im Vordergrund steht. Und zwar versuche man, den Köper so gut es geht, zu erhalten, für den Tag der Auferstehung. Sie wissen vielleicht, dass der Vatikan die Feuerbestattung noch bis 1963 verbot. In den protestantischen Ländern bevorzugt man die pflanzliche Metapher für den Aufstieg der Seele ins Jenseits.

Auch das Klima wird angeführt: In den südlichen Ländern sei es so heiß, dass man von den Verbliebenen nicht verlangen könne, jeden Tag gießen zu gehen. Die Deutschen haben sogar ein ökologisches Argument: horizontale Grabplatten versiegelten den Boden und hinderten das Regenwasser somit, in die Erde einzudringen. Dieses Argument ist den Franzosen anscheinend völlig egal. An all diesen Erklärungen ist sicher etwas dran, ich glaube jedoch, der Unterschied ist vor allem kulturell: in der Vorstellung der Franzosen ist der Stein ewig. In der Vorstellung der Deutschen ist es die Natur.




Erstellt: 24-10-07
Letzte Änderung: 18-03-11


+ aus Europa erkunden